Hellen van Meene

Veränderungen, Entwicklungen und der Prozess des Heranwachsens werden durch die seriell angelegten Fotoserien Hellen van Meenes etappenweise und in zeitlicher Dimension nachvollziehbar.

Hellen van Meene wird 1977 im niederländischen Alkmaar geboren. Von 1992 — 1996 studiert sie an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam und 1995 am College of Art in Edinburgh.

Die Fotografien der niederländischen Künstlerin Hellen van Meene zeigen überwiegend Jugendliche. Ihr Interesse gilt jedoch nicht der dokumentarischen Erfassung spezieller Alters- oder Gesellschaftsgruppen. Vielmehr lenkt sie ihren Blick auf transitorische Phänomene, jene körperlichen Übergangsphänomene, die mit dem Wandel von Kindheit zum Erwachsenenalter fassbar werden. Van Meenes Modelle sind überwiegend Mädchen oder androgyn wirkende Jungen, die sie auf der Straße anspricht und in ihrer gewohnten Umgebung, zu Hause, in der Schule, im vertrauten Viertel fotografiert.
Im Rahmen eines mehrjährig angelegten Projekts erfasst van Meene 1992 — 2000 ihre Modelle auch über einen längeren Zeitraum mehrfach. Veränderungen, Entwicklungen und der Prozess des Heranwachsens werden durch diese seriell angelegten Fotoserien etappenweise und in zeitlicher Dimension nachvollziehbar – das inszenatorische Moment bleibt im Bild enthalten.

Seit 2000 löst sich van Meene verstärkt aus der vertrauten Umgebung und findet ihre Modelle neben dem europäischen Ausland auch in Japan, Russland oder Marokko. Die Methode der Kontaktaufnahme in der Öffentlichkeit des städtischen Raums bleibt auch hier der erste Schritt zur Rekrutierung der Modelle, deren Adoleszenz ebenfalls in diesen Bilderserien stark inszeniert erscheint. Die ausnahmslos farbigen Fotografien sind in rechteckigen, kleineren Formaten gehalten, die themengemäß eine intimere Aufmerksamkeit des Betrachters fordern.

Van Meenes Fotografien spielen mit gewohnten Seherfahrungen auch aus dem Bereich anderer künstlerischer Gattungen. Ihre Portraits mit oft dekorativ und flächig wirkenden Hintergründen enthalten kunsthistorische Anspielungen, nehmen beispielsweise auf Gemälde wie Botticellis Venusdarstellung und Frühlingsallegorie, Millais Ophelia oder auch Vermeers Allegorien Bezug. Über diese Anspielungen erweisen sich van Meenes Portraits zugleich als atmosphärische Darstellungen, die sowohl die porträthafte Vermittlung von benennbaren körperlichen Übergangsphänomenen und deren Allegorisierung im Bildzusammenhang wie eine mediale Überschreitung betreiben. Die Inszenierung der Figuren erfasst Haare, Haut und Kleidung der Modelle, die stets in Farbigkeit, Musterung oder Struktur in enge Beziehung zum gezeigten Raum oder Raumausschnitt und den ausgewählten Requisiten gesetzt sind: Die Verästelung der Adern, die durch die fahle Haut eines jungen Mädchens schimmert, wird in einer Baumkrone im Hintergrund fortgeführt, der bläuliche Farbton eines nackten Rückens ähnelt den blaugetönten Wänden ihres Zimmers, das Muster einer Jacke kann in abgewandelter Form an einer Mauer wieder auftreten, der Faltenwurf eines Kleides führt bisweilen die Bewegung aufgewirbelter langer Haare fort. Das gesamte Bildsystem wird von jenen körperlichen Eigenschaften bestimmt, die so kennzeichnend für den Prozess des Erwachsenwerdens erscheinen.

Stets gibt die Künstlerin die Posen, in denen die Jugendlichen überwiegend stehend oder sitzend, gelegentlich mit einem Anklang an Teenager-Allüren gezeigt werden, vor, wobei die Individualität durch die Nahsicht auf das Modell zugleich erhalten bleibt. Meist sind nur Kopf und Schulterpartien zu sehen, selten die Hände, der Blick ist oft in die Ferne gerichtet. Der Betrachter findet wenig Expressivität in den Gesichtern – dennoch sind sie in ihrer Ausstrahlung nicht stumpf, sondern eher mild und ruhig, wirken nach Innen gekehrt, mit sich beschäftigt. Trotz des bisweilen offenkundigen körperlichen Unbehagens, das die Fotografien vermitteln, trotz der Pickel, schlecht gefärbten Haare oder des vielleicht auch eigensinnig undefinierten Modegeschmacks strahlen die jugendlichen Modelle immer eine gewisse Grazie aus, die sich der subtilen fotografischen Inszenierung verdankt.

Hellen van Meene dokumentiert die Omnipräsenz der Phänomene des Heranwachsens, der sich entwickelnden sexuelle Identität, der Gesichtwerdung und Körperentwicklung von Jugendlichen. Ihre unbetitelten Portraits der Jugendlichen rekurrieren nicht auf die Vermittlung von Individualität, sondern stehen eher für Phänomene des Übergangs und der Veränderlichkeit, wenn diese zugleich auch individuell, dramatisch und einsam empfunden werden mögen. Seit 2004 fotografiert van Meene auch minderjährige Schwangere und Mütter, die, obwohl selbst den Prozess des Erwachsenwerdens noch nicht hinter sich gelassen, zugleich bereits für einen weiteren Neubeginn stehen.

Van Meenes Fotografien werden seit Anfang der 2000er Jahre in nationalen und internationalen Museen gezeigt. Einzelausstellungen finden u.a. 2002 im Frans Hals Museum, Haarlem oder im Museum Folkwang (2006/07) statt. In Themen- und Gruppenausstellungen ist van Meene u.a. 2005 im Neuen Museum Nürnberg, im Musée de Marrakech oder im Art Institut of Chicago vertreten.

Hellen van Meele lebt und arbeitet im niederländischen Heiloo.

Literaturauswahl

Frames Revisited – Masterpieces of Dutch portrait photography shown in antique frames from the Collection Frits Lugt, hg. v. Willem van Zoetendaal, Paris 2005

In Sight: Contemporary Dutch Photography from the Collection of the Stedelijk Museum: Ausst.-Kat. Art Institute of Chicago, hg. v. H. Visser, Amsterdam 2005

Bush, K.: Hellen van Meene – Portraits, New York 2004

Schampers, K.: Hellen van Meene, Japan Series, Köln 2002

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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