Juan Muñoz

Er zielt auf eine veränderte visuelle wie akustische Wahrnehmung im Raum ab, sucht nach der Erweiterung des Erfahrungskontextes von Künstler wie auch Betrachtern. Muñoz gehört einer Künstlergeneration an, die in den 1990er Jahren – wenn auch mit äußerst unterschiedlichen Intentionen und künstlerischen Ergebnissen – die figurative Skulptur und Installation ins Blickfeld rücken.

Juan Muñoz wird 1953 in Madrid geboren. 1976 — 77 besucht er die Central School of Art and Design in London, wechselt 1979 durch ein Stipendium des British Council dort für ein Jahr an das Croydon College of Design and Technology. 1982 arbeitet er – durch ein weiteres Stipendium ermöglicht – am Pratt Graphic Center in New York und kehrt von dort aus nach Spanien zurück. Nach kuratorischer Tätigkeit, im Rahmen derer er sich Grenzbereichen der Kunst und Architektur bzw. der Ethnologie zuwendet, entwickelt Muñoz seit Mitte der 1980er Jahre erste raumbezogene Objekte und Installationen, aus Metall, Kunststoffen oder auch in Mischtechnik. 1984 hat er eine erste Einzelausstellung (Galeria Fernando Vijande, Madrid), 1986 kann er auf der Biennale in Venedig in der Binnenaustellung »Aperto« ausstellen (El norte de la tormenta/ Der Gewitter-Norden). 1987 erhält Muñoz erstmalig die Möglichkeit, seine Skulpturen in einer ihm gewidmeten Museums-Ausstellung zu zeigen (CAPC Musée d’Art Contemporain, Bordeaux). Einzelausstellungen in den USA und England folgen 1990 (Renaissance Society, University of Chicago; Arnolfini Gallery, Bristol). Erste Auftragsarbeiten entstehen 1992 im Zusammenhang mit der Londoner Ausstellung »Doubletake« in der Hayward Gallery, für die Muñoz eine Skulptur im Außenraum fertigt (Untitled Monument, South Bank). Neben James Turrell, Rebecca Horn und Janis Kounellis erhält er bald auch den Auftrag, eine Skulptur für das Gelände des alten Hafens in Barcelona zu entwickeln (Una habitación donde siempre llueve / Ein Zimmer, in dem es immer regnet).

Muñoz gehört einer Künstlergeneration an, die in den 1990er Jahren – wenn auch, wie bei Robert Gober, Thomas Schütte, Kiki Smith oder Stephan Balkenhol sichtbar, mit äußerst unterschiedlichen Intentionen und künstlerischen Ergebnissen – die figurative Skulptur und Installation ins Blickfeld rücken. Doch erschöpfen sich Munoz Arbeiten keinesfalls in Ansichten von Alltagsobjekten, Schiffen, Türmen, Zwergen, Ballerinas oder historisch anmutenden Gestalten. Sie richten sich vielmehr auf Objekte und Figurenkonstellationen, die aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst und damit verfremdet werden. Munos zielt auf eine veränderte visuelle wie akustische Wahrnehmung im Raum ab, sucht nach der Erweiterung des Erfahrungskontextes von Künstler wie auch Betrachtern. So markieren Muñoz’ verkleinerte architektonische Fragmente der 1980er Jahre verrätselte Raumpositionen und räumliche Dimensionen, bestimmen die Erfahrung von Raumstrukturen und -funktionen (Erstes Treppengeländer, 1987). Die Treppen, Balkone oder Geländer lassen dabei in ihrer Entfunktionalisierung und Kulissenhaftigkeit nur indirekt an die Präsenz von Personen im Raum denken.

In den 1990er Jahren treten die Beziehungen zwischen Figur und Raum stärker in den Vordergrund: Muñoz’ »Bodenstücke« rufen mit ihren dem spanischen Kunstgewerbe entlehnten ornamentalen Fußbodenstrukturen irritierende Raumwahrnehmungen hervor (Winterreise, 1994), die durch theatralische Inszenierungen verstärkt werden (Der Souffleur, 1988). Aber auch die mehrfigurigen »Konversationsstücke« (Plaza, 1996) schaffen durch ihre mehrdeutigen situativen Interaktionszusammenhänge und ihre Form der Raumerschließung eigenwillige Wahrnehmungs- und Erfahrungskontexte – »psychische Räume«. Steigerungen erfahren solche Raumvisionen durch die meist stereotypen, fremd wirkenden Figuren und ihre Platzierungen wie Konstellationen. Durch die seltsam ambivalente Interaktion im Raum und durch körper- und gestensprachliche Mittel der meist austauschbaren oder seriell wirkenden Figuren z.B. aus Polyester oder Kunstharz und Textilien kann der Künstler auch über größere Distanzen oder räumliche Barrieren erzählerische Beziehungen herstellen: Stereotypisierte ethnische Gruppen, erstarrtes Lächeln, arretierte Bewegungen (Many Times, 1999) dienen dabei als Mittel. Einen ganz anderen Ton als die oft fragil oder auch bisweilen bedrohlich wirkenden mehrfigurigen Installationen schlägt ein weiterer Werkbereich Muñoz’ an, der wie beispielsweise die vom Künstler selbst gesprochenen Anweisungen zu Kartentricks (A Man in a Room, Gambling, 1992 — 1997) oder wie auch die Verfolgungsjagden Tom und Jerry’s von skurrilem Witz geprägt ist.

Neben den Skulpturen und Installationen – und mitunter im Ausstellungskontext mit diesen verbunden (Stuttering Piece,1993), widmet sich Juan Muñoz in den 1990er Jahren auch der Arbeit in anderen Medien. Auch hier bleibt das Interesse an Raum und räumlicher Illusion fassbar: 1993 arbeitet er mit seinem Schwager, Alberto Iglesias, an ausstellungsbegleitenden Radio- Hörstücken, die im niederlandischen Radio (Building for Music) und in der BBC (Third Ear) übertragen werden. Auch für das Fernsehen entstehen Beiträge, so zur Gegenwartsarchitektur in Spanien (Building Sites Europe). In Buchpublikationen wendet sich Muñoz weiterhin Themenfeldern um Architektur, Ethnografie und Magie zu, liefert aber auch essayistische Texte zu seinen eigenen Installationen und Materialien. 1994 stellt er im Museum of Modern Art, Dublin aus. In diesem Zusammenhang entsteht auch der Band »Silence please!«, der Kurzgeschichten von John Berger, William Forsythe, Dave Hickey, Patrick McCabe, Alexandre Melo, Vik Muniz u.v.a. enthält, die sich auf Muñoz Werke beziehen. An kooperativen Radioproduktionen und Performances beteiligt sich Muñoz u.a. gemeinsam mit dem Komponisten Gavin Bryars, dem Schauspieler John Malkovich und dem Schriftsteller John Berger (Will it be a Likeness?, 1996 u. 1999; A Correspondance About Space, a lecture and performance at the Geheimnisse der Raumproduktion, Hamburg, May 1998).

Jüngere Ausstellungen von Muñoz Werken finden 1996 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid und im Museum für Gegenwartskunst, Zürich (»Monologues and Dialogues«) statt. An der Biennale in Venedig nimmt er 1986 und 1997, den Biennalen in Istanbul im Jahr 1999, in Sydney 2000 teil. Auf der Documenta ist Muñoz 1992 und 2002 vertreten. Arbeiten von Muñoz finden sich international in den Sammlungen zahlreicher Museen zur Kunst des 20. Jahrhunderts.

Juan Muñoz stirbt unerwartet 2001 in Ibiza.

Literaturauswahl

Juan Muñoz – Rooms of My Mind: Ausst.-Kat. K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, hg. v. J. Heynen; V. Liebermann, Düsseldorf 2006

Juan Muñoz, Double Bind at Tate Modern: Ausst.-Kat. Tate Modern, hg. v. Susan May, London 2001

Juan Muñoz: Ausst.-Kat. Hirshhorn Museum; Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington, D.C., hg. v. N. Benezra u.a. Chicago 2001

Juan Muñoz, Monólogos y diálogos / Monologues & dialogues: Ausst.-Kat. Museu Nacional Centro de Arte Reina Sofia, hg. v. James Lingwood, Madrid 1996

Juan Muñoz, Arbeiten 1988 — 1990: Ausst.-Kat. Museum Haus Lange, Krefeld 1991

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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