Julio González

Eisenblech wird geschnitten, durchbrochen, so dass leeres Raumvolumen durch die Metallfiguration umschlossen wird und erst der Zusammenklang von Metallfigur und Leerraum die gesamte Figuration der Skulptur bilden. Die bildhauerischen Kriterien, die Gonzáles durch seine Metallbildhauerei neu erfindet und künstlerisch auswertet stellen eine markante, weit wirkende Position für die Bildhauerei des 20. Jahrhunderts dar.

Julio Gonzáles (Pellier) wird am 21. September 1876 als viertes und jüngstes Kind von Concordio Gonzáles (1832 — 1896) und Pilar Pellier in Barcelona geboren. Der Vater betreibt dort ein Gold- und Kunstschmiedeatelier, das in der Rambla Catalunya liegt. Bereits als 15-Jähriger arbeitet Julio Gonzáles als Goldschmiedelehrling in diesem Atelier mit, das unter anderem Schmiedearbeiten für die Kathedrale Sagrada Familia von Antoni Gaudí anfertigt. Julio, der naturalistische Schmuckarbeiten schmiedet und sein älterer Bruder Joan besuchen 1892/93 Abendkurse an der Escuela de Bellas Artes, um Zeichnen zu lernen. Auf der Internationen Kunstgewerbeausstellung 1892 in Chicago erhalten die Brüder Gonzáles eine Bronzemedaille für ihre Schmuckstücke. Nach dem Tod des Vaters verkehren die Brüder Gonzáles 1897 bis 1899 Barcelonas Boheme-Café Els Quatre Gats, in dem sie den jungen Picasso und die Metallbildhauer Francisco Durrio sowie Pablo Gargallo kennen lernen. 1900 lässt sich die Familie in Paris nieder, Julio Gonzáles widmet sich ab da überwiegend der Malerei.

1901 beherbergt die Familie Gonzáles Picasso während seines Paris-Aufenthaltes. 1902 verreisen die Brüder Gonzáles nach Katalanien und zu den Balearen. Picasso treffen sie in Barcelona, und da entsteht seine Porträtzeichnung von Julio Gonzáles, der bereits ab 1903 seine Malerei im Salon d’Automne in Paris zeigen kann. Im gleichen Jahr nimmt ihn der Bildhauer Pablo Gargallo in sein Pariser Atelier auf. Gonzáles hat nun auch Kontakt zu Constantin Brancusi. Im Sommer 1904 als Picasso sich endgültig in Paris niederlässt, bricht der freundschaftliche Kontakt der Brüder zu ihm bis in die 20er Jahre hinein ab. Dieser Umstand und andere Kontakte von Julio zur Pariser Avantgarde, wie seine Freundschaft mit dem Komponisten Edgar Varèse, lassen Gonzáles zunehmende Eigenständigkeit und Orientierung im zeitgenössischen, künstlerischen Umfeld erkennen.

1906 bezieht Gonzáles sein erstes eigenes Atelier in Paris. Mit Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und kunstgewerblichen Goldschmiedearbeiten ist Gonzáles jährlich in den Pariser Salons vertreten. Sein Bruder Joan stirbt 1908, was Julio stark belastet und zu seinem vorübergehenden Rückzug aus der Avantgardeszene führt. Ein Jahr später kommt seine Tochter Roberta zur Welt, die später, 1939, den deutschen Maler Hans Hartung heiraten wird. Eine Maske aus getriebenem Metall entsteht 1910. Nun ist Gonzáles zugleich Maler, Bildhauer und Goldschmied. Seinen lebenslangen Sammler und Mäzen Alexandre Mercerau trifft Gonzáles im Jahr 1914. Vier Jahre später, erste abstrahierende Skulpturen sind bereits entstanden, trifft Gonzáles eine grundlegende Entscheidung für seine Kunst und für die Entwicklung der Metallbildhauerei des gesamten 20. Jahrhunderts. Er erlernt in den Renaultwerken in Boulogne-sur-Seine die modernste, industrielle Verarbeitungstechnik für Metall- bzw. Eisenbearbeitung: das autogene Schweißen. Die Technik der Autoindustrie ist 1918 der Nukleus, der die Metallbildhauerei revolutioniert. Von da ab kann Gonzáles technisch entschieden freier die zeitgemäße Abstraktion ins Material Eisen, dessen Materialästhetik ihn von Kindheit an begleitet hat, ins Werk setzen. Im Jahr 1922 hat er in der Pariser Galerie Povolovsky seine erste Einzelausstellung.
Die neu erworbene technische Fähigkeit ist auch Anlass für die Wiederbelebung der Freundschaft zwischen Gonzáles und Picasso. Denn Letzterer braucht 1928 die Metallpraxis seines Jugendfreundes zu Fertigstellung seiner Skulptur Die Frau im Garten (Eisengestänge, geschweißt, weiß bemalt, 1929). Zu Beginn der 1930er Jahre sind die typischen Merkmale der Eisenskulpturen von Gonzáles auch für Picassos Metallarbeiten prägend. Eisenblech wird geschnitten, durchbrochen, so dass leeres Raumvolumen durch die Metallfiguration umschlossen wird und erst der Zusammenklang von Metallfigur und Leerraum die gesamte Figuration der Skulptur bilden. Gonzáles hat das Talent, das Figürliche, zwar stark formreduziert, doch immer anschaulich nachvollziehbar und erkennbar seinen Kompositionen zu Grunde zu legen. Seine Eisenskulpturen wie Frau ihre Haare kämmend II von 1934 oder die Sitzende Frau I, um 1935 entstanden, weisen eine kompositorische und formal technische Komplexität auf, die eine für die Bildhauerei dieser Jahre neue Materialästhetik herstellt. Gonzáles Skulpturen, als Eisenzeichen raumgreifend, sind immer gesockelt und so in ihrer Individuation gehöht. Im Falle der Skulptur der Sitzenden Frau I vertritt der Sockel anschaulich die eigentliche Sitzfläche der weiblichen Figur. Durchblicke, Einblicke, Allansichtigkeit der raumgreifenden Formen, erkennbar stehen gelassene, nicht geglättete Schweißnähte, der Kontrast von polierter und nicht polierter Materialoberfläche – all das sind bildhauerische Kriterien, die Gonzáles durch seine Metallbildhauerei neu erfindet und künstlerisch auswertet, und so eine markante, weit wirkende Position für die Bildhauerei des 20. Jahrhunderts erstellt. Picasso variiert diese, Calder wird von ihr inspiriert, David Smith durch sie geprägt, Henry Moore rezipiert sie ebenso wie Anthony Caro. Auch Germain Richier arbeitet mit diesen neuen Kriterien. Gonzáles Einfluss prägt auch noch die Bildhauer- und Designergruppe Odious der 1980er Jahre.

Gonzáles übersiedelt 1933 in ein größeres Atelier nach Arcueil im Süden von Paris, dort entsteht auch das neue Wohnhaus der Familie. Ricardo Pérez Alfonseca veröffentlicht 1934 die erste Monographie zum Werk von Julio Gonzáles. Neben der jährlichen Ausstellungspräsenz in Paris ist er 1936 mit zwei Skulpturen in der Ausstellung »Kubismus und abstrakte Kunst« des Museums of Modern Art in New York vertreten. 1937 heiratet er seine langjährige Lebensgefährtin Marie-Thèrèse Roux. Ab 1938 bringt er Hans Hartung in seinem Atelier unter, der ein Jahr später sein Schwiegersohn wird. Die Serie seiner Hommes catus entsteht 1940. Autogenes Schweißen basiert auf dem Gemisch von Sauerstoff und Acetylen, die sich ab 1940 kriegsbedingt verknappen, so dass sich Gonzáles auf Plastilin- und Gipsmodelle sowie Zeichnungen beschränken muss.

Am 17. März 1942 stirbt Julio Gonzáles in Arcueil. Picasso nimmt nicht nur an dessen Beerdigung teil, sondern schafft mit dem Gemälde Stillleben mit Stierkopf , heute in der Sammlung des K20 in Düsseldorf, eine ausdrückliche Hommage an Julio Gonzáles.

Literaturauswahl

Pablo Picasso et Julio Gonzáles. Un amitié féconde: Ausst.-Kat. Dessins de sculptures, Société du Salon de Dessin, hg. v. B. Léal, Dijon 2008

Beechy, J.: Julio Gonzáles: Paris, in: Burlington Magazine 150/ 2008, 1259, 127 — 129

Serra. T.L.: Julio Gonzáles: Catálogo general razonado de las pinturas, esculturas y dibujos (Text span. und engl.), Bd 1, 1900 — 1918, Valencia 2007

Julio Gonzáles: Ausst.-Kat. Collection Centre Pompidou, Musée National d’Art Moderne, hg. v. B. Léal, Paris 2007

Julio Gonzáles. Zeichnen im Raum: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern, hg. v. T. Stooss u. Th. Bhattacharya-Stettler, Mailand 1997

Picasso and the Age of Iron: Ausst.-Kat. Solomon R. Guggenheim Museum, hg. v. C. Giménez, New York 1993

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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