Hann Trier

durch den einsatz von zwei pinseln und somit beidhändigem malen sucht hann trier kompositionszwänge zu überwinden. seine werke assoziieren blüten, maserungen, wasseroberflächen oder wie unter dem mikroskop beobachtete zell- faserstrukturen. als einem der exponiertesten vertreter des informel werden ab 60er jahren nahezu alle wichtigen deutschen kunstpreise zugesprochen.

Hann Trier wird am 1. August 1915 in Düsseldorf geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Köln. Im Jahr 1933 ist er als Austauschschüler in Frankreich. In den Jahren 1934 bis 1938 studiert er an der Kunstakademie in Düsseldorf, schließt jedoch sein Studium 1939 an der Berliner Kunstakademie ab. Berlin ist nun für lange Jahre sein Lebenszentrum. Hier arbeitet er 1941 — 44 zunächst als technischer Zeichner. Trier ist in den Jahren 1939 — 41 Soldat, wird erneut 1944/45 eingezogen. Nach dem II. Weltkrieg arbeitet er kurze Zeit als Bühnenbildner in Nordhausen, kehrt jedoch 1946 ins Rheinland zurück und gründet dort u.a. zusammen mit Toni Feldenkirchen, Hermann Schnitzler und Joseph Fassbender die »Donnerstagsgesellschaft« auf Burg Alfter bei Bonn.

Künstlerisch orientiert sich Trier am synthetischen Kubismus von Juan Gris. Er rezipiert die Farb- und Formwelt von Paul Klee, ist durch die abstrakten Kompositionen von Hans Hartung beeinflusst. Besonders dessen dynamische Balkenstruktur, die wie Vektoren für die Bildbewegung stehen, nimmt Trier in sein Werk auf. Willi Baumeister, Bernhard Schultze, Wilhelm Nay und Gerhard Hoehme sind zeitgleich arbeitende Künstler, deren Arbeiten Trier kennt und sich wie diese unbedingt zur Abstraktion bekennt. Henri Michaux ist mit seinem zeichnerischen Automatismus, der die Darstellung geistiger Bewegtheit zum Ziel hat, ein weiteres entscheidendes Vorbild für Trier, dessen dringlichstes künstlerisches Anliegen es ist, »…die Fläche zur Bewegung zu bringen«.

Durch den Einsatz von zwei Pinseln und somit beidhändigem Malen sucht Hann Trier Kompositionszwänge zu überwinden, doch bleiben seine Formen und sein Kolorit immer naturräumlichen Impressionen verbunden. Seine Werke assoziieren Blüten, Maserungen, Wasseroberflächen oder wie unter dem Mikroskop beobachtete Zell- und Faserstrukturen. Sein Kolorit belebt diese Formstrukturen im Sinne einer existenziellen Vitalität, strahlt aber immer chromatische Harmonie aus. Ähnlich wie Emil Schumacher durch seine Bildtitel regelrecht neue Kontinente findet, benutzt auch Trier die assoziative Kraft von Wortschöpfungen wie Merops IV von 1966 oder Scaramuccia von 1988. Mit Titeln wie Schwimmen, 1963 oder Primavera von 1967 stellt er konkrete, reale Assoziationsräume her, die das Auge des Betrachters in seiner informellen Komposition leiten. In dieser Hinsicht bleibt sich Trier lebenslang treu, nur die Bedeutung der Achsen der Bildfläche korrigiert er von einem anfänglichen All-Over zu einer insulären, mittelachsenorientierten Komposition ab den frühen 1970er Jahren. Maltechnisch versiert, entstehen nicht nur klassische Aquarelle sondern Arbeiten in der historischen Ei-Tempera-Technik, mit der Trier in den 60er Jahren experimentiert und die der erwünschten Harmonie der Farbgestalt sehr entgegen kommt. Hann Trier choreographiert Form und Farbe zu tatsächlich flächenbewegter Harmonik.

Von 1952 bis 1955 hält sich Trier in Südamerika auf, bereist Kolumbien, Ecuador, Venezuela und Mexiko. 1953 stellt er zusammen mit der Gruppe ZEN 49 in der Münchner Galerie Orphis aus. Nach einer Gastdozentur 1955/56 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg erhält Trier 1957 einen Ruf an die Berliner Akademie, den er annimmt und bis 1980 innehat. Dreimal ist er auf der Documenta in Kassel vertreten (I/1955, II/1959, III/1964). Seit 1967 unterhält er ein Atelier in der Toskana, lässt sich 1972 zugleich in Mechernich-Vollem in der Eifel nieder.

Triers spätes Werk zeichnen sich durch viele Wand- und Deckenbilder für öffentliche Räume aus, so u.a.: 1972 das große Deckengemälde für Schloss Charlottenburg, 1977/80 das von der Decke hängende Gemälde der Rathaushalle in Köln und letztlich 1989/90 das Wandbild für das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum, in dem auch Triers große Retrospektive anlässlich seines 75. Geburtstags stattfindet. Als einem der exponiertesten Vertreter des Informel werden Hann Trier ab den 60er Jahren nahezu alle wichtigen deutschen Kunstpreise zugesprochen, seine Ausstellungsbeteiligungen sind entsprechend vielfach.

Mit 84 Jahren stirbt Hann Trier 1999 in Castilglione della Pescaia in der Toskana.

Literaturauswahl

Hann Trier, »…die Fläche zur Bewegung bringen«. Bilder und Texte 1948 bis 1998: Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle Recklinghausen, hg. v. H.-J. Schwalm, Recklinghausen 2005

Hann Trier: Gemälde und Papierarbeiten von 1949 bis 1996: Ausst.-Kat. Galerie Neher, hg. v. F.G. Zehnder, Ch. Neher, Essen 2002

Hann Trier, Metamorphosen der Farbe. Aquarelle 1946 — 1995: Ausst.-Kat. Gustav-Lübcke-Museum, bearb. v. E. Schwinzer, Hamm 1995

Euler-Schmidt, M.: Hann Trier: Werkverzeichnis der Gemälde 1990 — 1995, Köln 1995

Hann Trier: Retrospektive, Bilder 1949 — 1989: Ausst.-Kat. Von-der-Heydt-Museum, Wuppertal 1990

H. Trier: Ut poesis pictura? Eine Betrachtung zur Malerei der griechischen Antike, Heidelberg 1985

 

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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