Jesús-Rafael Soto

Er sieht in vielen seiner Arbeiten untrennbar mit der Bewegung verbundene Illusionsräume, die Prozesse der Wahrnehmung und gesamten Welterfahrung nachvollziehbar machen können (vgl. Soto, in: Imagen 32, Caracas 1968). In klein dimensionierten motorbetriebenen und mit elektrischem Licht illuminierten Objekten hält Soto an diesen Prinzipien ebenso fest wie auch mit seinen raumgreifenden, auf visuelle und sensorische Erfahrung angelegten Strukturen.

Jesús-Rafael Soto wird 1923 in Ciudad Bolívar / Venezuela geboren. Während der Schulzeit entdeckt Soto bereits die Malerei, betätigt sich als Plakatmaler für Kinos in Ciudad Bolívar und kommt in Kontakt zu einer Gruppe von Kunststudenten. 1942 schreibt er sich an der Escuela de Artes Plásticas y Artes Aplicadas in Caracas zum Kunststudium ein. Neben den Mitstudenten Omar Carreño, Carlos Cruz-Diez, Narciso Debourg, Dora Hersen, Mateo Manaure, Luis Guevara, Pascual Navarro und Mercedes Pardo, die er größtenteils später in Paris wiedertrifft, studiert er dort bei Antonio Edmundo Monsanto und schließt sein Studium 1947 ab. Bis 1950 leitet er die Kunstschule in Maracaibo.

Sotos frühe Gemälde lassen eine Ausrichtung an der Malerei Cezannes erkennen (El puente, 1946; Paisaje, 1947). Er widmet sich vor allem der Landschaftsmalerei, Porträts und Still-Leben, arbeitet zunehmend an abstrakteren Bildfindungen. Der Weg nach Paris scheint vorgezeichnet: »Europa, Paris, das wollte ich. Viele venezolanische Künstler gingen nach Chile, Mexiko oder in die USA. Für mich war das ideale Ziel Paris. Dort waren Impressionismus and Kubismus entstanden, und dies war auch der Ort, an dem tatsächlich Neues entstand.« (Soto, übers. n.: Ausst.-Kat. Caracas 1971). 1950 übersiedelt er nach Paris und schließt sich der um Aimée Battistini entstandenen Künstlergruppe »Los Disidentes« an. Treffpunkt wird auch das »Atelier d’Art abstrait«, das ebenso als Vortragsforum und Ort des künstlerischen Austauschs fungiert wie die Galerie Arnaud, in der er u.a. Jack Youngerman, Ralph Coburn and Ellsworth Kelly kennenlernt, mit denen er z.T. ausstellt (»Espace-Lumière«, 1951). Reisen führen Soto in die Museen der europäischen Nachbarländer, in denen er sich v.a. mit dem Werk Mondrians und Moholy-Nagys auseinander setzt. Sotos malerische Interessen richten sich nun stärker auf optische Effekte und Motive der Bewegung (Composition dynamique; Répétition et progression, beide 1951). Seine Arbeiten stellt er neben Paris auch kontinuierlich in Venezuela aus.

In Paris wendet sich Soto jedoch stärker der Plastik zu, zu deren formaler Gestaltung ihn auch die 12-Ton-Musik Pierre Boulez inspiriert (u.a. Répetition optique n° 12;Composition; Mur optique, alle 1951). Mit seinen Arbeiten, die ab Mitte der 1950er Jahre ebenfalls kinetische Strukturen und Objekte umfassen, setzt Soto auf neue Materialien, Plexiglas oder Nylonfäden und das Auflagenobjekt des Multiples (Boîte, 1955 — 1964). Zugleich lassen seine malerischen Arbeiten eine abstraktere, z.T. auch Kelly nahestehende Bildsprache erkennen, bei der er auch mit Überlagerungen verschiedener Bildschichten arbeitet, und in der Farbe, Struktur und Bewegung bestimmend bleiben (Deux Carrés dans l’espace, Evolution, 1953). Soto ist ab 1953 auf den Ausstellungen der Nouveau Réalistes präsent und lernt dort im folgenden Jahr auch Jean Tinguely und Victor Vasarely kennen, deren mechanische Reliefs und optische Malerei ihn besonders faszinieren. In Arbeiten wie La Cajita de Villanueva (Villanuevas Kleiner Kasten) aus dem Jahr 1955 deuten sich bereits die späteren, raumbezogenen Installationen der ausgehenden 1960er Jahre an.

Ende der 1950er Jahre entdeckt Soto den Werkstoff Metall und entwickelt gleichermaßen strukturierende wie filternde »Blenden« aus Metallgittern vor teils monochromen Hintergründen (Carrés concentriques, 1958; Vibración horizontal-vertical, 1958). Die Arbeiten werden größer, monumentaler und beziehen nun in Prozessen vibrierender Bewegung, Transformation und Entmaterialisierung das räumliche Umfeld ein – wie beispielsweise die für den Brasilianischen Pavillon der Brüsseler Weltausstellung entworfene Murs cinétiques (1958) und ihre Weiterentwicklung u.a. in der neun Meter langen Grand mur vibrant von 1966 zeigt. Seine theoretischen Überlegungen zur kinetischen Kunst, über Beziehungen und Verbindungen zwischen Objekten und Materialien sowie zu Phänomenen des Übergangs fasst Soto 1967 rückblickend zusammen (Soto, in: Studio International, 173). Entsprechend reflektiert er auch im eigenen Werk Sammlungs- und Archivierungspraktiken, so beispielsweise in der an Duchamp angelehnten biographie en valise, die Reproduktionen eigener Werke der 50er und 60er Jahre enthält.

Im Auftrag der Stadt Paris entstehen mit Ephemeral environment auf der Place Furstenberg (1968/69) auch vibrierend-leuchtete Strukturen im Außenraum. Soto sieht in diesen Arbeiten untrennbar mit der Bewegung verbundene Illusionsräume, die Prozesse der Wahrnehmung und gesamten Welterfahrung nachvollziehbar machen können (vgl. Soto, in: Imagen 32, Caracas 1968). In kleiner dimensionierten motorbetriebenen und mit elektrischem Licht illuminierten Objekten (Saturation mouvante; Cube à espace ambigu, 1969) hält er an diesen Prinzipien ebenso fest wie auch mit seinen raumgreifenden, auf visuelle und sensorische Erfahrung angelegten Strukturen (Penetrable, 1969), die Soto bald auch in Klanginstallationen erweitert (Sound Penetrable, 1972). Weitere Außen-, Klanginstallationen und Environments folgen Beginn der 1970er Jahre, so u.a. in Paris, Caracas und Basel. 1974 gestaltet Soto im Rahmen der Eröffnung des Museo de Arte Contemporàneo in Caracas verschiedene Räume (Progression Caracas 1 & 2; Mural B.I.V.). Die großen und raumsegmentierenden Carrés vibrants für die Eingangshalle der Renault-Fabrik in Boulogne-Billancourt folgen 1975.

Mit Suspended Virtual Volume von 1977 und seinen tief in die Raumstruktur eingreifenden, langen farbigen Stab-Elementen eröffnet Soto noch einmal eine neue Dimension seiner Environments. Und auch die Anfang der 1980er Jahre entstehenden, oft auf Paneelen installierten farbigen Kubensysteme oder mit Nylonfäden verblendeten Farbflächen und Kuben führen noch einmal zu einer veränderten Konfrontation und Rhythmisierung von Linie, buntfarbiger Fläche und Raum (Rojo central, 1980; Ambivalencia en el espacio color n°27, 1982; Nylon cube, 1984). In den 1990er Jahren verlagern sich diese Ansätze auf schwarz-weiße, z.T. ornamentale Flächen- und Stab-Strukturen (Vibration ambigüe, 1990; Cuadrado virtual, 1992). Weiterhin entstehen auch Environments und Installationen, in denen Soto mit vorhangartig befestigten Stabstrukturen Fläche und Raum ununterscheidbar macht.

Seit den ersten Einzelausstellungen im Art Salon in Caracas der 1940er Jahre, in den Ausstellungen der Nouveau Réalistes, den Themenausstellungen mit Agam, Bury, Calder, Duchamp, Tinguely und Vasarely wie z.B. »Le Mouvement« in den 1950er Jahren oder den Einzelausstellungen u.a. in der Pariser Galerie Clert werden Sotos Werke zunehmend in internationalen Ausstellungen gezeigt (New York, 1965). Die Ausstellungen bringen ihn auch mit Vertretern von ZERO bzw. der aktuellen Op Art zusammen (Antwerpen: »Vision in Motion – Motion in Vision«, 1959; Bern: »Licht und Bewegung«, 1965; Brüssel: »Lumière, mouvement et optique«, 1965). 1966 ist Soto auf der Biennale in Venedig vertreten. Retrospektiven werden ihm 1968 in der Kunsthalle Bern, 1974 im Solomon R. Guggenheim Museum in New York, schließlich 1982 im Palacio de Velàsquez in Madrid gewidmet. 1973 öffnet das Museo de Arte Moderno Jesús Soto in Ciudad Bolívar. In jüngerer Zeit finden Ausstellungen 1997 in der Galerie Nationale du Jeu de Paume in Paris, 2001 im Museo de Arte Moderno de Bogotá oder 2005 im MoLAA (Museum of Latin American Art, Long Beach) statt.

Soto stirbt 2005 in Paris.

Literaturauswahl

Jimenez, A.: Conversations with Jesus Soto, London 2006

Soto. Universality of the Immaterial: Ausst.-Kat. Long Beach Museum of Latin American Art, Long Beach 2005

Jesus Rafael Soto: Quadrat Bottrop: Ausst.-Kat. Josef-Albers-Museum, Bottrop 1990

Jesus Raphael Soto: Vibrationsbilder, kinetische Strukturen, Environments: Ausst.-Kat. Museum Ulm, Ulm 1970

Soto: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bern, hg. v. H. Szeemann, Bern 1968

Jesus Raphael Soto: Ausst.-Kat. Kestner-Gesellschaft, Hannover 1968

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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