Jochen Gerz

Er setzt sich in seinem Werk kritisch mit dem Bild, der Geschichte und den Bedingungen des öffentlichen Raums auseinander, die mediale Vielfalt wird zu seinem überzeugendsten künstlerischen Mittel. Jochen Gerz zählt zu den Künstlern, die konkret auf politische und soziale Bedingungen, die Scheinwelt der (Massen-) Medien und deren Vortäuschung objektiver Wahrnehmung Bezug nehmen, ja mit ihren Arbeiten aktiv und zum Teil unter heftiger Kritik in gegenwärtige Prozesse eingreifen wollen.

Jochen Gerz wird 1940 in Berlin geboren. 1958 nimmt er das Studium der Sinologie, Germanistik und Anglistik in Köln auf, wechselt 1962 zum Studium der Urgeschichte nach Basel. Bald findet er den Weg von Literatur, Konkreter Poesie und journalistischer Arbeit zur Kunst. So beschäftigt Gerz sich seit 1967/68 mit komplexen und irritierenden Text-Bild-Arrangements, in denen er die Sprache als »Werkstoff« einsetzt (Statische Texte und Pieces). Seit Ende der 1960er Jahre tritt er mit ersten Arbeiten im öffentlichen Raum in Erscheinung, ab 1972 entstehen Videos (Rufen bis zur Erschöpfung, 1972; Ti amo, 1985) und Performances. Seit 1984 arbeitet Gerz mit seiner Frau, der Bildhauerin Esther Shalev-Gerz, zusammen. 1990 führt ihn die Lehrtätigkeit nach Saarbrücken, 1994 bis 1995 hat Gerz eine Professur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Gerz setzt sich in seinem Werk kritisch mit dem Bild, der Geschichte und den Bedingungen des öffentlichen Raums auseinander, die mediale Vielfalt wird zu seinem überzeugendsten künstlerischen Mittel. Er zählt zu den Künstlern, die konkret auf politische und soziale Bedingungen, die Scheinwelt der (Massen-) Medien und deren Vortäuschung objektiver Wahrnehmung Bezug nehmen, ja mit ihren Arbeiten aktiv und zum Teil unter heftiger Kritik in gegenwärtige Prozesse eingreifen wollen. In meist kooperativ durchgeführten Projekten wendet Gerz sich besonders vernachlässigten oder heiklen Themen der Geschichte und Gegenwart zu – von der Vergangenheitsbewältigung im Deutschland der 60er/70er Jahre bis hin zu Phänomenen des Rassismus oder der privatwirtschaftlichen Okkupation öffentlichen Raums in der Gegenwart. Bereits mit einer seiner frühesten Arbeiten, die 1968 unter dem Titel Kunst korrumpiert – Attenzione l’arte corrompe entstand, attackiert Gerz text- wie bildgestützt den Kunstraum, den öffentlichen Raum. Mit dem Dachau-Projekt (1974) sucht er nach Kontinuitäten nationalsozialistischer Diktion in der aktuellen Ausstellungskultur. Er richtet sein Augenmerk auf die Vermittlung des Holocaust in der öffentlichen Gedenkstätte Dachau und das Verhältnis der Exponate zur Geschichte.

Seit Beginn der 70er Jahre nimmt Gerz sich die Bildgattung des Selbstporträts vor. Im Medium der Fotografie und im Video stellt er sich grundlegende Fragen nach der Aussage- und Wirkkraft von Bild und Abbild. So inszeniert Gerz Verdeckung und Bildwerdung des eigenen Porträts in Varianten übermalter Fotografien (Auto-Porträt, 1971) und spielt mit dem idealen oder desillusionierenden Selbstbild in der Raum-/ Videoinstallation Der Kopf der M. (1977). Auch der Beitrag für die Biennale in Venedig 1979, die riesige und ebenfalls zur Serie der Griechischen Stücke zählende vielteilige Holzkonstruktion Die Schwierigkeit des Zentaurs beim vom Pferd steigen, wird ihm zum Mittel der Selbstvergewisserung – er bewohnt das geschichtsträchtige Monument für einige Tage. Zugleich stellt er mit dieser Arbeit die kulturelle Überlieferung selbst zur Diskussion, ironisiert deren Bedeutung und aktualisiert deren Aussage.

Insbesondere die Denkmalsprojekte nehmen einen besonderen Platz im Werk von Jochen Gerz ein. An dieser Nahstelle zur Öffentlichkeit, die unmittelbarer als (künstlerische) Medien, Galerien oder Museen wahrgenommen wird, setzt der Künstler auf den kommunikativen Austausch. Das im Hamburger Stadtteil Harburg platzierte Harburger Denkmal gegen Faschismus, das Gerz 1986 mit Esther Shalev-Gerz realisiert, soll, so Gerz, »einem neuen Typus von Denkmälern, die die traditionell angestrebte kurze Betroffenheit des Betrachters ersetzt durch seine bleibende Mitautorenschaft und Mitverantwortung« angehören (Gerz, 14.11.1997). In dem ungewöhnlichen Erinnerungsmal werden Passanten zur persönlichen Unterzeichnung der antifaschistischen Aussage eingeladen.
Auch mit dem Projekt 2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus (1990 — 93) nutzt Gerz den öffentlichen Raum als Medium. 2146 Pflastersteine werden hier auf dem Saarbrücker Schlossplatz mit Namen von jüdischen Friedhöfen versehen und mit der Schrift nach unten am ursprünglichen Ort eingesetzt. Wie beim Harburger Denkmal, bei dem die angefügten Beschriftungen sukzessive in den Boden versenkt wurden, liegt auch diesem Projekt der Gedanke einer zwar unsichtbaren, jedoch dem imaginären Gedächtnis verbundenen Erinnerungskultur zugrunde, die geistige Anteilnahme fordert. Und auch bei der Bremer Befragung (1990 — 1995), in der Gerz einer Anzahl von Bürgern grundlegende Fragen zur Kunst sowie die Beteilung an der Themenwahl und Umsetzung eines künstlerischen Projekts abverlangte, bleibt der Autausch mit dem Publikum und der Wunsch nach dessen Mitautorenschaft bestimmend. Seit 2002 realisiert Gerz schließlich seine öffentliche »Rechtsbibliothek«, die ebenfalls auf Befragungen aufbauend, mit dem Platz der Grundrechte in Karlsruhe entsteht.
Die benannten Aktionen, Environments und Denkmäler im öffentlichen Raum verdeutlichen Gerz provozierendes Kunstverständnis, das Kommunikation und Austausch fordert und überdies auf die prozesshafte Werkentstehung setzt. Seit den 1990er Jahren nutzt der Künstler dazu auch das Internet (The Plural Sculpture, 1995; The Berkeley Oracle, 1997 — 99).

Gerz veröffentlicht seit den 70er Jahren zahlreiche Schriften zur Kunst (u.a. »Die Zeit der Beschreibung«, 1974 — 83; »Life after humanism«, 1992; »Gegenwart der Kunst«, 1996). Seine Arbeiten sind in zahlreichen internationalen Ausstellungen (u.a. Biennale 1976; Documenta 1977/1986) und Einzelausstellungen vertreten (Kunstmuseum Liechtenstein, 2003; Kunstmuseum Thurgau, 2004; Akademie der Künste, Berlin u. ZKM, Karlsruhe, 2005).

Jochen Gerz lebt und arbeitet seit 1967 in Paris, seit 2000 in Ivry-sur-Seine.

Literaturauswahl

Performances, Installationen und Arbeiten im öffentlichen Raum: Jochen Gerz –
Werkverzeichnis, hg. v. V. Rattemeyer u. R. Petzinger, Bd. 1: Performances, Installationen und Arbeiten im öffentlichen Raum, Nürnberg 1999

Res publica. Das öffentliche Werk 1968 — 1999: Ausst.-Kat. Museion, Museum für Moderne Kunst, Bozen, Ostfildern-Ruit 1999

Gerz, Esther u. Jochen: Das 20. Jahrhundert, Essen 1996

Jochen Gerz: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Köln 1988

Jochen Gerz: Texte. Bielefeld 1985

Schwarz, M. (Hg.): Jochen Gerz. Foto, Texte, The French Wall & Stücke, Ausst.-Kat. Badischer Kunstverein, hg. v. M. Schwarz, Karlsruhe 1975

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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