Louis Soutter

Soutters Werk wird erst gut zehn Jahre nach seinem Tod Gegenstand von Ausstellungen und Publikationen. Vor allem jüngere Publikationen rütteln an den früheren Kategorisierungen und würdigen Soutters zeichnerisches, gleichermaßen körperbezogenes wie kürzelhaftes Werk, sein Umfeld und seinen Einfluss auf die Kunstgeschichte.

Louis Soutter wird 1871 in Morges am Genfer See geboren und wächst in großbürgerlich-protestantischem Milieu auf. Als Kind erhält er bereits Violinunterricht. Seine Mutter ist die Großtante des Architekten Le Corbusier. So liegt Soutters Aufnahme zunächst des Ingenieur-Studiums an der Universität Lausanne, dann der Architektur an der Universität Genf nahe. Ein erneuter Wechsel führt Soutter schließlich in das musikalische Zentrum Brüssel an das Conservatoire Royal, an dem er u.a. bei dem Geiger und Komponisten Eugène Ysaye studiert, jedoch vor dem Abschluss des Musikstudiums Ende 1894 wieder in die Schweiz zurückkehrt. Dort nimmt er Unterricht im Zeichnen und Malen, reist nach Paris. 1897 übersiedelt Soutter nach Colorado Springs in die Vereinigten Staaten. Hier übernimmt er am Colorado College die Leitung des neu gegründeten Art Departments, die er bis 1903 innehat. Soutter kehrt physisch und psychisch geschwächt in die Schweiz zurück und verbringt das Jahr 1906 in einer Klinik in Spiez. Im Jahr 1907 Violinist im Orchester des Genfer Theaters, tritt er 1908 in das Symphonieorchester Lausanne ein, erregt jedoch auch hier Anstoß. 1915 wechselt er an das Symphonieorchester Genf, kann jedoch auch hier nicht Fuß fassen oder seinen aufwändigen Lebensstil finanzieren. Seit 1918 spielt er in Stummfilmkinos und in kleinen Kurorchestern in Gstaad und anderen Ferienorten. 1922 wird er in die Pflegeanstalt von Eclagnens in der Nähe von Lausanne eingewiesen.

Große Schulden und seine labile psychische Situation führen zu Soutters zwangsweiser Entmündigung. Auf Veranlassung seiner Familie wird der 52-Jährige im Jahr 1923 gegen seinen Willen von seinem Vormund in ein Altersheim im waadtländischen Dorf Ballaigues eingewiesen, in dem er seine letzten 19 Lebensjahre verbringt. Dort entstehen unzählige Zeichnungen, bis etwa 1930 mit Feder und Tinte oder Tusche auf Packpapier, Briefumschlägen und vor allem in Schulheften (»Période des Cahiers«). Es sind spontan erstellte gestisch-kraftvolle Landschaften, Blumen- und Tierdarstellungen, Architekturzeichnungen (so u.a. für Le Corbusiers »Une maison – un palais«, 1931), Genreszenen, mythologische Darstellungen, Buchillustrationen und vor allem Aktzeichnungen.

In Ballaigues steht Soutter in Kontakt zu dem schweizer Maler und Musiker René Auberjonois, hält aber auch ständige Briefverbindung zu seinem Cousin, Le Corbusier, der Anfang der 1930er Jahren versucht, erste Ausstellungen zu vermitteln und 1931 in der Zeitschrift »Le Minotaure« einen von Soutter illustrierten ersten Aufsatz über den Künstler verfasst. Erst auf Betreiben der inzwischen von Künstlerfreunden gegründeten »Association des Amis de Louis Soutter« werden Soutters Werke – erstmalig und letztmalig bis zum Tod Soutters – zunächst in Lausanne, dann in einer New Yorker Galerie ausgestellt. Seine bis 1937 entstehende, unter dem Begriff »Période des dessins maniéristes« gefasste Werkgruppe wechselt zu vornehmlich größeren Bildformaten und reduziert dabei das frühere Motivspektrum. Die Arbeiten zeugen Jahre vor der Action Painting von heftigem körperlichen Einsatz, zeigen abstrakte Bewegungsspuren und verdichtete Liniengebilde.

Die Fingermalerei Ende der 1930er Jahre erscheint als Ergebnis dieser bereits von Körperbewegung und Aktion gezeichneten Werke. In dem 1937 — 1942 entstehenden Werkbereich (»Période des planches au doigts«) beschreibt Soutter nun teils unter heftigem Körpereinsatz Blätter und Leinwände mit seinen Händen, wird dabei nach eigenen Aussagen von der Leere, den Leerstellen in seiner Umgebung inspiriert. In ihrer reduzierten Bildsprache erinnern die vornehmlich figürlichen Bilder bisweilen an Vorlagen aus dem Bereich der Höhlenmalerei, zeigen aber vor allem eine enorme Erweiterung von Soutters nun gleichermaßen zeichen- wie bildkürzelhaften Vokabulars. Vor allem diese, von bildsprachlichen Konventionen abrückenden und schwer entschlüsselbaren Arbeiten der letzten Lebensjahre scheinen durch folgende Künstlergenerationen, so beispielsweise Keith Haring, Harald Nägeli, Georg Baselitz oder A. R. Penck rezipiert worden zu sein (vgl. Ausst.-Kat. Basel 2003). In Werken wie Vampir, das ist der Krieg oder Vor dem Massaker (1939) und ihren düsteren Szenarien schwarzer, schattenhafter Figuren in teils hellen ortlosen Räumen begegnet Soutter sehr unmittelbar dem Kriegsgeschehen der Zeit.

1944 stirbt Louis Soutter in Ballaigues.

Soutters Werk wird erst gut zehn Jahre nach seinem Tod Gegenstand von Ausstellungen und Publikationen. Erste Ausstellungen finden ab 1955 in der Schweiz statt, 1961 wird Soutter eine erste große Retrospektive im Musée des Beaux-Arts, Lausanne, gewidmet. In der Folge wird sein Werk zunehmend international gewürdigt. Soutters psychische Konstitution in den letzten Jahren führt jedoch auch zu kunsthistorischen Klassifikationen, die bereits Jean Dubuffet, der Soutter das erste Heft der »Cahiers de l’Art Brut« widmen wollte, thematisiert. Die Rezeption des Künstlers offenbart sich hier als »Frage der Etikettierung« bzw. der Zuordnung zur Art Brut oder Kunst. Spätere, gleichermaßen biografisch gewonnene wie grobe Kategorisierungen ziehen eine Rezeption Soutters als »naiver« Künstler oder pathologischer Fall nach sich. Vor allem jüngere Publikationen rütteln an den früheren Kategorisierungen und würdigen Soutters zeichnerisches, gleichermaßen körperbezogenes wie kürzelhaftes Werk, sein Umfeld und seinen Einfluss auf die Kunstgeschichte. Der Schweizer Komponist und Dirigent, Heinz Holliger, widmet Louis Soutter 2002 ein Violinkonzert (Hommage a Louis Soutter).

Literaturauswahl

Louis Soutter 1871 — 1942: Ausst.-Kat. anl. d. Ausstellung Louis Soutter et les Modernes, Kunstmuseum Basel, hg. v. H. Fischer, Ostfildern-Ruit 2002

Hachmeister, H. (Hg.): Louis Soutter. Zeichnungen und Fingermalereien, Münster, 1991

Arnulf Rainer, Louis Soutter. Die Finger malen: Ausst.-Kat. Musée cantonal des beaux-arts Lausanne, Schirn Kunsthalle Frankfurt u.a., Lausanne 1986

Louis Soutter (1871 — 1942). Zeichnungen, Bücher, Fingermalereien: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1985

Thévoz, M.: Louis Soutter. Catalogue de l’oeuvre, Lausanne / Zürich 1976

Thévoz, M.: Louis Soutter, Lausanne 1970

 

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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