Jerzy Berés

Er gilt bis heute neben Tadeusz Kantor als frühester und charismatischster Vertreter der frühen Aktionskunst in Polen. Innerhalb der gesamteuropäischen Ausrichtung der Avantgarde wird Jerzy Berés als Ausnahme-Erscheinung betrachtet, da er in eigenwilliger Weise sowohl an traditionellen künstlerischen Schöpfungsmythen festhält, den sakral-rituellen Charakter künstlerischen Schaffens betont, zugleich jedoch auch das avantgardistische Medium künstlerischer Aktion nutzt.

Der Aktionskünstler und Bildhauer Jerzy Berés wird 1930 im polnischen Nowy Sacz geboren. Sein Studium absolviert er von 1950 bis 1955 bei dem Bildhauer Ksawery Dunikowski an der Akademie der Schönen Künste in Krakau. Seit 1966 ist Berés Mitglied der II. Krakauer Gruppe.

Jerzy Berés gilt bis heute neben Tadeusz Kantor als frühester und charismatischster Vertreter der frühen Aktionskunst in Polen. Innerhalb der gesamteuropäischen Ausrichtung der Avantgarde wird er als Ausnahme-Erscheinung betrachtet, da er in eigenwilliger Weise sowohl an traditionellen künstlerischen Schöpfungsmythen festhält, den sakral-rituellen Charakter künstlerischen Schaffens betont, zugleich jedoch auch das avantgardistische Medium künstlerischer Aktion nutzt. Im politisch repressiven Polen der 1960er Jahre macht Berés mit Aktionen auf sich aufmerksam, die Tabus öffentlicher Moral überschreiten und mehr oder weniger hintergründig politsche Stellung beziehen.

Nach dem Studienabschluss bei Ksawery Dunikowski, von dessen figurativ-skulpturalem Schaffen sich Berés bald löst, wird ihm zunächst das Material Holz zum ausschließlichen künstlerischen Medium. Eine eigene Formensprache entwickelt er im rohen Material des Holzes, grob abgeschälten Holzklötzen, die sich klar von der informellen Kunst abgrenzen. Berés interessiert das Handwerk. Er übt sich mit Stechbeitel, Axt und Säge in traditionsgebundenen Techniken der Holzbearbeitung, deren Grobheit an vormoderne, ja prähistorische Vorbilder erinnert. Seine ungeschlachten und raumgreifenden hölzernen Konstruktionen gewinnen durch fremdartige Beifügungen mystischen Charakter: Mit Leder, Bast und grober Schnur fügt er die Einzelteile zusammen und gestaltet landwirtschaftliches Gerät, Karren und merkwürdige hölzerne Wegweiser, die er bemalt und beschreibt, mit Stofffetzen und Amuletten verbrämt und ab 1958 als »Traum – bzw. Trugbilder« bezeichnet (Trugbild-Tretmühle, Trugbild-Schwengel, Trugbild-Pflug). Die monumentalen Gerätschaften sind offenkundig funktionsunfähig, verweisen jedoch auf diffuse Volks-Identität und kulturelle Konvention. Sie werden bald zu Trägern politischer Botschaften (Weiß-Rotes Trugbild,1965). Das den Objekten inhärente Handlungspotential wird wohl im Polnischen Schubkarren, den Berés 1966 zur Metapher polnischer Geschichts-Identität verfremdet, am deutlichsten sichtbar.

Erst ab Mitte der 1960er Jahre nutzt Berés die hölzernen Objekte als Utensilien bzw. körperhafte Akteure in seinen Performances. Die Aktionen, die Titel wie »Orakel«, »Messe« und »Altar« tragen und auf Interaktion mit dem Publikum angelegt sind, nennt er in Abgrenzung von der westeuropäischen und us-amerikanischen Happening-Kultur »Manifestationen«. Im Rückgriff auf religiöse Praktiken (Orakel I/II,1968) inszeniert Berés den romantischen Schöpfungsmythos unter Einsatz seines meist nackten und bemalten Körpers (Lagerfeuer der Kunst 1976, Romantische Messe 1978, Künstlerische Messe, 1979; Disput mit Marcel Duchamp, 1990;Dialog mit Tadeusz Kantor, 1991). Insbesondere zu Beginn der 1980er Jahre wird Berés auf diese Weise auch zum Hauptvertreter einer neuen »Begegnung mit dem Sakralen« (Gralinska-Toborek, in: Inferno, 7, 2003), deren Zielsetzungen der Kurator Janusz Bogucki – auch mit Blick auf die antikommunistische Ausrichtung des polnischen Katholizismus – politisch versteht.
Ab Ende der 1960er Jahre entstehen auch mobile Objekte (Roller 1968), bzw. hölzerne Apparaturen, die absurde und obszöne Handlungen vorführen und damit soziales Handeln spielerisch erzeugen (Klakeur, 1970; Diplomatischer Ping Pong; 1970, Lutscher, 1971). Hier insbesondere liegen deutliche Berührungspunkte mit der Volkskunst.

Berés’ Skulpturen sind bereits 1966 im Musée Rodin in Paris zu sehen, werden ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich im Zusammenhang von Gruppenausstellungen in Westeuropa, u.a. 1978 im Lehmbruck-Museum Duisburg, 1983 im Centre Georges Pompidou in Paris, 1988 im Museum of Modern art in Oxford und 1994 in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, gezeigt. Einzelausstellungen finden 1971 im Museum Bochum, 1993 im Zentrum für zeitgenössische Kunst in Warschau und 1995 im Nationalmuseum Krakau statt. Im Jahr 2000 sind Berés’ Arbeiten im Museum Würth in Künzelsau zu sehen.

Jerzy Berés lebt und arbeitet in Krakau.

Literaturauswahl:

Rottenberg, A.; Szylak, A.: Le XXe siècle dans l’art polonais. Paris 2004

Verteidigung der Moderne. Positionen der polnischen Kunst nach 1945: Magdalena Abakanowicz, Jerzy Berés, Tomasz Ciecierski, Leon Tarasewicz: Ausst.-Kat. Museum Würth, Künzelsau 2000

Art at the edge. Contemporary Art from Poland, Magdalena Abakanowicz, Jerzy Berés, Edward Dwurnik: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art Oxford, Oxford 1988

Expressiv: Mitteleuropäische Kunst seit 1960: Ausst.-Kat. Museum moderner Kunst, Museum d. 20. Jahrhunderts Wien u.a., Wien 1987

Présences polonaises: Ausst.-Kat. Centre Georges Pompidou, Paris 1983

Jerzy Berés: Ausst.-Kat. Museum Bochum, hg. v. P. Leo. Bochum 1971

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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