Henri Matisse

»Ein Werk muss seine ganze Bedeutung in sich selbst haben und sie dem Beschauer aufdrängen, noch ehe er seinen Gegenstand zur Kenntnis genommen hat. Wenn ich die Fresken von Giotto in Padua sehe, kümmere ich mich nicht darum, welche Szene aus dem Leben Christi ich vor mir habe, aber ich erfasse sofort die Stimmung, die davon ausgeht, denn sie liegt in den Linien, in der Komposition, in der Farbe.« (Matisse, in: Ders.: Notizen eines Malers (1908), hg. v. Jack Flam, 1993).

Der Maler, Grafiker, Zeichner und Bildhauer Henri Matisse wird 1869 in Le Cateau-Cambrésis in Frankreich geboren. Eine begonnene Rechtsanwaltslaufbahn in Saint-Quentin bricht er 1891 ab, um in Paris eine Ausbildung zum Maler zu beginnen. Er schreibt sich an der Académie Julian ein, wo u.a. der Salonmaler Adolphe-William Bouguereau lehrt. Ein erstes Scheitern bei der Aufnahmeprüfung an der École des Beaux-Arts veranlasst Matisse, sein Studium 1892 an der École des Arts Décoratifs aufzunehmen, gleichzeitig beginnt er eine Ausbildung im Atelier des symbolistischen Malers Gustave Moreau. Nach der endgültige Aufnahme an der staatlichen Kunsthochschule im Jahr 1895 bleibt er auch weiterhin Schüler Moreaus, stellt 1896 im Salon der Societé Nationale aus, deren Mitglied er wird. In Paris inspirieren Matisse die aktuellen Künstlergruppierungen, die sich mit impressionistischen und neoimpressionistischen Techniken befassen, insbesondere aber die Interieurdarstellungen im Kreis der Nabis (La liseuse, 1895; Le serveuse bretonne, 1896). Er lernt ab 1897 Werke van Goghs und Cézannes kennen. Zugleich orientiert er sich an Werken der kunstgeschichtlichen Tradition, die er im Louvre studiert. 1899, mit dem Tod Moreaus, beendet Matisse seine Ausbildung an der École des Beaux-Arts. Bestimmend wird nun der Einfluss Cézannes, dessen Gemälde Les trois baigneuses er erwirbt (Nu à la serviette blanche, 1902/03;Carmelina, 1903/04). Nun widmet er sich auch ersten kleinformatigen plastischen Arbeiten, in denen er männliche, vornehmlich aber weibliche Aktstudien betreibt (Madeleine, 1901; Le serf, 1900/03). Nach und nach sind seine Werke auch im Salon des Indépendants und im Salon d’Automne zu sehen.

Der Kunsthändler Ambroise Vollard verhilft Matisse 1904 zur ersten Einzelausstellung in den Räumen seiner Gallerie. Im Sommer 1905 führt ein Aufenthalt in Collioure, den Matisse gemeinsam mit André Derain verbringt, zur Ausweitung seiner Farbpalette und der Suche nach neuen gestalterischen Möglichkeiten, denen er zunächst vor allem in der Landschaftsmalerei bzw. in Visionen eines »Goldenen Zeitalters« nachgeht. Expressive Farbigkeit, die sich vom neoimpressionistischen Duktus (Luxe, calme et volupté 1904/05) zur Flächigkeit verdichtet, und ein reduziertes Formenrepertoire verhelfen bald auch den Stilleben und Interieurs zu ungewohnter Ausdruckskraft (Intérieur à Collioure, La sieste 1905/06; Le bonheur de vivre, 1905/06). Die Ausstellung seiner neuen Arbeiten gemeinsam mit Werken des befreundeten André Derain, Maurice de Vlamincks, Othon Friesz u.a. verhilft 1905 der gesamten Gruppe zur despektierlich gemeinten Etikettierung als »Wilde« (Fauves) durch Louis Vauxcelles – eine Bezeichnung die bald avantagardistisches Pathos erhält.

Im folgenden Jahr lernt Matisse Pablo Picasso kennen, erhält Zugang zum Salon der Mäzenin Gertrude Stein. Die Reise in das algerische Biskra im selben Jahr wird Anlass seiner ersten künstlerischen Auseinandersetzung mit den Traditionen des Orientalismus, dessen Bildersprache Matisse z.T. verfremdet übernimmt. Das flächenorientierte Ornament, in engerem Sinn die orientalische Arabeske, rezipiert er als exotistisches Gestaltungsmittel, das im figuralen weiblichen Akt seine unmittelbare Ausprägung findet. Er verändert auf diese Weise konventionelle Bildtraditionen wie Landschaft, Genre, Stilleben und Interieur. Teppiche, keramische Artefakte und anderes Kunstgewerbe integriert er in Bilder, die mehr und mehr den Tiefenraum zugunsten dynamisierter, ornamentaler Flächenorganisation aufgeben (Nu Bleu – Souvenir de Biskra, 1906; Les tapis rouges, 1906). Matisse erwirbt eine erste afrikanische Skulptur, im folgenden Jahr entsteht die von der Kolonialfotografie inspirierte Kleinskulptur Deux négresses (1907) und weitere plastische Arbeiten, u.a. Nu couché I. Matisse unternimmt nun eine Reise nach Italien, ist beeindruckt von der italienischen Frührenaissance.

Mit der Gründung der Académie Matisse verschafft der Künstler sich ein pädagogisches Forum, dem sich auch eine Reihe theoretischer Schriften verdankt, u.a. die 1908 erschienenen und bald deutsch übersetzten »Notizen eines Malers«. Hier fasst er sein künstlerisches Credo folgendermaßen: »Ein Werk muss seine ganze Bedeutung in sich selbst haben und sie dem Beschauer aufdrängen, noch ehe er seinen Gegenstand zur Kenntnis genommen hat. Wenn ich die Fresken von Giotto in Padua sehe, kümmere ich mich nicht darum, welche Szene aus dem Leben Christi ich vor mir habe, aber ich erfasse sofort die Stimmung, die davon ausgeht, denn sie liegt in den Linien, in der Komposition, in der Farbe.« (Matisse, in: Ders.: Notizen eines Malers (1908), hg. v. Jack Flam, 1993). Im Zuge einer Deutschlandreise besucht er u.a. München.

1909 beginnt Matisse mit der Arbeit an einer Folge großformatiger Reliefs (Nus de dos, I-IV, 1909 — 1930) und entwirft kleinere skulpturalen Arbeiten (La Serpentine, 1909). Nun widmet er sich auch dem Motiv des Tanzes, u.a. in einer Auftragsarbeit für den russischen Privatsammler Sergej Iwanow Schtschukin (La danse I/II, 1909/10). Weitere Reisen folgen, so 1910/11 nach Spanien. 1910 gestaltet er eine skulpturale Serie von Porträtköpfen (Jeannette I-V, 1911/13). Eine Reihe weiterer, ornamental bestimmter Interieurs entsteht (Intérieur aux aubergines, 1911; Poissons rouges et sculpture, 1912). 1912/13 hält Matisse sich in Marokko auf, seine Arbeiten sind im Jahr 1913 auf der Armory Show in New York zu sehen, 1915 erhält er eine erste große Einzelausstellung in New York, er zieht 1917 um nach Nizza. Dort setzt er während des Krieges seine Arbeit am Interieur und dem raumauflösenden Bildmuster fort (La Table noire, 1919; Grand Interieur, Nice, 1919).

Nach dem Krieg kann Matisse seinen Ruf als wichtigster Vertreter der klassischen Moderne in Frankreich neben Pablo Picasso weiter festigen. Die Grundmotive seiner Arbeit, so die Odaliske und das Interieur etablieren sich als stetig variierte, nun monumental-beruhigte Chiffren in einem dekorativen liniengebundenen Bildverständnis, dessen Rhythmik sich an der Musik orientiert (La Danse, 1930/31; La Musique, 1939). Matisse fertigt darüber hinaus Tapisserien und Buchillustrationen u.a. zu Ulysses von James Joyce und zur Poesie Stéphane Mallarmés, übernimmt u.a. auch die Gestaltung von Dekoration und Kostümen zu »Rouge et Noir«, dem Ballett von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch mit der Choreographie von Léonide Massine.

Nach einer schweren Erkrankung im Jahr 1941 wendet Matisse sich nochmals einer neuen, weniger kräfteraubenden Technik, dem mit Gouache bemalten Scherenschnitt, zu, der seinen dekorativen Bildvorstellungen in besonderer Weise enstpricht. 1943 entstehen die Schnitt- und Klebekompositionen zu Jazz und Wiederaufnahmen seiner favorisierten Bildmotive, u.a. des des weiblichen Aktes (Nu Bleu I, 1952; Vénus, 1952). Mit der malerischen Innengestaltung und den Glasfensterentwürfen für die Klosterkapelle Notre-Dame du Rosaire in Vence bei Nizza (1949 — 51) übernimmt Matisse seine letzte große Auftragsarbeit. Im Jahr 1951 wird schließlich das Musée Henri Matisse in Le Cateau-Cambrésis eröffnet.

Henri Matisse stirbt 1954 in Nizza.

Nach seinem Tod wird Matisse’s Werk in zahlreichen renommierten Museen gezeigt, ist auf der Documenta in Kassel in den Jahren 1955, 1959 und 1964 vertreten. Als jüngste Ausstellungen lassen sich u.a. im Jahr 1992/93 die große Retrospektive seines Werkes im Museum of Modern Art in New York nennen. Weitere wichtige Einzelausstellungen finden 2004/05 in der Royal Academy of the Arts in London, 2005 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und zuletzt in der Staatsgalerie Stuttgart 2008/09 statt.

Literaturauswahl:

Schneider, Peter: Henri Matisse, München 1984

Henri Matisse. A retrospective: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, hg. v. J. Elderfield, New York 1992

Henri Matisse 1904 — 1917: Ausst.-Kat. Musée national’d art moderne, Centre Georges Pompidou, hg. v. Y.-A. Bois u. D. Fourcade, Paris 1993

Flam, J. (Hg.): Henri Matisse, Köln 1994

Néret, G.: Henri Matisse, Köln 1996

Spurling, H.: Matisse – Leben und Werk, 2 Bde., Köln 2007

Henri Matisse: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart, hg. v. O. Westheider u. I. Conzen, München 2008

Henri Matisse. Figur, Farbe, Raum: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, hg. v. Pia Müller-Tamm, Ostfildern-Ruit 2005

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