Joan Miró

Stilleben, Porträts vor allem Landschaften sind Mirós Themen. Mit seiner Katalonischen Landschaft auch Der Jäger betitelt von 1923/24 erarbeitet sich Miró sein abstrahiertes Form-Wesen-Vokabular. Es besteht aus Kreisen, Ellipsen, Punkten, geraden oder gekurvten Linien, Recht- und Dreiecken mit meist biomorphen Formen verbunden, die durch punktierte Linien, gerade Striche, Pfeile und Leitern miteinander in kompositioneller, dialogischer Reaktion gesetzt sind.

Joan Miró wird am 20. April 1893 in Barcelona als Sohn eines katalanischen Goldschmiedes und Uhrmachers geboren. Seine Mutter stammt aus Palma de Mallorca. Obwohl sich Miró später beruflich gegen die Wünsche seines Vaters entscheiden wird, ist dessen Heimat, die Landschaft um Montroig in Katalonien lebenslang ein inspirierender Ort für ihn. Bereits aus seinen Kinderjahren 1901 — 1905 sind Zeichnungen nach der Natur erhalten. Ab 1910 besucht Miró nach Willen des Vaters für drei Jahre eine Handelsschule und ist zugleich an der Kunstakademie La Lonja in Barcelona eingeschrieben. Dort steht er unter dem Einfluss seiner Lehrer Modesto Urgell, der die romantische Landschaftsmalerei vertritt und José Pasco, der ihm Keramik, Kunsttischlerei und das Goldschmiedehandwerk nahe bringt. In den Jahren 1910 bis 1912 arbeitet Miró als Buchhalter in der Firma Oliveras in Barcelona, erleidet eine Typhuserkrankung und entscheidet sich nach seiner Genesung in Montroig, wo seine Eltern einen Bauernhof besitzen, ausschließlich für einen künstlerischen Werdegang. Ab 1912 besucht Miró die Kunstschule Francesco Gali in Barcelona. Er setzt sich dort mit dem Impressionismus, mit Werken van Goghs und Gauguins, den Fauves, Paul Cézanne sowie den Kubisten auseinander. 1915 wechselt er, seine Ausbildung fortsetzend, in den Zirkel San Lluch. Er liest Apollinaire, lernt Picabia kennen, der in Barcelona die dadaistische Zeitschrift 391 herausgibt. In dem Gemälde Der Bauer des Jahres 1912 manifestiert sich Mirós malerische Brillanz, die sich im wie explodierenden, vibrierenden, starkfarbigen Farbauftrag äußert. 1917 folgen dem Kubismus verpflichtet Landschaften (Montroig) und Porträts, wobei er seine, bereits zum eigenen Stilelement gewordene, durchpulste Buntfarbigkeit beibehält. 1918 mit seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Dolmau ist Mirós künstlerische Ausbildung in Barcelona beendet.

Seine erste Parisreise 1919 führt ihn zu Picasso, der nicht nur zwei Miró-Gemälde erwirbt (Selbstporträt, 1919 und Porträt einer spanischen Tänzerin, 1921), sondern dem Landsmann auch den Zugang zu dadaistischen Künstlerkreisen eröffnet. Miró begegnet Tristan Tzara, Reverdy, Max Ernst und den Literaten Aragon, Breton und Eluard. 1920 lässt er sich in Paris nieder und hat sein Atelier in der Rue Blomet 45. Diese Adresse wird für die Surrealistengruppe um ihn mit André Masson, Michel Leiris, Georges Limbour und Antoine Artaud namensgebend. Seine Malerei ist in den Jahren 1920 bis 1923/24 noch dem kubistisch gebrochenen Gegenständlichen verpflichtet, zeichnet sich durch warme, in sich nuancierte Farbigkeit aus und arbeitet mit klaren, kräftigen oder zarten Konturlinien. Stilleben, Porträts vor allem Landschaften sind Mirós Themen. Mit seiner Katalonischen Landschaft auch Der Jäger betitelt von 1923/24 erarbeitet sich Miró sein abstrahiertes Form-Wesen-Vokabular. Es besteht aus Kreisen, Ellipsen, Punkten, geraden oder gekurvten Linien, Recht- und Dreiecken mit meist biomorphen Formen verbunden, die durch punktierte Linien, gerade Striche, Pfeile und Leitern miteinander in kompositioneller, dialogischer Reaktion gesetzt sind. Vorbereitet ist diese animistische Farb- und Formwelt durch das Gemälde Der Bauernhof 1921/22, wo die Realität quasi skelettiert auf eine abstrakte Zeichenebene reduziert ist. Ähnliches gilt auch für die stehenden und sitzenden weiblichen Akte der Jahre 1918/19, die zwar noch kubistisches Volumen vermitteln, deren Umgebung und Acsesoires dem Einfluss von Matisse gehorchen und durch exquisite Buntfarbigkeit ausgezeichnet sind.

Angeregt durch Haltung und Denken der Surrealisten – Miró unterzeichnet 1925 Bretons 1. surrealistisches Manifest, in der gestalterischen Nachbarschaft von Max Ernst, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Hans Arp und Alexander Calder – reduziert er in den Jahren bis 1926 konsequent sein Formenvokabular. In dieser Phase verzichtet er auf Bildtitel und nennt seine Arbeiten Malerei. Beeinflusst durch Freuds Theorie der Bewusstseinsebenen, angeregt durch Batailles Text Le anus solairevon 1926, bestätigt durch die ecriture automatique und die Betonung der Träume durch die Surrealisten erstellt Miró einen eigengesetzlichen Bildkosmos. Scheinbar völlig auf Farbe-, Fläche- und Formkorrespondenz reduziert, haben seine Kompositionen einen starken mimetischen Ausdruckswert, der oft erotisch – im Sinne von Batailles- konnotiert ist. Die wie frei assoziiert erscheinenden Farb- Formkomplexe werden durch Miró meist ganz präzise durch Kompositionsskizzen vorbereitet. Auch Bilder, die wie halluziniert anmuten und aleatorisch gefundene Beschriftungen tragen (étoiles en sexes d’escargot, Sterne im Geschlecht von Schnecken, 1925), sind ganz exakt durch eine Vorstudie kalkuliert. Die mimetische Dichte der abstrakten aber animistisch aufgeladenen Formen verstärkt Miró in ihrem Ausdruck durch seine Art der Farbbehandlung. Der Farbauftrag ist zwar flächig, vibriert und changiert jedoch immer, so dass aus der Farbfläche zugleich ein Farbraum entsteht, in dem sich Mirós Formwelt ganz logisch bewegt. Diese Farbräume seiner Gemälde unterstreicht Miró durch fein gemalte, wie zeichnerisch anmutende Richtungslinien, die Raumtiefe anschaulich machen oder eine stereometrische Netzstruktur ausbilden.

Nach Ausbruch des II. Weltkrieges übersiedelt Miró zunächst nach Palma de Mallorca und 1942 in sein Elternhaus nach Barcelona. 1941 hat Miró eine Retrospektive im Museum of Modern Art in New York, 1959 wird dort erneut eine große Einzelausstellung gezeigt, die nach Los Angeles wandert. Bis weit in die 1960er Jahre reist Miró mehrfach wegen Aufträge für Kacheldekorationen in die USA. Dort wird Mirós Farbvirtuosität besonders von Mark Rothko rezipiert und verabsolutiert. In den Jahren 1954 bis 1959 ruht Mirós Malerei, er wendet sich der Graphik, Skulpturen und der Keramik zu. Die Keramikwand, die er 1957 für die Pariser UNESCO-Zentrale schafft, zeigt, wie er seine Farb- und Formwelt auch in diese Technik überführen kann. Nach 1959 entsteht die Serie der Neuen Bilder. Wie in Blau II von 1961 reduziert er nochmals seine Formen, alles Verspielte, Erzählerische, Lyrische fällt hier weg, er gelangt zu einer Monumentalität der einfachsten Formen – Strich und Punktform – mit delikater, ebenfalls reduzierter Farbigkeit, beides evoziert immer noch die Anmutung einer Landschaft.

Joan Miró stirbt am 25. Dezember 1983 in Palma de Mallorca.

Literaturauswahl

Queneau, R.: Joan Miró, Besançon 2006

Miró, E.F. und Ortega Chapel, P.: Sculptures. Catalogue raisonné 1928 — 1982, Paris 2006

Dupin, J., Lelong-Mainaud, A.: Catalogue raisonné. Paintings, 6 Bde., Paris 1976 — 81, 3. Aufl. 2003

Malet, R.H.: Miro, Barcelona 2003

Seckel-Klein, H.: Picasso uns seine Sammlung, München 1998

Gaßner, H.: Joan Miró: der magische Gärtner, Köln 1994

Erben, W.: Joan Miró 1893 — 1983. Mensch und Werk, Köln 1988

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat