Harry Kramer

Den Dadaismus eines Kurt Schwitters fortführend und vertraut mit allen Positionen der Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist Kramers bildhauerisches Werk bestimmt von rhythmisierten, choreografierten und bewegten Abläufen, die oft musikalisch oder phonetisch begleitet sind. Stets beinhalten sie auch eine Facette der Ironie und des Lebenswitzes des Frisörs.

Harry Karl Kramer wird 1925 in Lingen an der Ems geboren und nach dem Schauspieler Harry Piel benannt. Nach der Versetzung des Vaters nach Neumünster besucht Kramer dort die Volksschule und beginnt 1939 eine Lehre als Friseur. Bis 1942 arbeitet er in Lingen in diesem Beruf und nimmt zugleich Schauspielunterricht in Osnabrück und Münster. 1943 wird Kramer an die französische Front eingezogen, gerät 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wird in England gemeinsam mit zehn deutschen Physikern auf dem Landsitz »Farm Hall« interniert. Dort bügelt er, frisiert und improvisiert kleine Theaterstücke. Zurück in Neumünster, übt er sich im Stepptanz und wird 1947 bei Lola Rogge in Hamburg in den professionellen Tanz eingeführt. Es folgen nach 1948 Engagements in den Stadttheatern von Bielefeld und Münster.

Gemeinsam gehen Kramer und seine spätere Frau Helga, die ebenfalls Tänzerin ist, 1951/52 nach Berlin. Er experimentiert hier mit bewegten Figurinen für sein mechanisches Theater. Es entstehen bewegte Objekte aus Draht, Papier und Holz, deren mechanischen oder motorbetriebenen Bewegungen in den 13 Szenen nach der Musik von Wilfried Schröpfer, dem ersten deutschen Vertreter der musique concrète, rhythmisiert sind. Bei der Bluebell Girls-Truppe in Paris erhält Helga Kramer 1956 ein Engagement. Nun leben beide in Paris und Kramer entwickelt sein Figurentheater weiter. Ein neues Stück Signale im Schatten entsteht, das er 1957 in Nantes beim »2. Festival d’art d’avantgarde« aufführt. Zusammen mit Wolfgang Ramsbott entsteht daraus der Film »Die Stadt«. Bis zum Jahr 1965 erarbeitet Kramer vier weitere Experimentalfilme. Es ist ein konsequenter Weg von der bewegten, kinetischen Skulptur zum kinematografisch bewegten Bildablauf. Mit seinen Filmen erlangt er zuerst internationale Bekanntheit und mehrere Preise. In dieser Zeit arbeitet Kramer auch an Choreografien, u.a. für »Nachtpuls«, das 1961 in Paris aufgeführt und »Inventur«, das 1965 in Hamburg auf die Bühne gebracht wird.

Als kinetischer Bildhauer etabliert sich Kramer international durch seine Teilnahme 1964 an der Documenta III, auf der er neben Jean Tinguely und der Gruppe ZERO in der von Arnold Bode eingerichteten Abteilung »Licht und Bewegung« vertreten ist. Kramer gehört nun zu den ersten Bildhauern, die bewegte automobile oder bewegbare mobile Objekte bauen, wie beispielsweise die Automobile Skulptur aus der Kunstsammlung der Ruhr-Universität in Bochum, die auch noch das Audielle durch den Klingelton anspricht. Auch sein filigraner Schlitten von 1963 in der Londoner Tate Modern entstammt seinem Documenta-Auftritt. Der Schlitten ist ein irregulärer Drahtgitterkörper mit zylindrischen Öffnungen und Ausstülpungen. Im Inneren des Gitterkörpers drehen und pulsieren eingehängte Kreisformen und kleine zylindrische Formen, so dass dieses Gebilde wie mit einem eigenen Organismus ausgestattet erscheint, seine Schattenstruktur ist laufend bewegt und führt ihr Eigenleben. Zugleich erscheint der Schlitten wie eine Architekturutopie, die sich scheinbar wie Plasma unterschiedlichsten atmosphärischen Bedingungen beugen und anpassen kann. Selbst das starre Netzgefüge der Außenhaut erscheint als formbar. Noch klarer formuliert dies das zweite Werk Kramers in der Tate Modern, der Torso des Jahres 1962.

Ab 1962 gastieren die Bluebell Girls in Las Vegas, wohin Kramer Helga folgt und sie dort auch heiratet. Bis 1968 beschäftigt sich Kramer dort mit variablen Möbelobjekten in popbunter Farbigkeit, die heute in der Kunsthalle Lingen aufbewahrt werden. Neben den Möbeln entwirft er Architekturteile für variable Verbauung, die durchaus für die industrielle Fertigung vorgesehen sind. Kramer führt nun erstaunlicherweise seine verschiedenen Berufe – Friseur, Tänzer, Puppenspieler, Intendant, Choreograf, Filmemacher, Möbeldesigner, Architekt und, so könnte man sagen, »informeller« Bildhauer – zusammen. 1968 kehrt das Ehepaar nach Frankreich zurück und lebt dort wieder an der Loire. Die Kunstakademie in Kassel beruft Kramer 1970 als Professor für Bildhauerei. Der Zeitgeist fordert seine ganze pädagogische Aufmerksamkeit, mit seinen Studenten widmet er sich gemeinsamen Projekten, Performances und Aktionen. Bis zu seiner Emeritierung 1992 ist das Atelier Kramer sein umfassendes künstlerisches Projekt. Mit seinem Panoptikum (1971) und seinem sitzenden Automaten arbeitet Kramer auch figürlich und er erstellt über die Jahre 1979 — 87 seine Apokalypse in 24 Tafeln (2,01 × 2,61 m). Der Text folgt der Luther-Übersetzung der Apokalypse des Johannes, da jedem Buchstaben des Alphabets ein Farbwert zugeordnet ist, ist die Farbigkeit durch die Textfolge bestimmt. 1990 schreibt Kramer seine Autobiografie »Ein Frisör aus Lingen«. In Kassel gründet und finanziert er die Künstler-Nekropole »Totenstadt« im Habichtswald, in der er später auch selbst bestattet wird.

Den Dadaismus eines Kurt Schwitters fortführend und vertraut mit allen Positionen der Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist Kramers bildhauerisches Werk bestimmt von rhythmisierten, choreografierten und bewegten Abläufen, die oft musikalisch oder phonetisch begleitet sind. Stets beinhalten sie auch eine Facette der Ironie und des Lebenswitzes des Frisörs. Er selbst sagt: »Mechanisch bezieht sich nicht auf die verwendeten Maschinen, sondern bezeichnet die Motorik des Handlungsablaufs, also einen dramaturgischen Kunstgriff« (zit. n.: F. Mon (Hg.), Movens, Wiesbaden 1960, 123).

Am 20. Februar 1997 stirbt Harry Kramer in Kassel. Sein Werknachlass befindet sich in der Kunsthalle Wasserturm in Lingen, sein schriftlicher Nachlass wird durch das Documenta-Archiv in Kassel betreut.

Literaturauswahl

Behm, M.: Ironisch mit Themen umgehen, ohne dabei den Inhalt lächerlich zu machen. Harry Kramer, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Bd. 56/2010, 275 — 286

Lüddeman, St.: Harry Kramer, Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen, Bd. 64, Hannover 2007

Eckart, D.: Die Kasseler Künstlernekropole, Kassel 2000

Schepers, H. (Hg.): Eine Stunde für Harry Kramer, Lingen 1997

Kramer, H.: Z. Die Geschichte eines ganz normalen Idioten, Kassel 1996

Willhardt, M.: Der Alleinunterhalter, Ostfildern 1995

Kramer, H.: Ein Frisör aus Lingen, Freren 1990

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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