Lovis Corinth

Insbesondere die Porträts und Akte erscheinen noch heute von ungebrochener Radikalität und mit unmittelbarem Bezug zur Wirklichkeit fernab jeder Fantastik. Corinth moduliert Körper und Gesichter mit energischen, breiten Strichen und löst den Hintergrund fast in pastoser Farbe auf.

Franz Heinrich Louis Corinth wird 1858 in Tapiau im damaligen Ostpreußen (Gwardejsk, heute Russland) geboren. Er studiert Malerei an der Kunstakademie Königsberg und wird 1880 an die Kunstakademie München empfohlen. Dort positioniert sich Corinth auf der Seite einer modernen naturalistischen Malerei. Der Wehrdienst unterbricht 1882/83 das Studium. Corinth reist nach Antwerpen und Paris (1884/85), wo er zwar jeweils längere Studien absolviert, die aktuellen Bewegungen der Kunst jedoch noch keinen größeren Einfluss auf ihn haben. 1887/88 besucht er Berlin und Königsberg. Corinth probiert sich mit Fenstermotiven in der Plein-Air-Malerei, bleibt jedoch noch der eher akademischen Malerei treu. Er beginnt mit Radierungen.

Wie seine Medien Öl, Zeichnung, Aquarell, Radierung ist auch sein Themenspektrum groß: Es sind private Szenen, Porträts, Akte, Stillleben, auch Landschaften. In den 1890er Jahren sticht eine Werkgruppe hervor: die Schlachthausszenen. Corinth wählt eine rohe, unmittelbare Darstellung von Fleisch und Blut. In ihrem schnellen Duktus wirken sie fast skizzenhaft und wie vom groben Treiben der Szene angeregt. Einige antike und christliche Legenden beschäftigen ihn immer neu, wie Salome (1900, 1903) oder Die Kreuzesabnahme (1890, 1895, 1906), mit der er 1895 eine Auszeichnung im Münchener Glaspalast gewinnt. 1896 stellt er das Selbstporträt mit Skelett vor; es ist eine »Befreiung … von der idealistischen Kunst eines Arnold Böcklin … um einer nüchternen, materialistischen Kunstauffassung Bahn zu brechen« (Andrea Bärnreuther: Biografie, in: Lovis Corinth: Ausst.-Kat. Haus der Kunst München, Nationalgalerie Berlin 1996, hg. v. Peter-Klaus Schuster, Christoph Vitali, Barbara Butts, München/ New York 1996, 15).

In den Münchener Jahren 1891 bis 1900 stellt sich der große Erfolg noch nicht ein. Corinth schließt sich der Künstlervereinigung »Secession« an. Als diese sein Bild Salome ablehnt, beschleunigt dies seine Pläne, nach Berlin zu wechseln. Dort bringt ihm das Bild den erhofften Durchbruch. Er gründet 1901 eine Malschule, wird Mitglied der Berliner Secession und bekommt seine erste Solo-Ausstellung. Bis 1910 wird er zum gefragtesten Künstler in Berlin, stellt regelmäßig aus, und einige Museen kaufen seine Werke an. 1902 entwirft er ein Bühnenbild zur Salome-Inszenierung von Max Reinhardt, weitere Bühnen folgen. Er publiziert über Kunst und Künstler und schreibt an seiner Autobiografie, die allerdings erst posthum veröffentlicht wird.

Er ist auf dem Gipfel seiner Malerei angelangt. Insbesondere die Porträts und Akte erscheinen noch heute von ungebrochener Radikalität und mit unmittelbarem Bezug zur Wirklichkeit fernab jeder Fantastik. Corinth moduliert Körper und Gesichter mit energischen, breiten Strichen wie die Nana (1911) und löst den Hintergrund fast in pastoser Farbe auf. Die Drastik in seiner Malerei wird er bis an sein Lebensende kontinuierlich steigern. Selbst in den religiösen Themen greift er auf eine rohe Malweise zurück und inszeniert einen rein menschlichen, leidenden, fleischlichen Christus.

Im Jahr 1911 hinterlässt ein schwerer Schlaganfall eine Halbseitenlähmung, dennoch arbeitet Corinth weiter. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, ist Corinth auf einer Studien- und Erholungsreise in Italien und der Schweiz. Er begrüßt den Krieg wie so viele seiner Zeitgenossen als Möglichkeit für einen Neubeginn. Seine deutschnationale Haltung gibt er mit der Hoffnung zu erkennen, die »deutsche Kunst« würde zu einer hegemonialen Stellung gelangen. Dem zum Trotz werden die späteren Werke Corinths von den Nationalsozialisten als »entartet« eingestuft. Ab 1919 zieht sich der Maler gemeinsam mit seiner Frau zurück, malt, radiert und schreibt aber weiterhin. 1920 publiziert er Gesammelte Schriften.

Das letzte Lebensjahrzehnt ist vor allem von Ehrbezeugungen geprägt: 1917 erhält Corinth die Ehrenbürgerschaft der Stadt Tapian, 1918 wird er Professor der Akademie der Künste Berlin, 1921 Ehrendoktor der Albertus-Universität Königsberg und 1925 Ehrenmitglied der Bayrischen Akademie der Künste. Retrospektiven werden ausgerichtet (1918 Berliner Secession, 1923 Nationalgalerie Berlin, 1924 Kunsthaus Zürich, Königsberg). Sein letztes großes Werk ist das Bild Ecce Homo (1925). Im selben Jahr stirbt er während einer Reise durch Holland.

Literaturauswahl

Lorenz, Ulrike, Marie-Amelie Prinzessin zu Salm-Salm, Hans-Werner Schmidt (Hg.): Lovis Corinth und die Geburt der Moderne: Ausst.-Kat. Musée D’Orsay, Paris, Museum der bildenden Künste, Leipzig, Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Bielefeld/Leipzig 2008

Fehlemann, Sabine (Hg.): Lovis Corinth: Ausst.-Kat. Von der Heydt Museum, Wuppertal 1999

Lovis Corinth: Ausst.-Kat. Haus der Kunst München, Nationalgalerie Berlin 1996, hg. v. Peter-Klaus Schuster, Christoph Vitali, Barbara Butts, München/New York 1996

Berend-Corinth, Charlotte (Hg.): Lovis Corinth: Die Gemälde. Werkverzeichnis, neu bearbeitet von Béatrice Hernad, München 1992

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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