Günter Fruhtrunk

Er will Bilder schaffen, die ein »Freisein des Sehens« erstellen. Farbgrenzvibrationen, Licht- und somit Farbflimmern, suggerierter Raumebenenwechsel kennzeichnen Günter Fruhtrunks Kompositionen, die kinetisches Sehen provozieren und als eine Art existenzieller Abstraktion gesehen werden können, da sich der Betrachter mit jedem Blick erneut im Bildfeld farbräumlich orientieren muss.

Günter Fruhtrunk wird am 1. Mai 1923 in München geboren. Nach seinem Abitur beginnt er im Wintersemester 1939/40 das Studium der Architektur an der Technischen Universität in München. Er bricht nach zwei Semestern ab und meldet sich im Herbst 1941 als Kriegsfreiwilliger. Als Soldat zeichnet und aquarelliert Günter Fruhtrunk vor allem landschaftliche Motive. Nach Ende des II. Weltkrieges nimmt Fruhtrunk ab 1945 ein Privatstudium bei dem in Neufrach lebenden Maler und Graphiker Wilhelm Straube (1871 — 1954) auf, der wiederum durch Adolf Hölzel und Henri Matisse geprägt ist. In Stuttgart trifft Fruhtrunk 1948 mit Willi Baumeister zusammen. Ein Jahr später steht er in Kontakt mit Julius Bissier und lernt so die zeitgemäßen Positionen abstrakter Malerei der deutschen Nachkriegskunst kennen. Bis dahin rezipiert Fruhtrunk die Bauhausbewegung, die geometrische Abstraktion der Suprematisten sowie die Farbfeldmalerei von Max Bill und empfindet besonders Bissiers an chinesischer Tuschmalerei orientierten, lyrischen Abstraktion als neuen Impuls.

1951 geht Fruhtrunk nach Paris, lernt dort Robert Delaunay, die Konstruktivisten und Hans Hartungs informelle Malerei kennen. Ab 1952 arbeitet er im Atelier von Fernand Leger mit und ist mit Hans Arp befreundet. Fruhtrunk erhält 1954 ein Stipendium des Bundeslandes Baden-Württemberg für Paris und kann sich nun ganz dem Studium der analytischen, auf Farb- und Formkontraste beruhenden Malerei zuwenden. Zugleich setzt er sich intellektuell mit der Existenzphilosophie von Jean-Paul Satre und den existenzialistischen Fiktionen Albert Camus auseinander. Der existenzialistische Denkansatz ist neben musiktheoretischen Strukturen und gestaltpsychologischen Erkenntnissen grundlegend prägend für Fruhtrunks programmatischen Kompositionen seiner Farbfeldbandmalerei. Auch seine erste Ausstellung hat er 1954 mit dem Cercle Volnay in der Pariser Galerie von André Drouin.

In den 1960er Jahren bleibt Paris und Frankreich Fruhtrunks Lebens- und Arbeitszentrum. Er setzt sich mit dem Spätwerk von Robert Delaunay auseinander, das zum Ziel hat, eine »Cinétisme Optique«, also einen kinetisch bewegten Blick zu erreichen. Fruhtrunk kombiniert den Delaunayschen Ansatz mit den gestaltpsychologischen und wahrnehmungstechnischen Erkenntnissen von Ernst Mach, der als erster Farbinterferenzen als »Dopplereffekt« und »machsche Streifen« theoretisch erkannt und fundiert hat. Günter Fruhtrunk gelangt so mit seinen Streifenkompositionen zu einer ganz eigenen Art der international aktuellen Op Art. Farbgrenzvibrationen, Licht- und somit Farbflimmern, suggerierter Raumebenenwechsel kennzeichnen seine Kompositionen, die kinetisches Sehen provozieren und als eine Art existenzieller Abstraktion gesehen werden können, da sich der Betrachter mit jedem Blick erneut im Bildfeld farbräumlich orientieren muss. Formal beruht diese »Cinétisme Optique« auf der steten Reihung paralleler, orthogonal oder diagonal gereihter Bänder, die farblich unterschieden und oft in ihrer Konturführung rhythmisch unterbrochen, das Bildfeld zu einem Farblichtraum organisieren.

Fruhtrunks Kompositionen stehen häufig in gedanklicher Nähe zu musikalischen Strukturen, was die gewählten Bildtitel wie u.a. Cantus Firmus (1964) undOrgelpunkt (1965) belegen. Sein Pinselauftrag der Acrylfarben auf Leinwand ist gleichmäßig glatt und vermeidet jedes Kennzeichen eines individuellen Pinselduktus’. Damit steigert er die Hermetik und Seinsindividualität seiner Gemälde.

Fruhtrunks Werk findet in den 60er Jahren durch Kunstpreise, Medaillen und im Jahr 1963, durch eine Retrospektive seiner Arbeiten im Museum am Ostwall in Dortmund, zunehmend öffentliche Anerkennung. Zum Wintersemester 1967/68 nimmt er den Ruf als Professor für Malerei an der Kunstakademie in München an. Auf der Documenta IV kann sich Fruhtrunk als Op Art Künstler von internationalem Rang präsentieren. Immer wieder nimmt Fruhtrunk zum eigenen Werk und seinem gestalterischen Credo mit theoretisierenden, philosophierenden Aussagen Stellung. Er will Bilder schaffen, die ein »Freisein des Sehens« erstellen, und letztlich formuliert er: »… Das visuell Wahrgenommene zieht uns nicht durch das Gestaltete hindurch in eine andere Welt, sondern entwickelt sich im Sehvorgang als ständig Werdendes zu seiner rhythmisierten Lichtenergie zurück und durchstößt das von allen Benennungswert freie Farblicht.«

Günter Fruhtrunk lebt und arbeitet in den 70er Jahren sowohl in Frankreich (Périgny-sur-Yerres) als auch in München. Schwer durch die Folgen einer Kriegsverletzung beeinträchtigt, wählt er mit 59 Jahren am 12. Dezember 1982 in seinem Atelier der Münchner Akademie den Freitod.

Literaturauswahl

: Günter Fruhtrunk, Ausst.-Kat. Taura, Berlin, Akira Ikeda Gallery 2008, hg. v. H. Friedel, Taura 2008

Die Schenkung Defet und andere Werke im Neuen Museum: Günter Fruhtrunk: Malerei: Ausst.-Kat. Neues Museum Nürnberg, hg. v. Th. Heyden, Nürnberg 2007

Wendt, K.: Günter Fruhtrunk: Monographie und Werkverzeichnis; Möglichkeit und Grenzen des konkreten Bildes, Frankfurt/M. 2001

Günter Fruhtrunk: Ausst.-Kat. Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, hg. v. P.-K. Schuster, München 1993

Fruhtrunk, G.: Nicht Formensprache sondern Verdichtung, Ausst.-Kat. Kunstverein Braunschweig, Braunschweig 1983

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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