Johannes Molzahn

Er findet eine ganz eigene künstlerische Position innerhalb des Kreises seiner Zeitgenossen. Ihm ist Imaginiertes, Abstrahiertes und als gegeben Vorgefundenes als Gestalt gleichwertig. Expressive Gestalt, Geste, Bewegung und Farbe vereint er mit geometrischer Kompositionsstruktur und pflegt eine Art futuristischer Utopie, in dem der Kosmos, die Elemente der Erde, Flora und Fauna sowie Humanes ebenbürtig sind.

Johann Molzahn wird am 21. Mai 1892 in Duisburg geboren. Im gleichen Jahr übersiedelt die Familie, der Vater ist Buchbindermeister, nach Weimar, wo Molzahn nach seinem Schulbesuch eine Fotografenlehre absolviert und zugleich 1904 bis 1907 an der Großherzoglichen Akademie dort Zeichenunterricht nimmt. Wanderjahre verbringt Molzahn von 1908 bis 1914 in der Schweiz. Dort kommt er nach 1912 mit Schweizer Künstlern wie Otto Meyer-Amden und Hermann Huber in Kontakt. Hier steht er auch esoterisch ausgerichteten Künstlergruppen nahe.

Ab 1914 wieder in Deutschland, findet Johann Molzahn Anschluss an die Berliner Avantgarde um Herwarth Walden. Dieser gründete 1910 Verlag und Zeitschrift »Der Sturm«, 1912 folgt seine gleichnamige Galerie und ab 1916 betreibt Walden unter gleichem Namen in Berlin eine Kunstschule. Molzahn wird regelrecht Sturm-Künstler und hat 1917 dort auch seine erste Einzelausstellung. Durch den Kreis um Herwarth Walden lernt er Walter Gropius (Bauhaus-Gründer, 1919), Theo van Doesburg (mit Mondrian 1917 Gründer des De Stijl) kennen. Mit El Lessitzky und dem von ihm vertretenen Suprematismus wird Molzahn ab 1922 bekannt.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit übt Molzahn den Brotberuf eines Werbegrafikers aus. Künstlerisch entscheidend ist seine Begegnung mit Bruno Taut, der als in offizieller Mission eingesetzter expressiver Utopist unter den deutschen Architekten zwischen den beiden Weltkriegen gelten kann. Taut, der in Magdeburg als Stadtbaurat arbeitet, vermittelt Molzahn dort 1923 eine Stelle als Zeichenlehrer an der Kunst- und Handwerkerschule. Molzahns Kompositionen vor 1920 vexieren einen figürlichen Kern durch geometrische, kubistisch-futuristische Formen. Farben und geometrisch abstrahierte Formen setzt er in zentrierte, zu den Bildrändern hin wie explodierende, jedoch musterhaft repetierte Strukturen um. Das Bekenntnis seiner expressiven Abstraktion formuliert er 1919 in der Zeitschrift »Der Sturm« (Nr.10, H. 6, 90/92) als »Manifest des absoluten Expressionismus« und wendet sich ab 1920 konsequent der geometrischen Abstraktion zu.

Kunsttheoretisch äußert sich Molzahn mehrfach. Auch in seiner Magdeburger Zeit als Zeichenlehrer. Er ist vom Magdeburger Magistrat aufgefordert, die künstlerisch technische Ausbildung an der Gewerbeschule zu reformieren. 1925 legt Molzahn seine »Denkschrift« zu Form und Methode einer gesellschaftlich utopistisch orientierten Kunstgewerbeausbildung vor. Er zielt wie das »Bauhaus«, dem er zwar nie assoziiert doch am dritten Portfolio beteiligt war, auf ein zeitgemäßes Gesamtkunstwerk, jedoch unter anderen Voraussetzungen. Seine Erfahrungen aus der Industriewerbung setzen die Bedingungen der zeitgemäßen Technik und seine esoterischen, gesellschaftlich utopischen Erfahrungen die des Anspruches und des Ausdruckes. Hier ist seine praktische und künstlerische Haltung der von Bruno Taut am nahesten. Anschaulich deutlich wird sein Ziel dieses Alldurchdringens in der Art wie er im Holzschnitt, ähnlich den Brücke-Künstlern, die Formen der Maserung des Holzstockes mit zur Gesamtgestaltung nutzt.

Gesellschaftlich und künstlerisch etabliert, arbeitet Molzahn nun als Maler, Graphiker, Theoretiker und Lehrer. Bei der »International Exhibition of Modern Art«, 1926 von Katherine Dreier für das Brooklyn-Museum in New York organisiert, ist Molzahn ebenso vertreten wie in vielen Gruppenausstellungen u.a. 1929 in der Galerie Flechtheim in Berlin. An der Breslauer Akademie hat er ab 1928 eine Professur für Zeichnen inne. In dieser Zeit übt Molzahn nicht nur deutlichen Einfluss auf seine Akademieschüler sondern auch auf jüngere Künstler wie Willi Baumeister und Oskar Schlemmer aus.

Johann Molzahn findet eine ganz eigene künstlerische Position innerhalb des Kreises seiner Zeitgenossen. Ihm ist Imaginiertes, Abstrahiertes und als gegeben Vorgefundenes als Gestalt gleichwertig, so kommt es zu Bildtiteln wie Idee-Bewegung-Kampf von 1919 oder der Astro-Konstellationstafel des Jahres 1923. Expressive Gestalt, Geste, Bewegung und Farbe vereint er mit geometrischer Kompositionsstruktur und pflegt eine Art futuristischer Utopie, in dem der Kosmos, die Elemente der Erde, Flora und Fauna sowie Humanes ebenbürtig sind. Reale physikalisch-chemische Prozesse sind Molzahn als gelerntem Fotografen den metaphysischen Möglichkeiten des Menschen gleichwertig. Seine Arbeiten formieren ein kubistisch-futuristisches Gesamtkunstwerk, das den Bedürfnissen einer existenzialistischen, expressiven und humanen Utopie genügt.

1933 aus politischen Gründen – Johann Molzahn ist jüdischer Herkunft – aus seiner Breslauer Professur entlassen, erlebt er 1937 mit der NS-propagandistischen Schau »Entartete Kunst«, in der sechs seiner Werke gezeigt werden, einen traurigen Wendepunkt seines Schaffens. Ihm gelingt 1938 die Emigration in die USA und er arbeitet dort weiterhin in der Lehre mit den Stationen Seattle, Washington D.C., Chicago und schließlich New York. 1959 kehrt er nach Deutschland zurück und lässt sich in München nieder.

Johann Molzahn stirbt dort am 31. Dezember 1965.

Literaturauswahl

Gries, Ch.: Johann Molzahn, »Kampf um die Kunst«, m. Werkverzeichnis der Gemälde, 2 Bde., Augsburg 1996

Johann Molzahn, das malerische Werk: Ausst.-Kat. Wilhelm-Lehmbruck-Museum, hg. v. B. Lepper, Duisburg 1988

Letzte Werke. Johann Molzahn: Ausst.-Kat. Diözesanmuseum Erzbistum München Freising, berb. v. M. Reuter, (Schriften und Kataloge, 5), München / Zürich 1985

Salzmann, S.: Johannes Molzahn. Das druckgraphische Werk, Duisburg 1977

Schade, H.: Johann Molzahn. Einführung in das Werk und die Kunsttheorie, o.O. 1972

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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