Johannes Grützke

Seine figürliche Malerei ist höchst eigenwillig. Mit virtuoser Pinselführung formiert Grützke in ihrer bühnenhaften Inszenierung oft barock anmutende, ornamentale Figurenensembles – in einer Zeit, in der abstrakte Bildfindungen, zunehmend minimalistische und konzeptuelle Kunst wahrgenommen werden, sich aber u.a. in Europa und den USA auch neue figurative Tendenzen abzeichnen.

Johannes Grützke wird 1937 in Berlin geboren. Er wächst in der Stadt auf, studiert 1957 — 64 zunächst bei Hans Orlowski, anschließend als Meisterschüler von Peter Janssen an der Hochschule für Bildende Künste. 1962 nimmt Grützke an dem von Oskar Kokoschka geleiteten Kurs der Internationalen Sommerakademie Salzburg teil. In Bad Godesberg, wohin er 1964 für ein Jahr umzieht, hat er seine erste Einzelausstellung in der Galerie Pro. 1965 wieder in Berlin, wo Grützke bis heute lebt und arbeitet, gründet er das Musikensemble »Die Erlebnisgeiger«. Nun entstehen auch Zeichnungen für verschiedene Berliner Satire-Zeitschriften. 1973 ist er Mitbegründer der »Schule der neuen Prächtigkeit«, einem losen Künstlerzusammenschluss satirisch-realistisch arbeitender Künstler, dem auch Manfred Bluth, Matthias Koeppel, und Karl-Heinz Ziegler angehören. 1976/1977 ist Grützke als Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, 1987 lehrt er an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg, ist 1990 er an der Gründung des »Künstlersonderbundes« in Deutschland beteiligt. Zwischen 1992 und 2002 lehr er Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Grützkes figürliche Malerei ist höchst eigenwillig. Mit virtuoser Pinselführung formiert er in ihrer bühnenhaften Inszenierung oft barock anmutende, ornamentale Figurenensembles – in einer Zeit, in der abstrakte Bildfindungen, zunehmend minimalistische und konzeptuelle Kunst wahrgenommen werden, sich aber u.a. in Europa und den USA auch neue figurative Tendenzen abzeichnen.
Nicht Ebenmaß, Idealität, Normalität interessieren den Künstler. Vielmehr ist er als Inszenator an einem »Regietheater der Malerei« (E. Beaucamp, in: Ausst.-Kat. Landesmuseum Oldenburg, Gifkendorf 2007) interessiert, das die einzelne Figur und Figurengruppe fokussiert . Das Besondere, Skurril-Phantastische kennzeichnet Grützkes groteske, oft mit schnell geführtem Pinsel, später auch glatt vermalten figürlichen Szenen, die tatsächlich auch für Zeitschriftenkarikatur und Bühne prädestiniert scheinen. Die seltsamen Verrenkungen, grimassierenden Visagen seiner Figuren zeugen dabei zunehmend von der Rezeption der physiognomischen Studien F.X. Messerschmidts, clownesker Theatermasken, caravaggesker Figuren-Raum-Konstellationen oder renaissancehafter Bühnenräume.

1979 beginnt Grützke die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Zadek und es entstehen Arbeiten u.a. für das Berliner Ensemble, das Hebbel Theater Essen, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg oder das Badische Staatstheater Karlsruhe. Bühnenbildentwürfe, die in engem Bezug zur Bildauffassung der Gemälde stehen, liefert der Künstler u.a. 1983 für die Zadek-Inszenierung von »Figaros Hochzeit« am Staatstheater Stuttgart oder dessen »Lulu«-Inszenierung 1988 am Hamburger Schauspielhaus.

Seit den 1980er Jahren bezieht sich der Künstler verstärkt auf spezifische Bildformen oder einzelne, konkret benennbare Werke der Kunstgeschichte, die er in seinen meist großformatigen Ölbildern ironisierend, bisweilen befremdend umformuliert (Himmel und Hölle, 1980; Die Ermordung des Marat, 1989). Meist sind Grützkes realistische Figurendarstellungen, mit denen er der Wirklichkeit näher zu rücken hofft, Momentaufnahmen – situative Körperverschränkungen, momenthafte Bewegungsdarstellungen, die er nun mit gröberen Pinselzügen wieder malerischer angeht. Immer wieder ist es auch das eigene, karikaturesk verzerrte Bild des Künstlers, mit dem Grützke ebenso größenwahnsinnig wie ironisch einzelne Werkabschnitte begleitet (Selbstbildnis mit Lorbeer, 1972; Selbstbildnis, 2000; Selbst6.12.2005, 2005). Auch Porträts von prominenten Zeitgenossen (u.a. Hans Zacher, 1999; Porträt Martin Walser, 2001) entstehen.

1987 gewinnt Grützke den Ideenwettbewerb, den die Stadt Frankfurt/M. zur künstlerischen Ausgestaltung der Wand des Zentralraums in der Wandelhalle der Paulskirche ausgeschrieben hatte. Bis 1991 realisiert er das 32 × 3 Meter große Rundgemälde Zug der Volksvertreter, wendet sich aber auch mit dem Konstanzer Majolika-Wandbild zur Badischen Revolution von 1848 (Hecker-Zug, 1996/98) oder der im Auftrag des Hamburger BG Unfallkrankenhaus entstandenen Geschichte der Unfallchirurgie dem Genre des großformatigen Historienbildes zu und knüpft auch hier an kunsthistorische Traditionen, nun u.a. des 19. Jahrhunderts an.
In Grützkes Grafiken, Gemälden und Plastiken der vergangenen Jahre rücken Motive des Grimassierens (Schüssel mit gehörntem Kopf, geneigt und glubschäugig,1999; Zwei Charaktere auf einer Wiese, 2001) und groteske, dicht-fleischige Figurenkompositionen noch einmal ins Zentrum seines Interesses.

Ausstellungen widmen sich der Malerei Grützkes u.a. 1974 im Rahmen einer ersten Retrospektive u.a. in Schloss Charlottenburg, im Kunstverein Freiburg i. Br. und der Kunsthalle Nürnberg. Im gleichen Jahr wird im Neuen Berliner Kunstverein die erste Gemeinschaftsausstellung der »Schule der neuen Prächtigkeit« gezeigt. In den letzten Jahren werden Grützkes Bilder u.a. im Jahr 1999 im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst und in der Kunsthalle Wilhelmshaven, 2000 im Essener Museum Folkwang, 2007 im Rahmen einer Retrospektive zum 70. Geburtstag des Künstlers im Landesmuseum Oldenburg ausgestellt.

Literaturauswahl

Johannes Grützke – Malen ist Denken: Ausst.-Kat. Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Gifkendorf 2007

Johannes Grützke – Das Plastische: Ausst.-Kat. Georg-Kolbe-Museum, Berlin 2007

Johannes Grützke. Im Banne der Provokation: Ausst.-Kat. Museum Folkwang, Essen 2000

Bacher, J.: Johannes Grützke und die Malerei. Von Gewöhnlichem, Besonderem und Unergründlichem, Diss. phil. Aachen 1993

Grützke, J.: Paulskirche: Der Zug der Volksvertreter, Frankfurt/M. 1991

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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