Heinz Breloh

Seine Arbeiten entstehen aus der direkten Materialbearbeitung, meist Gips und Ton, dessen plastische Form als Archiv körperlicher Interaktionen zu verstehen ist. Auch wenn sich figurale Assoziationen einstellen können, sind Heinz Brelohs Skulpturen doch meist als formlose, gestische Gebilde zu verstehen, in denen sich die Bewegung des Künstlers manifestiert.

Heinz Breloh wird 1940 in Hilden geboren. Sein Studium absolviert er in zwei Abschnitten, zunächst von 1961 — 63 an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg bei Gustav Seitz. Anschließend wechselt er 1964 bis 1968 an die Wiener Kunstakademie in die Klasse von Fritz Wotruba. Ab 1969 arbeitet Breloh in Köln. In den 1980er Jahren übernimmt er Gastprofessuren an der Kunstakademie Düsseldorf (1982 — 83), 1987 an der École-des-Beaux-Arts in Nîmes, an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (1993 — 94) und an der Kunstakademie Münster (1996 — 98).

Obwohl Heinz Breloh zunächst eine klassische Bildhauerausbildung absolviert, wendet er sich bald von deren figuralen Grundlagen ab. Ihn faszinieren die Wiener Aktionskünstler und deren ritualhafte Inszenierung des menschlichen Körpers in der unmittelbaren Begegnung mit dem künstlerischen Medium. Er lotet Möglichkeiten dieser künstlerischen Präsenz in Fotografie, Video, Performance und Installation aus, gestaltet »interaktive Rauminstallationen« (Zwei Kameras erfassen einen Raum, 1974). Letztlich bleibt jedoch die Plastik sein bevorzugtes künstlerisches Mittel, dessen neu gewonnene formale Ausdruckskraft er u.a. auf seine Auseinandersetzung mit Bewegungserfahrungen im Film und Figuralplastik zurückführt: »In den sechziger Jahren habe ich mir ständig Filme angesehen; dieses Zusammenspiel von Licht, Schatten und Bewegung faszinierte mich, diese Dramaturgie – ich empfand sie damals schon wie eine Choreographie. Die Figuren erzählen etwas, und in diesem Sinne verstand ich ihre Bewegung dann als lineare Bewegung. Unter diesem Aspekt, also nicht in irgendwelchem inhaltlichen Verständnis, sah ich selbstverständliche Anti-Korrespondenzen zwischen dem filmi-schen Ablauf der Figuren und der kurvigen Kontur der Avramidis-Plastiken wie auch dem kubischen Kontur Wotrubas.« (Breloh, zit. n.: Wedewer, Am Beispiel Plastik, 1993).

Brelohs Arbeiten entstehen aus der direkten Materialbearbeitung, meist Gips und Ton, dessen plastische Form als Archiv körperlicher Interaktionen zu verstehen ist: Das Modelé der Oberflächen, die kompakten Formen des großformatigen Frühwerkes führen immer Spuren einer dynamisierten Begegnung des Materials mit dem Körper des Künstlers vor. Auch wenn sich figurale Assoziationen einstellen können, sind Brelohs Skulpturen doch meist als formlose, gestische Gebilde zu verstehen, in denen sich die Bewegung des Künstlers manifestiert.

Ein Aufenthalt in New York 1980 verhilft ihm zum künstlerischen Durchbruch; er gestaltet stelenförmige Plastiken, die aus der bildhauerischen Arbeit in Stein in Prozessen des bewegten Umkreisens entstehen. Bald setzt er diese Formexplorationen, die aus der in choreographischer Manier festgelegten Motorik und der aus ihr erfolgenden Materialberarbeitung hervorgehen, im Medium der modellierenden Plastik fort. Mit den Lebengrößen entwickelt Breloh ein seriell bis in die 1990er Jahre fortgesetztes lebensgroßes Modell einer meist aus drei Formelementen bestehenden kubischen Gruppierung. In immer neuen Variationen erprobt, integriert er es in öffentlichen Performances, als Bronzeguss gewinnt es dahingegen Denkmalscharakter: »In einer festgelegten Choreografie umschreitet, umtanzt der Künstler die weiche Gipsmasse. Er wirft sich mit dem ganzen Körper – Beinen, Hüften, Brust, Rücken, Kopf – dagegen, umfängt den Klotz mit den Armen, durchstößt ihn mit Knien und Beinen, fährt mit dem Kopf hin und her und schleift so einen waagerechten oberen Abschluss aus. Er presst, dreht, windet sich nach einem genau bemessenen Programm an, in und gegen den Block, durchpflügt den Gips nach innen, ertastet und umspannt ihn von außen. Er zieht seine Körperbahn, bis das Material hart und widerständig geworden ist. Die fertige Skulptur hält die Körperform als negatives Volumen fest. Sie ist (im klassischen Sinn von Erinnerung) ein Monument der Körperspur.« (Schneckenburger, in: Skulptur als Körperspur – Heinz Breloh, 2008).
Neben den lebensgroßen Plastiken widmet Breloh sich auch kleinformatigen Terrakotten. Sie versteht er als handgeformte Pendants zu den monumentalen Formationen. Sie rufen stärkere figurale Assoziationen hervor, vor allem dadurch, dass sie auf geformte Sockel montiert werden und distanziert betrachtet werden können (Lebensgrößen von Ferne, Lebensgrößen am Horizont, 1986f).

In Überhöhung des schöpferischen künstlerischen Aktes und seiner körperlich-berührenden Dimension entwickelt Breloh eine eigene Nomenklatur, indem er sich insbesondere seit den 1990er Jahren als »Sechsender« bezeichnet und damit seiner plastischen Tätigkeit das Vermögen zuspricht, die »sechs sinnlichen Kraftenden« Kopf, Arme, Beine und Geschlecht im Entstehungsprozess als Kraftzentren sichtbar zu machen (v. Assel, in: Skulptur als Körperspur – Heinz Breloh 2008). Insbesondere die Terrakotten, die Körperlichkeit und Bewegung nur vermittelt dinghaft assoziieren, treten im Spätwerk Brelohs in den Vordergund (Die Alleinigen, 1997). Neu tritt nun auch die Farbe hinzu: Rosa und Gold erwecken Assoziationen mit den verspielten Figurationen des Rokoko, mit schwebenden Putten und Stuckformationen.

Brelohs Arbeiten sind neben ihrer Platzierung im öffentlichen Raum auf zahlreichen Ausstellungen zu sehen. So nimmt der Künstler 1977 an der Documenta teil. Er präsentiert sein Werk in Einzelausstellungen, u.a. im Kunstverein Wismar (1995), im Nassauischen Kunstverein und im Museum Bochum (1998). Posthum findet 2008/09 eine umfangreiche Wanderausstellung statt, die Arbeiten Brelohs in Bayreuth, Neumünster, Magdeburg Hilden und Hasselbach zugänglich macht.

Heinz Breloh stirbt 2001 in Köln

Literaturauswahl

Skulptur als Körperspur – Heinz Breloh: Ausst-Kat. Kunstmuseum Bayreuth u.a. Calbe/Saale 2008

Heinz Breloh. Der Bildhauer, die Bildhauer: Ausst.-Kat. Museum Bochum, Bochum 1998

Heinz Breloh: Ausst.-Kat. Kunstverein, Wismar, Wismar 1995

Am Beispiel Plastik. Konzeption und Form. Georg Baselitz, Franz Bernhard, Heinz Breloh: Ausst.-Kat. Städtisches Museum Leverkusen u.a., hg. v. R. Wedewer, Köln 1993

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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