John Cage

»Was Stille und Lärm gemeinsam haben, das ist der Zustand der Absichtslosigkeit, und dieser Zustand ist es, der mich interessiert.« 1943 kann Cage, der bis dahin als Komponist, Musiker, Performer, Denker und bildender Künstler gilt, ein Konzert im Museum of Modern Art in New York geben. Damit etabliert er sich als Komponist der experimentellen Avantgarde, die sich in die Tradition von Ives, Ruggless, Cowel und Varèse stellen lässt.

John (Milton) Cage wird am 5. September 1912 in Los Angeles geboren. Dort verbringt er Kindheit und Jugend. Am Pomona College in Claremont nimmt er ein Literaturstudium auf, reist als 18-Jähriger nach Europa. In Paris studiert Cage Architektur, Malerei und Komposition. Er schreibt Gedichte und nimmt Klavierunterricht bei Lazare Lévy, der ihm besonders J.S. Bach nahe bringt. Zurück in den Vereinigten Staaten, lernt Cage 1932 — 34 Komposition, Kontrapunkt und Harmonielehre bei Richard Buhlig, Adoplh Weiss und Henry Cowell, der zu dieser Zeit bereits mechanische Experimente mit dem Piano macht. In den Jahren 1934 — 36 ist Cage Schüler bei Arnold Schönberg. Dessen Forderung nach »Gefühl und Harmonie« in der Komposition negiert Cage völlig und verwirft für sich damit bereits Mitte der 1930er Jahre traditionell verbindliche Regeln des musikalischen Aufbaus.

Am Cornish College of Arts ist Cage 1938 Pianist und Korrepetitor für die Tanzabteilung. Dort begegnet er dem Tänzer Merce Cunningham, der sein lebenslanger Lebensgefährte wird. Ebenfalls dort entwickelt Cage sein »präpariertes« Klavier, dessen Saiten durch Holz-, Metall- oder Gummistücke in den verschiedensten Tonhöhen gehemmt oder blockiert werden. So ändert sich die Saitenschwingung und damit ihr Ton grundlegend. 1940 entsteht mit Bacchanale als Stück für die Tanzchoreographie von Syvilla Fort Cages erste Komposition für »präpariertes« Klavier ganz im Gegensatz zu J.S. Bachs wohltemperiertem Klavier. 1941 wird er von László Moholy-Nagy kurzzeitig als Lehrer an dessen Chicago School of Design verpflichtet.

1942 lässt John Cage sich als freier Komponist in New York nieder, begegnet dort D.T. Suzuki, der ihn in den Zen-Buddhismus und das I-Ging einführt. Neben Eric Satie, Henry David Thoreau oder James Joyce orientiert sich Cage bis dahin an Raoul Hausmann, Marcel Duchamp und dem Dadaismus. Seine Partituren, die lediglich Handlungsanregung für Interpreten und Rezipienten sein sollen, haben grundlegend graphisch räumliche Struktur und sind als Blattschichtenfolge mit transparenten Folien durchsetzt. Hier, wie in Cages grafischen Arbeiten wirkt auch das Prinzip der affirmativen, aleatorischen Collage. Cage versteht seine Kompositionen als work in progress: neben dem präparierten Klavier avancieren alle Klangerzeugungen – technische Geräte (Radio, Tonband, Küchengeräte), Alltagsgeräusche und bloßer Lärm – zum Kompositionsmittel. Er nennt dies »All-Klang-Musik« und definiert sie im Sinne der künstlerischen Collagen und Assemblagen.

So versucht Cage, ohne ethnographische Aneignung, für sich den Zen-Buddhismus rein affirmativ zu interpretieren, als reines Arbeitssystem. Für Cage ist die »absence of mind as ruling agent« ganz entscheidend. Dabei reflektiert er als Komponist jedoch durch seine »time brakets« (Zeitklammern) grundsätzlich über Klang. Somit erhält auch seine experimentelle Musik, die die Unwiederholbarkeit einer Aufführung zum Ziel hat, einen konzeptuellen Reflektionsgrundsatz, der paradigmatisch in seinen Four Minutes and thirtythird Seconds/4’33’’ (1952) als Stillekomposition vorliegt. Grundsätzlich erklärt John Cage zu diesem Thema: »Was Stille und Lärm gemeinsam haben, das ist der Zustand der Absichtslosigkeit, und dieser Zustand ist es, der mich interessiert.« 1943 kann Cage, der bis dahin als Komponist, Musiker, Performer, Denker und bildender Künstler gilt, ein Konzert im Museum of Modern Art in New York geben. Damit etabliert er sich als Komponist der experimentellen Avantgarde, die sich in die Tradition von Ives, Ruggless, Cowel und Varèse stellen lässt.
In den Jahren 1948 bis 1952 ist Cage Lehrer am legendären Black Mountain College in North Carolina – einer regelrechten Brutstätte der US-amerikanischen Moderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier lebt er mit Merce Cunningham und Robert Rauschenberg in einem gemeinsamen Haushalt. Es entstehen Hommagekompositionen zu Rauschenbergs White paintings u.a. das bereits angeführte 4’33’’.
Das tonale Werk von Cage ist bestimmt durch Indetermination, also zufälligen Klang-Stille-Folgen. Er verzichtet gezielt auf eine definierte, wiederholbare Notation seiner Klangassemblagen und will so das Verhältnis zwischen Komponist, Interpret und Rezipient demokratisieren. Mit diesem Ansatz wird Cage schließlich zur Schlüsselfigur für die am Ausgang der 1950er Jahre entstehende Happeningkunst, beeinflusst jedoch auch nachhaltig die Fluxusbewegung und die Neue Improvisationsmusik. Cage strebt eine Art soziale Komposition an, die der sozialen Plastik Joseph Beuys’ durchaus nahe steht. Grundlegend ist Cages architektonisches Verständnis für Klang/Stille in ihrer Raum/Zeit-Dimension.

Cage ist mehrfach Referent auf den Darmstädter Tagen Neuer Musik. So entsteht u.a. 1958 sein Aufsatz »Geschichte der experimentellen Musik in den Vereinigten Staaten«. 1969 hat erhält er das Berliner DAAD-Stipendium, das drei Jahre zuvor 1966 Marcel Broodthaers besetzt hatte. Diesem widmet John Cage 1969 eine 8 Plexigramme umfassende Hommage, die zwischen Zeichnung und Skulptur changiert und damit Cages intermedialem Ansatz folgt. Beide Künstler sind von den Zeit-Raum-Dimensionen und deren noch im geistigen Entstehen begriffenen wissenschaftlichen Definition fasziniert. Ab 1985 befasst sich Cage mit Klang-Licht-Installationen: Mit dem Einsetzen seines Alterswerks wendet sich Cage erneut einer Überarbeitung seiner Notationsformen (1987) zu, deren transparente Blattfolgen zu regelrechten Raumgittern werden. Seit 2001 läuft eine Uraufführung des Orgelwerks ORGAN²/ASLSP (as slow and soft as possible) das bis ins Jahr 2640 projektiert ist in der St.-Buchardi-Kirche in Halberstadt.

John Cage stirbt 1992 in New York City.

Literaturauswahl

Glasmeier, M. : 50 Jahre Documenta 1955 — 2005, 2 Bde., Berlin, 2005

Deufert, K.: John Cages Theater der Präsenz, Frankfurt/M. 2002

Wendland, D.: John Cage, Stuttgart 1997

Revill, D.: Tosende Stille. Eine John-Cage-Biographie, München 1995

John Cage: Silence, Neuwied 1969

Suzuki, D.T.: An Introduction to Zen Buddhism, New York 1964

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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