Hartmut Böhm

In der Lehre tätig und vielfach ausgezeichnet, fehlt Böhm heute in keiner Sammlung zur konkreten Kunst. Numerische Strukturen, geometrische Grundformen, Proportionen und Serien sind sein grundlegendes Denkmaterial.

Hartmut Böhm wird 1938 in Kassel geboren. Mit 20 Jahren, im Jahr 1958, nimmt er sein Kunststudium an der Kasseler Hochschule für Bildende Künste unter Arnold Bode (1900 — 1977) auf. Mit seinem Lehrer, der seit 1955 die Documenta in Kassel als internationale Kunstschau etabliert, organisiert und kuratiert, gelangt Böhm sofort ins Zentrum der deutschen Nachkriegsavantgarde, die weit über die hessische Provinz hinausreicht. 1969 — 1970 ist Böhm Gastlehrer an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel, 1970 wird er Dozent der Werkkunstschule in Dortmund, 1973 tritt er eine Professur an der Fachhochschule Dortmund an.

In seinem ersten Studienjahr 1959 entsteht eine für Böhms weitere Kunstentwicklung programmatische Arbeit – Relief 6 Punkte, 1, 4, 6, 9, 16, 25, 36, die sich heute in der Sammlung Stiftung konkrete Kunst in Reutlingen befindet. Abgesehen davon, dass Böhms »Relief« ausgestanzte Kreisflächen sind und zu Recht an dieconcetti spaciali von Lucio Fontana erinnern, erhält sich trotzdem der Leitgedanke dieses Frühwerks. Ein weißer, längsrechteckiger Holzkasten von 4,0 cm Tiefe ist mit Karton bespannt, mittig stehen sich zwei, durch kreisrunde kleine Flächen perforierte quadratische (20 × 20 cm) Kartonflächen gegenüber. Der linke Karton trägt in wie zufälliger Verteilung 6 runde Löcher. Die Enden der Diagonalen tragen ausgestanzte, runde Löcher, oberhalb der diagonalen Linie markieren drei Kreise die Eckpunkte eines gleichschenkligen Dreiecks. Der sechste Kreis wiederum findet sich unten links in der Diagonalen zum obersten Kreis des markierten Dreiecks. Die linke Quadratfläche ist stetig durch Kreise perforiert. Von links außen bauen sich sechs senkrechte Kreislochreihen auf. Es beginnt links mit 4 Kreisen, es folgt eine 6-er Reihe in gleichmäßigen Abständen, dann 5, wiederum 6 und letztlich wieder 5 Kreislöcher im gleichen Abstand, faktisch sind 30 Löcher existent, sechs mögliche Lochplätze bleiben ausgespart. Die übernehmen nämlich die Kreislochfolge rechts, die die linken ausgesparten Orte besetzen. So wird ein ausgespartes Negativmuster zu einem neuen, gelochten Ergänzungsmuster. Links und rechts bedürfen einander um die größte Zahl des Titels, die »36« zu erlangen. Auf beiden Quadraten hätten in der regelmäßigen Reihung durch Böhm jeweils 36 (6²) Kreislöcher Platz, die numerische Potenz der beiden Quadrate umfasst 78, wobei insgesamt 4 Quadrate auf den Kastenfläche von 40 × 80cm Platz gefunden hätten, es dann zu bereits 156 Kreislochungen gekommen wäre.

Die klare geometrische Struktur von Kreisen, Quadraten (20 × 20cm) und proportional dazugehörendem Längsrechteck (40 × 80cm), der flächenexakten Zuteilung der kreisförmigen Lochungen (maximal 36, minimal 1) umreißen grundlegend die künstlerischen Denk-, Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Hartmut Böhm. Er nutzt meist anonymes, industriell vorgefertigtes Material wie Holz, Holzfaserplatten, Pappe, Lacke, Schablonen, Plastikplättchen und –klötzchen, Acrylglasscheiben, später in seinen Skulpturen T-Träger aus Industriestahl. Zugleich legt Böhm bereits 1959 das Fundament zur Untersuchung der mathematischen Progression als Synonym für eine arithmetische Folge zweiter Ordnung als Annäherung an die unendliche Zahl. Diese 1959 eingesetzte Folge von Quadratwurzeln 1² (1), 2² (4), 3² (9), 4² (16), 5² (25) und 6² (36) wendet er ab 1974 in seinen seriellen Progressionen gegen Unendlich an, und regelrecht als Hommage an sein frühes Werk ist die 2004 entstandene Arbeit mit Plexiglasrechtecken Punkte 1, 4, 9, 16, 25 zu werten.

Numerische Strukturen, geometrische Grundformen, Proportionen und Serien sind grundlegendes Denkmaterial von Böhm. Natürlich interessiert er sich wie auch die Gruppe Zero für Augentäuschungen durch Licht und Schatten und wandernden Effekten, also den lichtkinetischen Folgen von beleuchteten oder bewegten Relieffeldern, denen Böhm sich ab 1962 am Ende seiner Akademiezeit zuwendet. In der Folge kommt es zu System-Zeichnungen auf Millimeterpapier. Zuvor hatte Böhm mit Op-Art-Malereien in Tempera auf Leinwand noch Victor Vasarely gewürdigt.

Doch Böhms Kunst behält von Anfang an, so viele Gemeinsamkeiten mit seinen künstlerischen Zeitgenossen auch angeführt werden können, etwas ganz Eigenes. Die kompositionelle, ästhetische Struktur seiner Arbeiten ist von technischer Perfektion und routinierter Eleganz, was sich ab 1974 auch in seinen Innen- oder Außenraum bezogenen Skulpturen zeigt. Böhm ordnet seine Installationen überwiegend aus T-Stahlträgern zwar nicht dem Raum unter oder nach, doch reflektiert er mit seiner Stahlträgerskulptur immer ein wesentliches Ordnungselement des gegebenen Raumes – von der Fensterstruktur über Wandmaße bis zur Proportionalität von Höhen-, Breiten- und Längenentwicklung ist ihm der vorhandene Raum wichtig. Da seine Materialien nie erzählerischen Verweischarakter haben, lenkt allenfalls das Transluzide oder Spiegelnde des Plexiglases den Betrachter von Form, Maß und Struktur der Böhmschen Installation ab. Seine Installationen sind im überzeugenden Maße integrativ und subversiv für das betrachtende Raumempfinden und Raumverstehen. Seine Raster, die Wiederholungen und das Serielle stellt er in den Dienst der raumerfassenden Wahrnehmung.

Aufgrund seiner reduktiven Materialästhetik ist Böhm unter den Konzeptkünstlern den Minimalisten zuzurechnen. Langsam erarbeitet er sich im Laufe der Zeit von der Graphik und Malerei die Reliefs und kinetischen Kästen. Es folgen seine Quadratserien, dann nutzt er vornehmlich die installierte Skulptur. In der Lehre tätig und vielfach ausgezeichnet, fehlt Böhm heute in keiner Sammlung zur konkreten Kunst. Seine Arbeiten sind in Ingolstadt ebenso vertreten wie in Reutlingen, ein umfangreiches Werkkontingent ist Teil der Sammlung Etzold.

Nach ersten Einzelausstellungen (1964, Kunstkabinett Emden; 1973 Galerie m, Bochum) werden Böhms Werke in den letzten Jahren vor allem im Kontext Konkreter Kunst und raumbezogener künstlerischer Ansätze gezeigt, wie Ausstellungen u.a. in der Stiftung für Konkrete Kunst, Reutlingen (u.a. 2002), in der Galerie für konkrete Kunst, Potsdam (2005) oder im Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt (2006) zeigen.

Hartmut Böhm lebt und arbeitet in Berlin und Lünen.

Literaturauswahl

Noltze, K.: Dialog Kunst – Raum: Situative Innenrauminstallationen als Wahrnehmungsangebot und Lernort, Oberhausen 2005

Hartmut Böhm: Ausst.-Kat. Gemeentelijke Van Aukum-Museum, Appeldorn, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, Nürnberg 1990

Hartmut Böhm: Progression gegen Unendlich 1985 — 88: Ausst.-Kat. Pfalzgalerie Kaiserslautern, hg. v. G. Fiedler-Bender, Kaiserslautern 1989

Hartmut Böhm, Zeichnungen: Ausst.-Kat. Museum am Ostwall, hg. v. J. Bartsch, Dortmund, u.a. Dortmund 1996

Sammlung Etzold – Ein Zeitdokument: Ausst.-Kat. Museum Abteiberg Mönchengladbach, hg. v. D. Stemmler, Recklinghausen 1987

Hartmut Böhm: Arbeiten von 1959 — 1986: Ausst.-Kat. Karl Ernst Osthaus-Museum, Hagen, hg. v. W. Sprang, Hagen 1986

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×