Giuseppe Spagnulo

Grundsätzlich sind Lehm und Eisen seine bevorzugten Materialien – archaische, kulturgeschichtlich aufgeladene Materialien. Spagnulo bevorzugt ungesockelte Bodenskulpturen, die immer an die Grenzen der materialeigenen und statischen Möglichkeiten gehen oder das Material, so in seinen archäologischen Enviroments, sogar zerstören.

Giuseppe Spagnulo wird 1936 in Grottaglie geboren. Im zweitgrößten Zentrum der italienischen Keramik betreibt sein Vater eine Werkstatt, Spagnulo kann sich früh mit plastischem Arbeiten vertraut machen. Ab 1952 studiert er an der Kunstschule von Grottaglie und besucht zugleich bis 1958 das Instituto d’arte per la ceramica in Faenza – die Stadt, die der Fayence den Namen gibt. In Mailand besucht Spagnulo ab 1959 die Accademia di Brera, wird Assistent von Lucio Fontana und Arnoldo Pomodoro. Spagnulo schließt sich dort jungen Künstlern an, zu denen ebenso Tancredi (Parmeggiani) wie Piero Manzoni gehören. Auch seinen ersten Galeristen, Carlo Grossetti, der die Galerie Salone Annunciata betreibt, lernt Spagnulo hier kennen, hier hat er 1965 seine erste Einzelausstellung mit kleinen Ton-, Terracotta- und Lehmskulpturen, die sich an informeller Kunst orientieren und bereits grundsätzlich von seinem Interesse an Raum-Masse zeugen. 1968 beteiligt sich Spagnulo an den studentischen Aufständen in Mailand. Zugleich wendet er sich seinem Kernmaterial, dem Eisen zu. In Analogie zu Lucio Fontanas Concetto spaziale entstehen bei Spagnulo nun die Ferri spezzati, die zer- oder gebrochenen Eisen, deren scheinbare Leichtigkeit des Bruches bei der Schwere des oft industriell vorgefertigten Materials irritieren. Auch die Eisenbrammen, so seine Skulptur Grande Diagonale von 1974 zeigen vergleichbare Verfahren und besitzen Eigenschaften, die eher Ton-, Lehm- und Terracotta-Figurationen nahe stehen.

Bis 1976 beschäftigen Spagnulo die Ferri spezzati, und sie werden abgelöst durch die Werkgruppe der Paesaggi, also der Landschaften, die zeitgleich zu den Arbeiten der Archeologia entstehen. Beide Werkgruppen reflektieren Bedingtheiten des Humanen – einmal den Ist-Zustand in den Paesaggi als dramatische Gegenwart, zum anderen die tragische Vergangenheit der menschlichen Spezies in Arbeiten wie Archeologia. 1977 gibt Spagnulo eine Ausstellung im Newport Habour Art Museum im kalifornischen Newport Beach Anlass zu einer längeren USA-Reise. Früh hat Spagnulo Ausstellungen in Bochum, Dortmund, München und Hamburg. 1977 ist er auf der Documenta IV in Kassel vertreten.

Spagnulo bevorzugt ungesockelte Bodenskulpturen, die immer an die Grenzen der materialeigenen und statischen Möglichkeiten gehen oder das Material, so in seinen archäologischen Enviroments, sogar zerstören. Die Skulptur Archeologia aus dem Jahr 1979, die aus einer quadratischen Eisenplatte mit kleiner, mittiger, runder Vertiefung besteht und umlagert ist von sieben Bruchstücken einer ehemals intakten sphärischen Gefäßform, zeigt dies. Lebenslang erarbeitet Spagnulo seine Ideen zeichnerisch und in Ton- wie Terracotta-Modellen, so auch sein Autorittrato N.1 von 1982. Es besteht aus einem Testa nera, einer schwarz eingefärbten Terrakotta in irregulärer Seeschneckenform, die auf einen langen Stab gesteckt ist. Diesem schwarzen Kopf gegenüber lehnt eine kreisrunde Scheibe mit eingeschriebener Spirale an der Wand, auch sie ist aus Ton. Vollendet wird das Autorittrato N.1 durch eine schwarze Kohlezeichnung auf Karton, die an der Wand hängt und schwarze, wie ansteigende Rauchwolken trägt. Obwohl sich Spagnulo oft auf geometrische Grundformen wie Quadrat, Recht- und Dreieck sowie Kreis bezieht, zeigt sein Autorittrato N.1 paradigmatisch sein plastisches Grundvokabular. Die Scheibe mit der Spirale scheint wie die Mutterform aller an der Töpferscheibe handgedrehter Keramik. Mit der Irregularität des Meerschneckengehäuses, dem eigentlichen Testa der Installation schuldet Spagnulo der Naturform als plastisches Urbild seinen Tribut. Mit der Kohlezeichnung spielt er auf eine wesentliche Bedingung seines plastischen Arbeitens an, dem starken Rauch der Esse, in der er seine Werkstücke umformt. Spagnulo betrachtet Körper als Entitäten, die er jedoch bricht, deformiert teils zerstört, um additiv neue Körper mit höherer Gespanntheit entstehen zu lassen. Grundsätzlich sind Lehm und Eisen seine bevorzugten Materialien – archaische, kulturgeschichtlich aufgeladene Materialien. Egal ob an die Genesis des Alten Testamentes gedacht wird oder an die Eisenzeit der Menschheitsgeschichte, immer sind kulturell narrative Aspekte in diesen Materialien präsent.

Giuseppe Spangulo lebt und arbeitet in Mailand und Stuttgart.

Literaturauswahl

Giuseppe Spagnulo. Ali di Fuoco: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, hg. v. H. Friedel, B. Schenk, München 2008

L. Hockemeyer: Giuseppe Spagnulo: Material >< Body = Form >< Idea, in: Interpreting Ceramics, 8, 2007

Giuseppe Spagnulo. Canta amore alle persiane, Skulpturen und Arbeiten auf Papier. Ausst.-Kat. Galerie Vero Wollmann, Stuttgart 2004

Giuseppe Spagnulo: Castel-Burio-Arte. Ausst.-Kat. Kunsthaus Zug, hg. v. T. Trini, M. Bertoni, Zug 1994

Giuseppe Spagnulo: Skulpturen und Zeichnungen: Ausst.-Kat. Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 1991

Posca-Bormann, C.: Giuseppe Spagnulo: Kontinuität und Sinnbildcharakter in seinem plastischen Werk, Bochum 1991

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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