Jackson Pollock

Um der Formgebung ihren Lauf zu lassen, spritzt, tropft und schleudert Pollock das Farbmaterial auf eine am Boden liegende und ungrundierte Leinwand. Zwischen 1946 und 1947 entwickelt er seine genuine Technik der Bildbearbeitung des Drip-Paintings, für die er heute bekannt ist.

Der 1912 in Cody / Wyoming geborene Maler Jackson Pollock verfolgt seine künstlerische Ausbildung zunächst von 1925 — 29 an der Manual Arts School in Los Angeles. Er wechselt dann zur Art Students League nach New York, an der er ab 1930 eingeschrieben ist und u.a. bei Thomas Hart Benton seine Ausbildung erhält. Pollock schließt sich zunächst der dort vertretenen regionalistischen Schule der Malerei an, die in expressionistischen Darstellungen den us-amerikanischen Wertekanon vermittelt. Landschaft und Naturverbundenheit, Freiheitsdrang und Eroberungswille fließen als Themen in Pollocks figurales Frühwerk ein (Going West, 1934). Mit Tafelbildern (Birth, 1938 — 41) und großformatigen Wandbildern liefert er auch Beiträge für das WPA (Works Progress Administration)-Programm, das Franklin D. Roosevelt mit öffentlichen Aufträgen im Rahmen des New Deal fördert. Früh macht sich jedoch auch sein Interesse für die ornamentale und flächenbezogene Bildgestaltung bemerkbar, die er zunächst noch figural (The Flame, ca. 1934 — 38), später auch in vollständig abstrakten Liniengefügen mit pastosem Farbauftrag entwickelt (Overall Composition, ca. 1934 — 38). Ab 1936 experimentiert Pollock mit Spritz- und Retuschierpistolen und unterschiedlichen synthetischen Malmitteln, auch Industrielacken. Erste Experimente mit geschüttetem Farbauftrag (Dripping) sind durch surrealistische Bildtechniken, u.a. die écriture automatique oder Max Ernsts Vorbild angeregt (Composition with Pouring II, 1943). Im Entstehungsjahr des Bildes lernt Pollock Peggy Guggenheim kennen, die ihn zeitlebens fördern wird.

Pollocks Verbundenheit mit der figuralen und politisch motivierten Malerei wird schließlich auch durch das Vorbild der mexikanischen Künstler José Clemente Orozco, Diego Rivera und José David Alfaro Siqueiros bestimmt, deren Motive und Bildinhalte ihn zur inhaltlichen Bestimmung eigener auch abstrakter Formfindungen inspirieren. Ihn interessieren vor allem die mythischen Komponenten einer als »ursprünglich« angesehenen indianischen Kunst, die er in seinen Arbeiten einzubringen hofft (The Moon-Woman Cuts the Circle, ca. 1943). Mit dem über sechs Meter langen, großformatigen Wandbild Mural von 1943 bricht Pollock bereits die Grenzen des Tafelbildes auf, zwingt die Betrachtenden zur aktiven, abschreitenden Betrachtung der vertikal züngelnden linearen Bewegungsmuster, in die zunehmend Drippings verwoben sind.

Zwischen 1946 und 1947 entwickelt Pollock schließlich seine genuine Technik der Bildbearbeitung des Drip-Paintings, für die er heute bekannt ist. Er versteht den Prozess des Malens als einen Akt, der weniger vom subjektiven Empfinden des Künstlers, vielmehr vom »Bild«, d.h. von der materiellen Beschaffenheit der Malmittel und ihrer physischen Eigenschaften bestimmt wird. Um deren Formgebung ihren Lauf zu lassen, spritzt, tropft und schleudert Pollock das Farbmaterial auf eine am Boden liegende und ungrundierte Leinwand. Darauf bedacht, die Farbe weder mit formgebenden Bewegungen, noch gestischen Impulsen vorab zu bestimmen, nutzt er Stöcke und andere Hilfsmittel zur Verteilung ihrer flüssigen Substanz. In heftigen Bewegungsabläufen bearbeitet er so die Leinwand, betritt auch selbst den Bildträger und lässt die Farbe sich über seine Grenzen hinaus ergießen. Das auf diese Weise entstehende malerische Farbgebilde gibt in Schlieren, Schwüngen, Tropfen und Spritzern den Bewegungsduktus des Malers wieder, lässt sich aber ebenso als rhythmisiertes Bildfeld beschreiben (Reflections of the Big Dipper, 1947;Number 1A, 1948; Lavender Mist: Number 1, 1950). Pollock selbst schreibt zum Malakt: »Wenn ich im Bild drin bin, ist mir nicht bewusst, was ich tue. Erst nach einer gewissen Zeit des ›Kennenlernens‹ sehe ich, was ich da eigentlich mache. Ich habe keine Angst vor Änderungen, davor, dass ich das Bild zerstören könnte usw., weil das Bild ja ein Eigenleben hat. Diesem Eigenleben versuche ich zum Ausdruck zu verhelfen. Nur wenn ich den Kontakt zum Bild verliere, wird das Ergebnis verworren. Ansonsten arbeite ich in einem Zustand reiner Harmonie, einer Übereinstimmung zwischen Geben und Nehmen, und das Bild ist gelungen.« (Pollock in: Possibilities 1947/48). Eine nachhaltige Überhöhung seiner künstlerischen Arbeitsemphase im Dripping wird durch den 1950 entstehenden Film »Jackson Pollock« von Hans Namuth und Paul Falkenberg betrieben, der 1951 im Museum of Modern Art uraufgeführt wird.

Die folgenden Jahre werden insbesondere durch den Erfolg von Pollocks Arbeiten in der zeitgenössischen Kunstkritik bestimmt, aber auch durch schwere existentielle Krisen. Ob Bildgestalt des flächigen All-Over (Clement Greenberg) oder aktionistisches Malergenie (Harold Rosenberg), seine Rolle für eine sich gerade emanzipierende us-amerikanische Moderne steht im Mittelpunkt der Rezeption. Pollocks Arbeiten werden nun wieder deutlicher durch figürliche und mythische Konnotationen bestimmt, die sich einerseits durch motivische Verdichtungen im Netz der Farbschlieren andererseits durch die Titelgebungen ergeben (Easter andthe Totem, 1953; Portrait and a Dream, 1953; Search 1955).

Ausstellungen der Werke Pollocks finden zu Lebzeiten in unterschiedlichen Galerien statt, so 1948 bis zu seinem Tod in der Betty Parsons Gallery und der Sidney Janis Gallery in New York. Nach seinem Tod findet 1956/57 eine Retrospektive seines Gesamtwerks im Museum of Modern Art in New York statt, das auch kurz darauf 1967 und 1968/69 eine Wanderausstellung organisiert. 1982 sind Pollocks Arbeiten im Musée National de l’Art Moderne im Centre Pompidou zu sehen. Weitere wichtige Ausstellungen finden in den 1990er Jahren in der Kunsthalle Düsseldorf (1995), und im Jahr 1999 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und in der Tate Gallery London statt.

Jackson Pollock stirbt 1956 in East Hampton / New York an den Folgen eines Autounfalls.

Literaturauswahl:

Lewicka, O.: Pollock. Verflechtung des Sichtbaren und des Lesbaren, München 2005

Jackson Pollock: Ausst.-Kat. The Tate Gallery, London 1999

Prange, R.: Jackson Pollock, Number 32, 1950. Die Malerei als Gegenwart, Frankfurt/ M. 1996

Siqueiros/ Pollock – Pollock/ Siqueiros: Ausst.-Kat. Städt. Kunsthalle Düsseldorf, hg. v. J. Harten, Köln 1995

Clark, T.J.: Jackson Pollock. Abstraktion und Figuration, Hamburg 1994

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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