Jean Tinguely

Tinguelys aus Eisenteilen zusammengeschweißten Konstruktionen sind mehrschichtig wahrzunehmen. Sie folgen nicht nur dem fordernden und zukunftgerichteten Impetus. Sie stellen in spielerischer Weise auch fröhliche und ironische Kommentare zu Prinzipien der Kausalität, Funktionalität und Ökonomie der Mittel im technischen Zeitalter dar.

Jean Tinguely wird am 22. Mai 1925 in Fribourg geboren. Nach der Schule beginnt er 1940 zunächst eine Lehre als Schaufensterdekorateur in einem Basler Kaufhaus. Von 1941 bis 1945 studiert Tinguely an der Kunstgewerbeschule Basel. Schon während des Studiums wendet er sich, angeregt durch die modernen Aktivitäten im Kreis um Dada und Bauhaus, dem Thema räumlicher Bewegung zu. Ihn interessieren vor allem die technischen Möglichkeiten künstlerischer Bewegungsgestaltung. Formen automatisierter Bildentstehung reizen ihn ebenso wie maschinell betriebene, kinetische Skulpturen und er arbeitet an der Entwicklung spezieller Elektromotoren. 1952 übersiedelt Tinguely mit seiner ersten Frau, Eva Aeppli, nach Paris. Dort bleibt er in den folgenden Jahren, erst 1968 zieht er in ein ehemaliges Gasthaus in Neyruz im Kanton Fribourg. Nach dessen Brand verlegt Tinguely 1988 sein Atelier in die ehemalige Flaschenfabrik in La Verrerie im Kanton Fribourg.

1954 hat Tinguely seine erste Einzelausstellung in der Pariser Galerie Arnaud. Früh ergeben sich in Paris neue Kontakte und Freundschaften zu zahlreichen dort arbeitenden Künstlern wie zu Constantin Brancusi und 1955 zu seiner späteren Lebensgefährtin Niki de Saint Phalle. Mit Yves Klein stellt er gemeinsam in der Galerie Iris Clert aus und zeigt 1958 die Arbeit Vitesse pure et stabilité monochrome. Ebenso trifft Tinguely in Paris auf die Vertreter der Künstlergruppe ZERO, deren Beschäftigung mit seriellen Bildordnungen, Lichtstrukturen und dynamischen Raumkonstruktionen für ihn vertrautes Terrain darstellt.

Im Jahr 1959 nimmt Tinguely an der Biennale in Paris teil. Seine Phantasiemaschinen mit programmierten Zufallselementen, die sogenannten Métamatics, die er 1959 erstmals in Paris zeigt, erregen nicht zuletzt auch wegen ihres ohrenbetäubenden Lärms beträchtliches Aufsehen. Tinguely begleitet die erstaunlichen, teils ungeschlacht monumentalen Objekte mit einem Manifest »Für Statik«, das er März 1959 aus einem Flugzeug über Düsseldorf abwirft. Darin formuliert er sein Credo der Beweglichkeit: »Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht. Lasst Euch nicht von überlebten Zeitbegriffen beherrschen. Fort mit den Stunden, Sekunden und Minuten. Hört auf, der Veränderlichkeit zu widerstehen. SEID IN DER ZEITSEID STATISCH, SEID STATISCHMIT DER BEWEGUNG. Fur Statik. Im Jetzt stattfindenden JETZT. (…) Lasst es sein, Kathedralen und Pyramiden zu bauen, die zerbröckeln wie Zuckerwerk. Atmet tief, lebt Jetzt, lebt auf und in der Zeit. Für eine schöne und absolute Wirklichkeit!« Tinguelys solide gebaute Maschinen mit ihrem absurden Bewegungsrepertoire entwickeln Eigenleben, zeigen sich nie in gleicher Weise, vollziehen zunächst scheinbar zielgerichtete Handlungen und Bewegungen und führen damit in die Irre. Sie können aber auch selbstzerstörerisch wirken, worin sich der fließende Übergang der Objektkunst zu Tinguelys politisch-aktionsorientierten Ausdrucksformen zeigt, wie dies u.a. mit der Skulpturengruppe Study for an End of the World No. 2, die sich 1962 in der Wüste von Nevada vor den Augen des Publikums selbst zerstört, deutlich wird.

Anfang der 60er Jahre gehört Tinguely neben Arman, François Dufrêne, Raymond Hains, Yves Klein und Daniel Spoerri u.a. zu den Mitbegründern der Künstlerguppe des Nouveau Réalisme, die maßgeblich durch das Wirken des Kunstkritikers Pierre Restany bekannt wird. In dem 1960 gemeinsam veröffentlichten Manifest treten die Künstler für einen »neuen Realismus« ein, den sie als konstruktive Fortsetzung von Dada verstehen. Objekte des städtischen, industriellen Alltagslebens und der Werbewelt, Schrottmaterial und Gefundenes werden in Assemblagen und Installationen integriert, um unmittelbare Zugänge zur sozialen Realität erfahrbar zumachen. Gemeinsam mit Robert Rauschenberg nimmt Tinguely auch an internationalen Happenings teil. Seine Arbeiten werden in der Ausstellung »The Machine« im Museum of Modern Art (1966) gezeigt, er gestaltet den Schweizer Pavillon der Weltausstellung in Montreal 1967 (Requiem pour une feuille morte, für den franz. Pavillon gemeinsam mit Niki de Saint Phalle Le Paradis fantastique) und wird mit der Ausstellung »Dada, Surrealism and their Heritage« von 1968 im Museum of Modern Art, New York einem großen Publikum bekannt.

Tinguelys aus Eisenteilen zusammengeschweißten Konstruktionen sind mehrschichtig wahrzunehmen. Sie folgen nicht nur dem fordernden und zukunftgerichteten Impetus, der sein kurzes Manifest zur Bewegung wie Beweglichkeit kennzeichnet. Sie stellen in spielerischer Weise auch fröhliche und ironische Kommentare zu Prinzipien der Kausalität, Funktionalität und Ökonomie der Mittel im technischen Zeitalter dar. Gemäß dieser Auffassung verfolgt Tingely auch beharrlich unterschiedliche Strategien zur Erweiterung des etablierten Kunstbegriffs. Er ist fasziniert von der Idee künstlerischer Gemeinschaftsproduktion und fordert die Publikumsbeteiligung in seinen Arbeiten ein. Sichtbares Beispiel für die Umsetzung des Prinzips der gemeinschaftlichen künstlerischen Arbeit ist Le Cyclop in Milly-la-Forêt. Begonnen im Jahr 1969, entsteht die begehbare Großplastik über Jahre hinweg in Zusammenarbeit mit Bernhard Luginbühl, Larry Rivers, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri und mit Hilfe von Tinguelys Assistenten Josef Imhof und Rico Weber und wird erst 1987 vollendet. Tinguelys offener und experimentell ausgerichteter Kunstbegriff kennzeichnet auch seinen Umgang mit dem Publikum. Im Rahmen der Ausstellung »Débricollages« in der Zürcher Galerie Bischofberger forciert er die gezielte Beteiligung der Besucher, indem er sie auffordert, ihr eigenes Kunstwerk herzustellen.

Unter den Werken Tinguelys nehmen die zahlreichen Skulpturen- und Brunnenprojekte auf öffentlichen Plätzen und in Gärten, die er seit den 60er Jahren großenteils gemeinsam mit Niki de Saint Phalle oder Bernhard Luginbühl realisiert, einen Sonderstatus ein. Das Gemeinschaftsprojekt einer begehbaren weiblichen Figur, einem funktionstüchtigen Idealbild einer Frau im Moderna Museet in Stockholm (Hon (Sie), 1966), an dem auch Per Olof Ultvedt beteiligt ist, verbindet die Themenschwerpunkte des Künstlerpaars: Saint Phalles Idee der Nana, jener bunten und üppigen Figuren, deren größtes Exemplar hier entsteht, mit Tinguelys Interesse an raumbezogenen Skulpturen und Objekten, dem er mit der Ausstattung der Figur im Inneren, einem Kino, einer Liebesnische im Bein, einer Milchbar in der Brust und einer mechanischen Gebärmutter im Bauch auf ironische Weise nachgeht. Nach anderen Projekten, wie der Großen Spirale oder Doppel-Helix im Hof des Basler Instituts für Immunologie der F. Hoffmann-La Roche AG (1971 — 73), der Monumentalplastik Chaos No. 1 in der Civic Mall von Columbus (1973 — 75) oder dem Basler Fasnachtsbrunnen (1977), entstehen weitere Gemeinschaftsarbeiten mit Saint Phalle, darunter die bekannte La Fontaine Stravinsky von 1980/81 in Paris, die Markenzeichen ihres Aufstellungsorts neben dem Centre Pompidou wird, oder auch die Fontaine Château-Chinon, die von den beiden Künstlern 1988 im Auftrag des französischen Präsidenten realisiert wird.

Tinguely ist auf der Documenta 3, 4 und 6 zwischen 1964 und 1977 vertreten. Erste große Retrospektiven finden 1982 — 1983 u.a. im Zürcher Kunsthaus, der Tate Gallery in London, im Palais des Beaux-Arts, Brüssel und 1987 im Venezianischen Palazzo Grassi (Große Méta Maxi-Maxi Utopia) statt. Nach der letzten von Tinguely selbst eingerichteten Ausstellung (»Nachtschattengewächse«, Kunsthaus Wien) stirbt er am 30. August 1991 in Bern. Niki de Saint Phalle widmet ihm ihre nun entstehenden kinetischen Skulpturen, die Meta-Tinguelys. 1996 wird das Museum Tinguely in Basel eröffnet.

Literaturauswahl

Museum Jean Tinguely Basel, 2 Bde., Bern 1996

Violand-Hobi, H. E., Jean Tinguely. Biographie und Werk, München 1995

Jean Tinguely – A Magic Stronger than Death: Ausst.-Kat., hg. v. P. Hulten, Palazzo Grassi Venedig, London 1987

Jean Tinguely: Ausst.-Kat. Kunsthalle der Hypo-Stiftung, München 1985

Bischofberger, C.: Jean Tinguely, Werkkatalog Skulpturen und Reliefs, 1954 — 1968, Küsnacht/Zürich 1982

 

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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