Lucebert

Er ist lebenslang primär Dichter. Doch Malen, Zeichnen und später Radierungen begleiten stets sein literarisches Schaffen. Oft tendiert er zu ambivalenten, Nightmare-artigen Szenarien, die offen lassen, ob die oft prominent gezeigten Zahnreihen grinsenden Triumph darstellen oder Angstschauder verbreiten.

Lubertus Jacobus Swaanswijk, der sich ab 1945 Lucebert (Lichtbringer) nennt, wird am 15. September 1924 im Arbeiterviertel de Jordaan in Amsterdam geboren. Früh beginnt er Gedichte zu schreiben, die er selbst illustriert, 1936 unterstützen Lehrer sein offenkundiges literarisches Talent. Auf Empfehlung kann er 1939 an der Rietveld Akademie in Amsterdam studieren, muss von da an jedoch aus wirtschaftlichen Gründen und bis zu seiner Internierung 1943/44 durch die Gestapo in Wittenberge dem Vater beim Fassadenanstrich assistieren. In dieser Zeit eignet er sich die Technik der Fresco-Malerei an, was ihm 1947/48 zwei Aufträge der katholischen Kirche in Amsterdam und dem Franziskanerkonvent in Heemskerk einbringt.

1948 ist Lucebert Mitbegründer der literarischen Avantgardegruppe Experimentele Groep in Holland, die die Zeitschrift »Reflex« herausgibt. Zusammen mit Asger Jorn, Constant, Corneille und Pierre Alechinsky ist Lucebert Mitglied der Gruppe COBRA. Bei deren erster Ausstellung 1949 im Stedelijk Museum in Amsterdam trägt er seine surrealistische und dadaistische Lyrik vor, die das Publikum so aufbringt, dass die Polizei eingreifen muss. Luceberts malerisches Schaffen ist im Farbauftrag sowohl an Asger Jorn orientiert als auch besonders in der Figuration an Jean Dubuffet. Menschliche Masken, Fratzen verwebt er mit gespenstischen Mischwesen. Oft ist sein Farbeinsatz, wie beispielsweise bei Nuit de Printemps von 1962 tonal geschichtet. Später gesteht Lucebert seine Farbblindheit ein, so dass er immer mit Hell-Dunkel-Werten arbeitet und Farbstrukturen ponderiert.

Luceberts Motive zeigen in kindlicher Manier Zähne bleckende Fratzen, Phantasiegeschöpfe mit Menschenmasken, Vogelkörpern und Libellenflügeln oder kleine sackartige, flugbegabte Gespenster, die wie die Relikte wilder Märchenträume sich in einem Bildfeld tummeln. Wie in der Frühlingsnacht kann Lucebert auch lyrisch heitere Kompositionen erstellen. Doch oft tendiert er zu ambivalenten, Nightmare-artigen Szenarien wie sie das Werk von James Ensor kennzeichnen und die offen lassen, ob die oft prominent gezeigten Zahnreihen grinsenden Triumph darstellen oder Angstschauder verbreiten. Seine zeichnerischen Illustrationen, teilweise zusammen mit Corneille ausgeführt, zeigen die Leichtigkeit der Phantasiefigur und des Strichs wie sie auch Zeichnungen von Paul Klee anhaften.

Lucebert ist lebenslang primär Dichter. Erstmals 1954 erhält er den Lyrikpreis der Stadt Amsterdam. Insgesamt dreizehn Lyrikbände veröffentlicht er. Sein Werk wird teilweise, u.a. von Bruno Maderna vertont, und er erhält alle großen holländischen Literaturpreise. Doch Malen, Zeichnen und später Radierungen begleiten stets sein literarisches Schaffen. 1954, er ist in dem Jahr auf der Documenta II in Kassel vertreten, lädt ihn Bert Brecht nach Ostberlin ein.

In einer Haarlemer Galerie hat er 1958 seine erste Einzelausstellung. Auch auf der Documenta III ist er 1964 präsent. Von da an verbringt er immer längere Zeit des Jahres im spanischen San Roque bei Altea/ Alicante, wo er sich später ein Haus und Atelier baut. In Holland ist er als Mitglied der Literatengruppe De Vijtftigers arriviert. Seine erste große Retrospektive zeigt das Amsterdamer Stedelijk Museum im Jahr 1969. Überdies entstehen im Auftrag der Stadt Amsterdam zwei Theaterstücke – Popetgom und Fata Banana. Erneut in öffentlichem Auftrag entsteht 1989 das Oratorium Troost de hysterische robot. In Zusammenarbeit mit der Berliner Keramikerin Kattrin Kühn erarbeitet Lucebert ab 1991 auch keramische Gefäße, die an die früheren traumartigen Fabelwesen der malerischen Kompositionen anknüpfen.

In einem Interview beschreibt Lucebert seine künstlerische Haltung lapidar: »Als Kind fing ich an zu zeichnen und ein bisschen zu schreiben. Ich schrieb kleine Geschichten und illustrierte sie auch mit einer Art Cartoons. Da war ich so sieben, acht oder zehn Jahre alt. Ich träumte damals, dass ich mal ganz berühmt wäre. Das war meine Insel von Freiheit [Lucebert führt Napoleon und eine Besteigung des Himalaya an]. Gemessen an so großen Vorstellungen ist die Kunst eigentlich unnützlich. Aber im Unnützen finden Leute wie ich dann ihren Raum und die größte Freiheit …« (zit. n.: H. Thiel, in: Kunstforum International, 105/1990, 246 — 251, 247).

Am 10. Mai 1994 stirbt Lucebert in Alkmaar.

Literaturauswahl

Still, R. (Hg.): Ein Baum ist ein Bein ist ein Buch: Gedichte und Zeichnungen aus dem Nachlass Lucebert, Warmstein 2009

Jensen, J. Ch. (Hg.): Besuch bei Lucebert: Arbeiten auf Papier, Münster 1994

Thiel, H.: Man läuft ständig umher im imaginären Museum … Ein Gespräch mit Lucebert, in: Kunstforum International, 105/1990, 246 — 251

Der junge Lucebert: Gemälde, Gouachen, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen 1947 bis 1965: Ausst.-Kat. Kunsthalle Kiel, hg. v. J. Ch. Jensen, Kiel 1989

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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