James Turrell

Natur- wie Kunstlicht setzt Turrell so ein, dass die Betrachtenden das suggestive Ausmaß des Sehprozesses erfahren. Turrells Lichtinstallationen fordern außerdem eine Zeit der Orientierung und Stille, die Konzentration auf das Sinnesorgan des Auges. Und sie erzeugen beim Betrachter das gesamte physische Wrikspektrum, das Gesehenes wie Gefühltes synästhetisch erzeugt: Wärme und Kälte, Ruhe und Unruhe sowie räumliche Suggestionen von Weite, Enge, Nähe und Ferne.

James Turrell wird am 6. Mai 1943 in Los Angeles geboren. Er wächst in einer streng religiössen Quäkerfamilie auf, sein Vater, der früh stirbt, ist Flugzeugingenieur und vererbt seinem Sohn James die Flugleidenschaft. Bereits mit 16 Jahren besitzt James Turrell die Lizenz für Motorflugzeuge, mit der er bis Studienbeginn Geld verdient. Am Pomona College in Claremont/ Kalifornien beendet Turrell 1965 das Studium der experimentellen Psychologie und der Mathematik. Sein Kunststudium absolviert er 1973 mit dem Master of Fine Arts an der Graduate School in Claremont.

Bereits 1966 widmet sich Turrrell demjenigen Gestaltungsmedium, das sein Werk wesentlich bestimmt, dem Licht. Im Pasadena Art Museum zeigt er in seiner ersten Einzelausstellung 1967 Lichträume – schwarze Kammern, die an einer Stelle durch monochrome, farbige Lichtquellen beleuchtet werden. Der Betrachter wird meist durch einen schleusenartigen Korridor, der den Lichtraum vom musealen Umfeld trennt, in diese stillen Leuchträume geführt. Hier müssen Raumorientierung, Gleichgewichtssinn und erkennendes Sehen neu gefunden werden.

Turrells Lichträume sind die künstlerische Erfüllung der grundlegend physikalischen Erkenntnis des 20. Jahrhunderts von Albert Einstein und anderen über die Doppelnatur des Lichts, das zugleich Welle und Teilchen, also Masse und Energie ist. Natur- wie Kunstlicht setzt Turrell so ein, dass die Betrachtenden das suggestive Ausmaß des Sehprozesses erfahren. Turrells Lichtinstallationen fordern außerdem eine Zeit der Orientierung und Stille, die Konzentration auf das Sinnesorgan des Auges. Und sie erzeugen beim Betrachter das gesamte physische Wrikspektrum, das Gesehenes wie Gefühltes synästhetisch erzeugt: Wärme und Kälte, Ruhe und Unruhe sowie räumliche Suggestionen von Weite, Enge, Nähe und Ferne. Wie der Illusionismus barocker Deckenmalerei nutzt Turrell Licht zur Entgrenzung und Verwandlung von Raumstrukturen und nennt sich selbst daher zu Recht einen Bildhauer.

Turrell ist nicht nur Lichtgestalter, sondern auch ein Pionier der Land Art. Im Jahr 1974 ausgestattet mit einem Guggenheim-Stipendium, entdeckt er bei einem Flug über die Wüste Arizonas einen seit circa 400 000 Jahren erloschenen Vulkan mit einer ovalen Caldera, die wie ein Echsenauge im tiefen Zentrum des Kraters sitzt. Turrell kauft dieses 400 Quadratkilometer umfassende Steppengebiet 1977. Zusammen mit einem Architekten und einem Astronomen strukturiert er unterirdisch das Kraterfeld durch Räume, Kammern und Gänge. Zentral, um das Auge des Vulkans, zementiert er einen großen Zylinder, in dessen Öffnung sich der Wüstenhimmel abbildet. Weitere offene Lichtfelder sind am Kraterabhang so platziert, dass zum Beispiel der astronomische Jahreslauf der Venus verfolgt werden kann. Turrell investiert zweistellige Millionendollarbeträge und arbeitet bis heute an seinem Roden Crater. Er holt damit gleichsam nicht nur den Himmel auf die Erde, was wie ein moderner Schöpfungsakt anmutet, sondern reflektiert auch historische Himmels- und Jahreszeitenerkundungen wie sie sich in Stonehenge oder den Kalendarien der Maya manifestieren. Der Roden Crater mag gleichsam wie die Licht-Genesis von James Turrell erscheinen.

Zu Turrells Werkgruppen gehören neben den Lichträumen, mit denen er mono- oder polychrome Lichtwände erstellt auch seine Perceptual Cells. Es sind laborartige Kammern, in denen – ähnlich stimulativen psychotherapeutischen Anwendungen – jeweils ein Besucher liegend oder sitzend einer intensiven, monochromen Lichtquelle konfrontiert wird. Turells Skyspaces, der erste entsteht in Irland, sind meist zweigeschossige, quadratische Kuben auf die ein oben offener Zylinder gesetzt wird. Der in diesem Oculus erscheinende Himmelsausschnitt belichtet mit der Tageszeit wandernd den Raumkubus oder spiegelt das Himmelsgeschehen über eine Linse wie eine Camera Obscura auf dem Boden des Raumes. Das Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna verfügt seit 2008 über den Skyspace Third Breath (10,8 × 10,8 × 14 m), der vom Museum aus über einen unterirdischen Gang erreicht wird. Turrells bisher größtes Museumsprojekt realisierte er 2009/10 im Kunstmuseum Wolfsburg. Dieses Wolfsburg Project überbaut 700 m² mit einem doppelstöckigen Hohlraum des Ganzfeld Typus und reicht 11 Meter in die Höhe. Vom oberen Viewing Space gelangt der Besucher über eine Rampe in den unteren Sensing Space, der von langsam wechselndem, farbigen Licht durchflutet ist. Seit 2007 baut Turrell Lichtwandstücke moderateren Ausmaßes: Vor einer Holzplatte erzeugen computergesteuerte farbige Leuchtzellen geometrische Farbzonen, die durch eine vorgeblendete Glasscheibe Volumen und räumliche Tiefe erhalten. Auch seine Druckgrafik, wie auch die Serie First Light (1989/90) studiert im harten Schwarz-Weiß-Kontrast die Lichträumlichkeit.

Turrells Lichtarbeiten sind weltweit in allen wichtigen Sammlungen vertreten. Für das Jahr 2012 plant das Solomon R. Guggenheim Museum in New York eine große Retrospektive seines Werks. Turell sagt selbst über sein künstlerisches Anliegen: »Wir denken immer, das Licht erhellt. Und wir nutzen Licht, damit es andere Dinge zum Strahlen bringt, aber für mich besteht das Einzigartige darin, das Licht selbst zu offenbaren. Dafür möchte ich ihm Körperlichkeit, Dinglichkeit geben.« (zit. n.: U. Sinnreich, Formen der Transparenz, in: DU 796, Mai 2009, 19).

James Turrel lebt und arbeitet in Flagstaff, Arizona 47 Meilen vom Roden Crater entfernt und in Inishkeane, Irland.

Literaturauswahl

Andrews, R.: James Turrell – The Wolfsburg Project, Ostfildern 2009

Gehring, U.: Bilder aus Licht. James Turrell im Kontext der amerikanischen Kunst nach 1945, Heidelberg 2006

Schürmann, E.: Erscheinen und Wahrnehmen. Eine vergleichende Studie zur Kunst von James Turrell und der Philosophie, München 2000

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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