Henry Moore

Seine besondere Rolle in der europäischen Moderne der Zwischenkriegszeit ist gekennzeichnet durch sein Festhalten an der kompakten Körperdarstellung, die sich zunächst in der Tradition der weiblichen Aktdarstellung begründet. Ähnlich wie seine Zeitgenossen sucht Henry Moore nach einem neuen Formenvokabular, das die ikonographischen Deutungsmuster des allegorischen Aktes – traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit, Fruchtbarkeit und Primitivität – neu bestimmen und weiterführen konnte.

Henry Moore wird 1898 in Castleford / Yorkshire geboren. Er beginnt 1919 an der School of Art in Leeds das Studium der Bildhauerei, das er 1921 — 1925 am Royal College of Art in London fortsetzt. Hier lernt er im British Museum auch erstmals mexikanische und ägyptische Skulpturen kennen. Erste bildhauerische Arbeiten aus Stein und Holz, aber auch die ersten liegenden Figuren entstehen. Von 1922 bis 1925 führen Moore Studienreisen nach Frankreich und Italien. 1925 beginnt er seine Lehrtätigkeit am Royal College.

Moores besondere Rolle in der europäischen Moderne der Zwischenkriegszeit ist gekennzeichnet durch sein Festhalten an der kompakten Körperdarstellung, die sich zunächst in der Tradition der weiblichen Aktdarstellung begründet. Ähnlich wie seine Zeitgenossen Brancusi, Archipenko und auch Laurens sucht er nach einem neuen Formenvokabular, das die ikonographischen Deutungsmuster des allegorischen Aktes – traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit, Fruchtbarkeit und Primitivität – neu bestimmen und weiterführen konnte.

Die blockhafte Massigkeit der mexikanischen und ozeanischen Skulpturen fasziniert Moore, der nun vornehmlich in Stein und Holz arbeitet. Hierbei lässt er sich insbesondere von der Figur des altmexikanischen Sonnengottes Chacmool aus Chichén Itzá inspirieren. An Werken wie Mother and Child (1924/25) wird die Beschäftigung mit diesen Vorbildern, doch ebenso das Festhalten an der traditionellen Ikonographie fassbar. Mit seinen ersten liegenden Figuren, den sogenannten Reclining Figures entwickelt Moore eine Formensprache, die den anschaulichen Zusammenhang von weiblicher Körperdarstellung und landschaftlicher Topographie in zahlreichen Variationen erprobt (Reclining Woman, 1927).

Bereits 1928 erhält Moore seine erste Einzelausstellung in der Warren Gallery in London. Sein Werk wird von Teilen der Kritik als »unmoralisch« bezeichnet, dennoch erhält Moore im selben Jahr seinen ersten öffentlichen Auftrag für die Außengestaltung des Hauptverwaltungsgebäudes der Londoner Untergrundbahn, für den das Relief Westwind entsteht. 1930 schließt Moore sich einer avantgardistischen Künstlergruppe um Barbara Hepworth und Ben Nicholson an, der »Seven and Five Society«. Er gibt seine Assistentenstelle am Royal College auf, erfährt starke Kritik zu einer Ausstellung in den Londoner Leicester Galleries. Von 1931 bis 1939 lehrt Moore Bildhauerei an der Chelsea School of Art und gründet dort eine Skulpturenabteilung.

Einflüsse des Surrealismus bestimmen Moores zwischen 1930 und 1936 entstehende Werke stark. Der bis dahin ganzheitlich gestaltete weibliche Körper löst sich durch Aushöhlungen und Teilungen auf, bietet Durchbrüche und erzeugt kommunikative Strukturen, die letztlich nur noch anthropomorphen Charakter besitzen (Resting Figure, 1930). Diese biomorphen Abstraktionen, die nichtsdestoweniger als abstrakte Deutungen traditioneller Weiblichkeitsvorstellungen gelten können, sind erkennbar von der Archetypenlehre Carl Gustav Jungs und dessen Bestimmung des »Großen Muttertypus« beeinflusst. Im Jahr 1936 nimmt Moore an der »International Surrealist Exhibition« in London teil und unterschreibt den Protest der englischen Surrealisten gegen die Nichteinmischung im Spanischen Bürgerkrieg.

Als Moore 1940 — 42 von Kenneth Clark, dem Vorsitzenden des Artists’ Advisory Committee den Auftrag erhält, im Staatsdienst die Folgen des Krieges in London als »Official War artist« dokumentarisch festzuhalten, werden ihm die schutzsuchenden Liegenden in den Schächten der Londoner U-Bahn zu Chiffren der Zufluchtsuche und Bedrängnis in seinen Shelter Drawings. Im Jahr 1941 wird eine erste Retrospektive seines Werkes in Leeds organisiert.

Nach dem Krieg festigt sich Moores Position. Er avanciert zu einem der Hauptvertreter einer figürlich-abstrakten Auffassung moderner Skulptur. Seine Werke finden nun umfassende Würdigung. So stellt Moore 1948 auf der Biennale in Venedig aus und ist in internationalen Ausstellungen in Brüssel, Paris, Amsterdam, Hamburg und Düsseldorf, Bern und Athen zu sehen. Werkgruppen wie diejenige der Family Group (1948/49) entstehen. Moore arbeitet nun vermehrt in monumentalem Format wie im öffentlichen Raum, vorrangig verwendet er nun Bronze. Erste plastische Darstellungen männlicher Figuren kreisen um Themen wie Krieg und Zerstörung, so Warrior with Shield (1953/54) und Falling Warrior (1956/57). Vorrangig entwickelt er jedoch die Form der liegenden Figur weiter, die er in Variationen auf großen öffentlichen Plätzen, meist frontal zu öffentlichen Gebäuden gestaltet. Seine weiblichen Figuren werden zu anschaulichen Verkörperungen natürlicher Landschafts- und Steinformationen. Sie dienen ihm als morphologische Äquivalente politischer Wertvorstellungen in der Nachkriegszeit. In diesem Zusammenhang entstehen die großen liegenden Figuren für das UNESCO-Hauptquartier in Paris (1957/58), das Lincoln Center in New York (1963 — 65) und die Two Large Forms (1979) für das Bundeskanzleramt in Bonn.

1977 ruft der Künstler die Henry Moore Foundation in Much Hadham ins Leben. Henry Moore stirbt dort im Jahr 1986.

Literaturauswahl

Henry Moore, Human Landscapes = Henry Moore, Menschliche Landschaften: Ausst.-Kat. Städtische Galerie Wolfsburg, hg. v. Susanne Pfleger, Hans-Joachim Throl, Bielefeld 2004

Berthoud, Roger: The life of Henry Moore, London 2003

Henry Moore, 1898 — 1986, Eine Retrospektive zum 100. Geburtstag: Ausst.-Kat. Kunsthistorisches Museum Wien, hg. von Wilfried Seipel, Mailand 1998

Wenk, Silke: Henry Moore. Eine Allegorie des modernen Sozialstaates, Frankfurt/M. 1997

Henry Moore. Ursprung und Vollendung: Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle Mannheim, hg. v. M. Fath. München 1996

Mitchinson, D. und J. Stallabrass: Henry Moore, Paris 1992

Argan, Giulio Carlo: Henry Moore, Stuttgart 1989

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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