H. A. Schult

Gebrauchte, ramponierte oder zerstörte Gegenstände, Ruinöses und Müll sind bevorzugte Materialien und Bezugspunkte der meist skulpturalen Arbeiten. Seit den 1960er Jahren stehen die sozialen Gefüge von Städten und Landschaften im Zentrum der oft skurrilen, medienwirksamen Objekt- und Aktionskunst des »Paradiesvogels« oder auch selbstbenannten »Hanswurst« HA Schult.

HA Schult wird 1939 als Hans-Jürgen Schult in Parchim geboren und wächst in Berlin auf. Von 1958 bis 1961 studiert er an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Otto Götz und zieht anschließend nach München, wo er 1969 im Rahmen der ersten großen Aktion mit Ulrich Herzog und Günter Sarrée (Situation Schackstraße) fünf Tonnen Altpapier mit einem Endlostext des Begriffs »jetzt« auf die Straße kippt (s. auch Venezia Vive, 1976; Aktion 20.000 km, 1970; Ruhr-Tour, 1978). Ab 1978 lebt HA Schult in New York, verspricht sich viel von der Arbeit in der Kunstmetropole (N.Y. ist Berlin, 1985), kann aber letztlich in der Kunstszene nicht Fuß fassen und kehrt 1986 mit seiner damaligen Frau und Managerin, Elke Koska, zurück nach Deutschland. Zunächst in Essen gründet Schult 1986 »HA Schult-Museum für Aktionskunst«, das 1996 nach Köln übersiedelt.

Seit den 1960er Jahren stehen die sozialen Gefüge von Städten und Landschaften im Zentrum der oft skurrilen, immer medienwirksamen Objekt- und Aktionskunst des »Paradiesvogels« oder auch selbstbenannten »Hanswurst« HA Schult. HA Schults inszenatorische Eingriffe in den Raum beziehen sich auf Kollektivsymbole, den Fetisch »Auto« und Wahrzeichen (Goldener Vogel, 1991; heute Kölner Stadtmuseum), greifen gleichermaßen räumliche Ordnungs- und Verteilungsprinzipien an wie sie sich auf kollektive Verhaltensmuster und gesellschaftliche und (öko-)politische Themen beziehen – Gesellschaft, Stadt/Raum, Krieg/Frieden, Ökologie und ihre Veränderungsprozesse (Friedensspeicher, 1998; ). Das Ziel der Veränderlichkeit und des Prozessualen fasst HA Schult im Begriff der »Biokinetik«. In den 1970er Jahren experimentiert er mit Pilzkulturen, zeigt Blaualgen, »die fototaktisch empfindlich auf die einzige Lichtquelle im Raum zukrochen«, dokumentiert die Luftverschmutzung der Chemiestadt Leverkusen (HA Schult, in: FAZ 3. August 2009). 1972 nimmt er an der Documenta 5 teil und lässt hier einen Soldaten 100 Tage lang eine biokinetische Landschaft mit Cola-Flaschen bewachen.

Gebrauchte, ramponierte oder zerstörte Gegenstände, Ruinöses und Müll sind bevorzugte Materialien und Bezugspunkte der meist skulpturalen Arbeiten. Mit seinenTrash-Objekten stellt HA Schult sich in die Tradition der Pop Art und ihren Angriffen auf mediale Vermittlungsstrategien, Werbung, auf manipulative Vermittlungsstrategien und Gleichschaltungsprozesse. Bei HA Schult geschieht dies meist mit selbstinszenatorischen Impetus und lässt ihn in der Kunstkritik bisweilen in die Nähe von Christo oder Jeff Koons rücken. Fasziniert von der öffentlichen Demonstration und der Idee der Anteilnahme des Publikums an Prozess der Werkentstehung, richtet Schult seine spektakulären Aktionen und Installationen im öffentlichen Raum aus und lässt sie von filmischer und fotografischer Dokumentation (ab 1983 u.a. durch Thomas Hoepker), Live-Übertragungen, Buchpublikation und Auflagengrafik begleiten.

Bei den Trash People (1999 — 2004) – einer aus Abfallprodukten gefertigten Schrottarmee – beschäftigt ihn das Ornament der Masse. An Plätzen im öffentlichen Raum (u.a. Roter Platz, Moskau oder Grand Place, Brüssel u.a.O.) an verborgenen Plätzen (Gorleben) und in spektakulärem Landschaftskontext, beispielsweise eines Matterhorn-Panoramas oder der chinesischen Mauer, formiert er raumgreifende Figurenheere, die in Figurenvielzahl und Anordnung bisweilen an die Terrakotta-Armee von Xi’an erinnern. Mit Hotel Europa nutzt HA Schult im Jahr 1999 die riesige Fassade eines Spekulationsobjekts und Hotelrohbaus der 1970er Jahre an der Flughafenautobahn A 59 bei Troisdorf (»Kaiserbau«) bis zu dessen Sprengung 2001 als Präsentationsfläche für 130 Portraits bekannter Persönlichkeiten. 2001 schließt sich ein ähnlich groß angelegtes und architekturbezogenes Projekt mit dem Love Letters Building in Berlin-Mitte an, das HA Schult mit 100.000 Liebesbriefen verkleidet. Jüngere Aktionen Schults gelten erneut ökologischen Themen und dem Auto: So gründet er 2009 gemeinsam mit dem Duisburger Volkswirtschaftler und Automobilexperten, Ferdinand Dudenhöffer, das »ÖkoGlobe-Institut«.

Im Rahmen von musealen Ausstellungen sind die Arbeiten Schults u.a. 1969 in Schloss Morsbroich, 1980 im Kölner Museum Ludwig, 1973 in der Kunstsammlung Wiesbaden zu sehen. 1972 und 1977 ist er auf der Documenta vertreten.

HA Schult lebt und arbeitet seit 1990 in Köln.

Literaturauswahl

HA Schult. Jetzt! Zeit …: Ausst.-Kat. Museum Ludwig Köln, Brauweiler 1980

Schilling, J.: Aktionskunst. Identität von Kunst und Leben? Eine Dokumentation, Luzern u.a. 1978

HA Schult. Kaputte Idylle: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Wiesbaden, Wiesbaden 1973

Koska, Elke (Hg.): Die Schult-Frage, Art is life, die 200-Seiten-Aktion 20000 km, Köln 1971

H. A. Schult in Schloss Morsbroich. Biokinetische Situationen: Ausst.-Kat. Schloss Morsbroich, Städt. Museum Leverkusen, Bergisch Gladbach 1969

Künstlerbücher: HA Schult: Trees for Peace, Essen, 2003 / Loveletters, Düsseldorf, 2002 / Kunst ist Aktion, Tübingen/ Berlin 2001 / Hotel Europe. Die Gäste, HA Schult-Museum, Köln 1999 / Der Kugelblick, Köln 1997 / Fetisch Auto, Düsseldorf 1989 / New York ist Berlin, HA Schult-Museum, Essen 1986

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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