Joseph Beuys

Das Kunstwerk begreift Beuys als »soziale Plastik«, als eigenständiges schöpferisches Resultat jenseits mimetischer Ansprüche, mit einer in alle Lebensbereiche, Gesellschaft, Kultur, Politik und Ökologie, ausstrahlenden Wirkkraft. In Anlehnung an das Gedankengut der Romantik, aber auch Rudolf Steiners Anthroposophie sucht er der verloren geglaubten Einheit von Natur und Geist mit einem ganzheitlichen Denken zu begegnen, das archetypische, mythische und magisch-religiöse Zusammenhänge herstellt.

Joseph Beuys wird am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren. 1940 wird er zum Kriegsdienst einberufen und als Sturzkampfflieger in der Ukraine eingesetzt. Vielseitige Interessen für Naturwissenschaften, Musik und Bildhauerei, Kulturgeschichte und Philosophie führen Beuys 1947 — 51 in die Meisterklasse von Joseph Enseling und Ewald Mataré an der Düsseldorfer Kunstakademie. Nach dem Studium, frühen plastischen Arbeiten (Brunnen, 1952) und der ersten Einzelausstellung im Haus der Brüder van der Grinten in Kranenburg (1953) zieht Beuys sich zurück und entwickelt die Theorie des »erweiterten Kunstbegriffs«, in der der Mensch Mittel- und Ausgangspunkt ist. Das Kunstwerk begreift Beuys als »soziale Plastik«, als eigenständiges schöpferisches Resultat jenseits mimetischer Ansprüche, mit einer in alle Lebensbereiche, Gesellschaft, Kultur, Politik und Ökologie, ausstrahlenden Wirkkraft.

1961 beginnt Beuys, seine Ideen in breitem Kontext zu vermitteln. In Anlehnung an das Gedankengut der Romantik, aber auch Rudolf Steiners Anthroposophie sucht er der verloren geglaubten Einheit von Natur und Geist mit einem ganzheitlichen Denken zu begegnen, das archetypische, mythische und magisch-religiöse Zusammenhänge herstellt. Materialien wie Fett, Honig und Filz erweisen sich als Sinnträger der Vielschichtigkeit des Lebens, die Beuys im Spannungsverhältnis zwischen Organischem und Kristallinem anschaulich machen will. Im gleichen Jahr übernimmt Beuys den Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf.

Nach ersten Kontakten zur Fluxus-Bewegung nimmt Beuys zwischen 1963 (Aktion mit Fett in der Galerie Rudolf Zwirner, Köln) und 1974 an zahlreichen Fluxus-Aktionen teil, die verschiedene künstlerische Gattungen (bildende Kunst, Musik, Theater, Literatur) vereinen und deren interdisziplinärer »Bewegungscharakter« ihm nach eigenen Aussagen liegt. 1964 ist er mit Plastiken und Zeichnungen aus der Zeit 1951 — 1956 auf der Documenta präsent, auf der er von nun an stetig vertreten sein wird. Er beteiligt sich am »Festival der neuen Kunst« (TU Aachen) und führt Aktionen wie u.a. Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet, Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Galerie Schmela Düsseldorf, 1965), Eurasienstab 82 min fluxorum organum (Galerie St. Stephan, Wien) oder Freitagsobjekt I a gebratene Fischgräte (Eat Art Galerie, Düsseldorf, 1970) durch. Die Fluxus-Aktionen verdeutlichen ebenso Beuys’ Interesse an der Wahrnehmung von Zeitfluss und Stillstand wie das prozesshafte Denken und ausstrahlende Sender-Prinzip der künstlerischen Idee (Kojote, 1974). Relikte der Aktionen, aber auch Zeichnungen und Objektinstallationen (Zeige Deine Wunde, 1974/75) weisen spurenhaft auf sein künstlerisches Konzept zurück. 1977 ist Beuys auf der documenta 6 vertreten (Honigpumpe am Arbeitsplatz) und gründet die »Freie Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung e.V.« Die 1972 ihm gegenüber ausgesprochene Kündigung als Professor der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf (»Akademiestreit«) wird vom Bundesarbeitsgericht für rechtswidrig erklärt. Beuys wird 1978 zum Mitglied der Akademie der Künste in Berlin ernannt.

Im Lebenslauf, den Beuys 1964 anlässlich des »Festivals der Neuen Kunst« in Aachen verfasst, hält er fest: »1964: Beuys empfiehlt Erhöhung der Berliner Mauer um 5 cm (bessere Proportion!)«. Es bleibt jedoch nicht bei solchen skurril anmutenden ästhetisch-politischen Aufrufen. Beuys engagiert sich nach der Gründung der »Deutschen Studentenpartei als Metapartei« 1967 in Düsseldorf in den 70er und 80er Jahren intensiv politisch und ökologisch. Er richtet 1972 auf der Dokumenta 5 ein Informationsbüro der »Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung« ein und kandidiert 1979 als Vertreter der Grünen für das Europaparlament.

Ebenfalls 1979 beteiligt er sich an der Biennale in São Paulo (Brazilian Fond). 1980 widmet ihm das Solomon R. Guggenheim Museum eine erste große Retrospektive. Spektakuläre Aktionen, wie die 1982 auf der documenta 7 durchgeführte Aktion 7000 Eichen, bei der eine Imitation der Krone Iwans des Schrecklichen zum »Friedenshasen« umgeschmolzen wird, kennzeichnen Beuys’ ästhetisches Konzept, das Leben und Welt des Menschen als »Werk« begreift. Es folgen weitere Aktionen, so Beuys’ Konzert Coyote III, das er mit Nam June Paik 1984 in Tokio durchführt. 1985 ist er mit der Installation Palazzo Regale im neapolitanischen Museo di Capodimonte vertreten, die sich heute in der Kunstsammlung NRW (K20) befindet.

Beuys stirbt am 23. Januar 1986. Neben zahlreichen Objekten und Multiples hinterlässt er ein umfangreiches zeichnerisches Werk.

Literaturauswahl

Joseph Beuys, Werke aus der Sammlung Ulbricht: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, hg. v. von Armin Zweite. Düsseldorf 2004

Jappe, G.: Beuys packen. Dokumente 1968 — 1996, Regensburg 1997

Schneede, Uwe M.: Joseph Beuys, Die Aktionen, Kommentiertes Werkverzeichnis mit fotografischer Dokumentation, Ostfildern 1994

Beuys: Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, hg. v. Harald Szeemann, Zürich 1993

Adriani, Götz; Konnertz, W.; Thomas, K.: Joseph Beuys. Leben und Werk, Köln 1986

Beuys zu Ehren: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, hg. v. Armin Zweite, München 1986

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat