Kurt Schwitters

Das Wort MERZ, so benennt Schwitters sein künftiges, künstlerisches Paralleluniversum, beinhaltet eine Reihe seiner künstlerischen Positionen, die durch spielerische Assoziationen gekennzeichnet sind. Eine collagierte Druckwerbung der Commerz-Bank liefert den Ausgangspunkt mit der Endsilbe »merz«, die Schwitters mit der Wortfolge »Kommerz, ausmerzen, Scherz, Nerz, Herz, März« alludiert.

Kurt Schwitters ist am 20. Juni 1887 in Hannover geboren. Nach seinem Abitur 1908 besucht er dort für ein Jahr die Kunstgewerbeschule. Fünf Jahre, 1909 — 1914, studiert er an den Akademien in Dresden und Berlin. 1915 kehrt er nach Hannover zurück, leistet 1917/18 Militärdienst, es entstehen erste Dichtungen. In dieser Zeit steht er unter dem Einfluss des Berliner Verlegers und Galeristen Herwarth Walden, der 1910 die Zeitschrift Der Sturm gründet.

Im Jahr 1919 kulminiert erstmals Schwitters Selbstdefinition als mehrfach begabter Künstler. Das erste MERZ-Bild (heute verschollen) entsteht und er veröffentlicht sein Gedicht An Anna Blume im Selbstverlag. Das Wort MERZ, so benennt Schwitters sein künftiges, künstlerisches Paralleluniversum, später in den Bildtiteln alsMz abgekürzt, beinhaltet eine Reihe seiner künstlerischen Positionen, die durch spielerische Assoziationen gekennzeichnet sind. Eine collagierte Druckwerbung der Commerz-Bank liefert den Ausgangspunkt mit der Endsilbe »merz«, die Schwitters mit der Wortfolge »Kommerz, ausmerzen, Scherz, Nerz, Herz, März« alludiert. Der Kommerz lässt das entstehen, was Schwitters künstlerisches Material ist: den Abfall einer nach dem I. Weltkrieg wieder auflebenden Konsumgesellschaft. Das »Ausmerzen« des Figurativen durch triviale Figurfunde ist Schwitters Ziel »…Merz ist Form…«. Scherz betreibt Schwitters vor allem in sprachlicher Form. Von seinem Humor zeugen besonders die letzten Zeilen seines Gedichtes An Anna Blume: »…Weißt du es Anna, weißt du es schon? / Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste / von allen, du bist von hinten wie von vorne: ›a*n*n*a‹ /…/ Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!«.
Mit Nerz und Herz ist er auf romantische, weltflüchtende Weise mit seiner Kunst verbunden, das zeigen alleine schon seine dreifach ins Dreidimensionale wuchernden MERZ-Bauten aus Holz und Gips, die ab 1923 in Hannover entstehen (ein Bau durch einen Bombenangriff 1943 zerstört und heute im Sprengel-Museum fragmentarisch rekonstruiert; ein Bau ab 1937 in Lysaker bei Oslo, 1951 durch Brand zerstört, ein weiterer ab 1945 auf der »Cylinders Farm« in Ambleside). Letztlich ist es auch die begriffliche Verbindung zur Monatsbezeichnung März mit ihrer Metaphorik des Erwachens der Natur, die bei Schwitters für das gewollte Aufbrechen konventioneller Seh- und Sprechweisen durch Dada steht.

Zunächst unter dem Einfluss des Expressionismus rezipiert Schwitters Kandinsky, den Kubismus und neben dem Futurismus auch den Konstruktivismus eines El Lissitzky. Befreundet mit den Berliner Dadaisten Raoul Hausmann und Hannah Höch, verabsolutiert Schwitters ab 1919 die Collage und Assemblage von Abfallmaterialien, ergänzt durch farbige Fassungen zu seiner ureigensten, künstlerischen Technik. Auch die Rahmen der meist kleinformatigen Fundstückreliefs baut er selbst. So ärmlich sein Material auch scheint, so komplex ist doch die geschichtete, oft architektonisch anmutende Komposition. Mit der realen Raumarchitektur beschäftigt sich Schwitters in seinen drei MERZ-Bauten. Obwohl er häufig tagesaktuelle Zeitungsausrisse einsetzt, und seine Fundmaterialien immer auf einen gewesenen Realitäts- und Nutzzusammenhang verweisen, gelingt es ihm, die sprachliche Semantik und den Bedeutungshorizont der collagierten Dinge in einen neuen, sinnstiftenden, oft an Kosmisches erinnernden Zusammenhang zu bringen. Für die erweiterte Materialästhetik der Kunst des 20. Jahrhunderts sind Schwitters MERZ-Bilder von großer Bedeutung.

Zwischen den beiden Weltkriegen ist Schwitters international vernetzt. In den Jahren 1923 bis 1932 entstehen verschiedene Versionen seiner Ursonate, die er 1924 erstmals öffentlich aufführt. Die Fassung von 1932 ist auf einem Tonträger erhalten. Sinnentleerte Silbenfolgen mit betonten tragisch oder heiteren Pathos fasst Schwitters in sonatinen Sprechgesang.
1922 nimmt er am Dadatreffen in Weimar teil, hat Verbindungen zu Gropius und dem Bauhaus. Ab 1929 reist er jährlich nach Norwegen, wo er schließlich, ab 1937 in Deutschland als »entartet« diffamiert, sein erstes Exil findet. Seit 1923 besteht seine eigene Zeitschrift MERZ und ab 1930 ist er Mitglied der Pariser Künstlergruppe »Abstraction – Création«, mit der er auch gemeinsam ausstellt. In New York nimmt Schwitters 1936 an zwei Ausstellungen teil. In all den Jahren und später, ab 1941 in seinem Londoner Exil, verdient sich Schwitters den Lebensunterhalt als Typograph, Werbegraphiker sowie mit konventionellen Landschaften und Porträts. Auch in London reüssiert er mit seiner MERZ-Welt und stellt 1944 in der Modern Art Gallery aus. 1945 zieht er in die Zylinders Farm in Ambleside, wo er mit einem Stipendium des New Yorker Museums of Modern Art seinen dritten MERZ-Bau beginnt.

Am 8. Januar 1948 stirbt Schwitters nach langer Krankheit in Kendal, in der englischen Grafschaft Westmorland.

Literaturauswahl

Merzgebiete: Kurt Schwitters und seine Freunde: Ausst.-Kat. Sprengel-Museum, Hannover, hg. v. K. Orchard, J. Schulz, Köln 2006

Orchard, K. und Schulz, J.: Kurt Schwitters: Catalogue raisonné, Bd. 3, 1937 — 1948, Ostfildern-Ruit 2006

Schwitters – Arp: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Basel, hg. v. H. Fischer, Ostfildern-Ruit 2004

Elger, Dietmar: Der Merzbau von Kurt Schwitters. Eine Werkmonographie. (Kunstwissenschaftliche Bibliothek. Bd. 12), Köln 1999

Orchard, K.; Schulz, I.: Kurt Schwitters. Werke und Dokumente. Verzeichnis der Bestände im Sprengel-Museum, Hannover 1998

Webster, G.: Kurt Schwitters. A biographical Study, Cardiff 1997

Lach, F.: Kurt Schwitters. Das literarische Werk, 5 Bde., Köln 1974 — 1981

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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