Julius Bissier

Auf den unbehandelten Blattgrund setzt er biotische, organische oder skripturale Zeichen in wohlerwogener Verteilung entlang der Längs- oder Querachse des Formats. Der weite, freie Grund ist wie ein atmosphärischer Licht- und Lebensraum, in dem Bissiers Tuschezeichen schweben, taumeln und fließen. Immer scheint Zeit, Bewegung und damit vitale Veränderung möglich.

Julius Bissier ist am 3. Dezember 1893 in Freiburg im Breisgau geboren. Die Vorfahren seiner Vaters, der Handwerker ist, stammen aus dem Languedoc, die Mutter entstammt einer Schwarzwälder Großbauernfamilie. Kindheit und Schulzeit verbringt Bissier in Freiburg, wo er 1913 Abitur macht und sich an der dortigen Universität zunächst für das Fach Kunstgeschichte einschreibt. Ein Jahr später wechselt er an die Kunstakademie nach Karlsruhe. Dort trifft er auf Hans Adolf Bühler, der eine Professur für Malerei innehat. Bühler steht in der Tradition von Hans Thoma und verehrt die Altdeutsche Malerei, besonders Altdorfer, die Donauschule und Matthias Grünewald. Hans Adolf Bühler vertritt eine Art germanischer Naturmystik, mit der er nach 1933 reüssieren wird.

Unter diesem Einfluss widmet sich Bissier der Lektüre Meister Ekkeharts, Tauler und Jakob Böhme. Malerisch orientiert er sich neben Altdorfer an Hans Multscher und vor allem Konrad Witz, dessen Originale er im nahegelegenen Baseler Kunstmuseum immer wieder konsultiert. In dieser Zeit entstehen bis 1920/21 quasi naturreligiöse Kompositionen mit Heiligen und Eremiten eingebettet in die die Donauschule zitierenden Landschaften. Rückblickend erkennt Bissier die ästhetische Begrenzung dieser Adaptionen, erfährt seine erste Schaffenskrise, bleibt doch weiterhin dem Mystisch-Transzendenten verpflichtet. Seine Begegnung mit dem Freiburger Sinologen Ernst Grosse 1919 eröffnet Bissier die Welt der ostasiatischen Kunst. Hat er sich 1920/21 noch mit einem Triptychon Die drei Beschaulichkeiten ein pseudoreligiöses Motiv in Temperamalerei erarbeitet, wendet er sich ab 1923 in der Art des magischen Realismus oder der Neuen Sachlichkeit malerischen Schilderungen seiner nächsten geographischen Umgebung zu. 1921 heiratet er die Weberin Lisbeth Hofschneider. Deren kontinuierlich mehr und mehr florierenden Handwebereien sind für Jahrzehnte die eigentliche Einkommensgrundlage für das Paar und seine beiden Kinder. Auch der nun praktizierte zweite Malstil der Neuen Sachlichkeit erweist sich für den stets hellwach selbstkritischen Bissier als Sackgasse. Wie regelrecht vermauert erscheint sein künstlerischer Ausdruck, was das Gemälde die Zürcher Bootslände von 1927 anschaulich beweist.

Bissiers Scheitern an einem Stil, obwohl er 1928 den Malerpreis des Deutschen Künstlerbundes in Hannover und die Goldene Medaille in Düsseldorf erhält, geht immer mit einer Schaffenskrise und Depressionen Hand in Hand, die ihn dann aber notwendigerweise zu alternativen Ausdrucksformen führen. Ab 1926 übt er sich in kalligraphischen Tuschezeichnungen. 1929 tritt er in Kontakt mit Willi Baumeister, der zu dieser Zeit an der Städelakademie in Frankfurt eine Professur innehat. Baumeister führt Bissier an die Abstraktion heran, ist aber gleichermaßen an biotischen Ur- und Naturkräften interessiert, die Bissiers Geisteshaltung nach wie vor bestimmen. Nun prägen ostasiatische Kalligraphie und biotische Abstraktion das weitere zeichnerische und malerische Werk von Julius Bissier. Im Jahr 1930 lernt er auf einer Parisreise Constantin Brancusi kennen und ist von dessen abstrakten Skulpturen begeistert. Er erkennt in ihnen ein abstrahiertes Naturäquivalent mit ebenso tiefer Kraftausstrahlung wie sie reale Naturphänomene in sich tragen. Der eigentliche Schritt in die Abstraktion wird durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verhindert. Die politischen Umstände ängstigen Bissier solchermaßen, dass er nur noch nachts an kleinen zeichnerischen Formaten arbeitet, die oft Naturmotive wie Nüsse, Blüten und Muscheln zum Motiv haben. Als 1939 sich die Kriegsaggression der Nazis ausweitet, verlassen die Bissiers Freiburg, kaufen sich bei Hagnau am Bodensee einen alten Bauernhof und vergrößern die Handweberei von Lisbeth Bissier. Seit 1933 ist Bissier eng mit Oskar Schlemmer befreundet. In dieser Zeit arbeitet Bissier mit Tuschen oder Monotypien auf Papier, statt einer Signatur setzt er neben das Datum den gestempelten Abdruck eines Weinkorkens. Auf den unbehandelten Blattgrund setzt er biotische, organische oder skripturale Zeichen in wohlerwogener Verteilung entlang der Längs- oder Querachse des Formats. Der weite, freie Grund ist wie ein atmosphärischer Licht- und Lebensraum, in dem Bissiers Tuschezeichen schweben, taumeln und fließen. Immer scheint Zeit, Bewegung und damit vitale Veränderung möglich.

Eine letzte künstlerische Krise ereilt ihn 1949/50. Die Tuschzeichnungen entsprechen nicht mehr seinem transzendenten Ideal, das er dem Studium der Schriften von Johann Jacob Bachofen verdankt. Er nutzt vermehrt wieder Leinwand oder Leinen als Malgrund und entwickelt seine Technik der Eiöltemperamalerei. Seine symbolhaften Zeichen verfestigen sich nun zu immer wiederkehrenden »Cista«, einer Kelchform mit zwei innen oder außen liegenden Kreisflächen. Es gibt ab 1950 bei Bissier unter anderen Muschelformen, Walnussformen, zweigeteilte Eiformen, immer wieder stilisierte Augen, Pfeile, Buchstaben und Kastenrahmen, die eine Form umfassen. Bissiers Motive scheinen sich ab 1950 selbst zu gebären und in einer eigengesetzlichen Seinsbeschaffenheit zu existieren. Sein Farbauftrag ist ganz leichthändig, das Kolorit ist manchmal von großer, polarisierter Strahlkraft und manchmal von harmonischer, sich wie legierender Ergänzung. Bissiers »Ringen um das Vergeistigen der Materie«, das er an Brancusis Skulpturen so bewunderte, erfüllt sich in seinen Werken seiner letzten 15 Schaffensjahre.

Seit 1958 besteht die Freundschaft zu Werner Schmalenbach, der 1963 die erste Werkmonographie Bissiers verfasst. 1959 nimmt Bissier an der Documenta in Kassel teil, erhält den Cornelius-Preis der Stadt Düsseldorf und ein Jahr später den Kunstpreis der Stadt Berlin, ebenfalls 1960 nimmt er an der Biennale von Venedig teil und ist 1964 erneut auf der Documenta vertreten. 1961 lässt er sich aus gesundheitlichen Gründen in Ascona nieder, wo er am 18. Juni 1965 stirbt. Seine Schaffensjahre 1950 bis 1965 werden gerne in der Nähe zur gestischen, informellen Malerei gesehen, doch sind Bissiers Zeichen in sich so symbolkonform, so eigenständig und prägnant, dass für seine letzte Werkphase eher C. G. Jungs »Der Mensch und seine Symbole« heranzuziehen ist.

Julius Bissier stirbt am 18. Juni 1965 in Ascona.

Literaturauswahl

Hans-Joachim Müller: Julius Bissier. Werke 1947 1965, Basel 2010

Marco Franciolli, Hans Günter Golinski (Hg.): Julius Bissier – Der metaphysische Maler, Ostfildern 2008

Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Ausst.-Kat., hg. von Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Ostfildern-Ruit 2000, 372 376

Werner Schmalenbach: Julius Bissier, Köln 1986

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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