Giuseppe Penone

»Wenn ich einen Baum berühre, wenn ich ihn angehe, dann hat der Baum eine andere Lebenszeit als ich. Er hat einen sehr viel langsameren Rhythmus, und deshalb kann er wie ein festes Element erscheinen. In Wirklichkeit müsste man ihn als flüssiges Element begreifen, denn wenn man ihn mit einem Gegenstand konfrontiert, dann umschließt er ihn, umwächst ihn, reagiert also genauso wie ein Wasserlauf, der einen Stein umspült und umströmt, wenn er in seinem Flussbett liegt« (Penone, in: Kunstforum International, 1998).

Giuseppe Penone wird 1947 in Garessio/ Italien geboren und studiert in Turin an der Accademia Albertina di Belle Arti. Er tritt 1968 mit ersten Ausstellungen an die Öffentlichkeit. Seine Arbeiten der ausgehenden 60er und frühen 70er Jahre widmen sich Natur- und Kulturphänomenen und den zugrundeliegendenGesetzmäßigkeiten und Strukturen, beziehen sich aber vor allem auf haptische Sinneswahrnehmungen: Kontakt, Abformung und Berührung sind Ausgangspunkteseiner metaphorisch-körperlichen Kommunikation mit Phänomenen einer natürlichen, vegetabilen Umgebung.

Penones Untersuchungen natürlicher Veränderungen und materieller Transformationen zeigen sich in den ersten Werk-Gruppen, die sich den Wachstumsprozessen von Bäumen widmen. Die zeitliche Dimension natürlicher Prozesse und das davon unabhängige Zeitbewusstsein menschlicher Erfahrung treten in Interaktion: In der fotografisch dokumentierten Installation Crescendo innalzerà la rete von 1968 umbaut Penone einen Baum mit einem Eisenkäfig. Im Prozess des Wachsens wird dieser Käfig durch den Baum emporgehoben, beewgt, verändert. In den geschälten Bäumen, die nach 1969 entstehen, sucht Penone dagegen den Prozess der Bearbeitung eines Holzbalkens rückgängig zu machen, indem er aus einem industriell zugeschnittenen Holzbohlen einzelne Astknoten herausschneidet. Auch mit dem Einwachsen eines bronzenen Handabgusses in einen Baumstamm, das er forciert, konfrontiert er die menschliche berührende Wahrnehmung mit dem langsamen vegetabilen Wachstumsprozess: »Wenn ich einen Baum berühre, wenn ich ihn angehe, dann hat der Baum eine andere Lebenszeit als ich. Er hat einen sehr viel langsameren Rhythmus, und deshalb kann er wie ein festes Element erscheinen. In Wirklichkeit müsste man ihn als flüssiges Element begreifen, denn wenn man ihn mit einem Gegenstand konfrontiert, dann umschließt er ihn, umwächst ihn, reagiert also genauso wie ein Wasserlauf, der einen Stein umspült und umströmt, wenn er in seinem Flussbett liegt« (Penone, in: Kunstforum International, 1998).

In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren experimentiert Penone in vergleichenden Arbeiten mit den nachahmenden Verfahren in Kunst und Natur: So lässt er beispielsweise in seiner Arbeit Kartoffeln von 1977 Erdknollen in gesichtsförmige Hohlformen aus Metall wachsen. Die daraus entstehenden Gebildewerden als Nachahmungen menschlicher Physiognomien erkennbar, die Kartoffeln reproduzieren menschliche Sinnesorgane. In der Werkreihe Ein Fluss sein, diezu Beginn der 80er Jahre entsteht, stellt der Künstler jeweils einen vom Flusswasser geformten Naturstein und einen ihm täuschend ähnlich nachgearbeitetenWerkstein gemeinsam aus.

Der Körper spielt als Grenze zwischen Subjekt und Außenwelt im Werk Penones eine besondere Rolle. In seiner Arbeit Die eigenen Augen umkehren von 1970macht er dies in einem Selbstporträt mit verspiegelten Kontaktlinsen deutlich: Das Sehen erweist sich als Blindheit und gibt Hinweise auf den Vorrang der Tastwahrnehmung und des inneren Gesichtes, der fühlenden und erspürenden Kommunikation. Eine wichtige Werk-Gruppe thematisiert in den späten siebziger Jahren das »Atmen«, dessen Veranschaulichung Penone neben dem »Tasten« als maßgebliche Form körperlicher Äußerungen beschäftigt. Den Atemstrom hält er ebenso in Glas, Gestein fest wie in Ton (Soffio di creta, 1979).

In seiner Serie der Pflanzlichen Gebärden, die ab 1982 entsteht, integriert Penone Bronzearbeiten unterschiedlicher Größe in Sträucher und Bäume. Er versteht diese Werke als figürliche Ausdeutungen von Pflanzen und deren Wachstumsenergien. Penone orientiert sich dabei am literarischen Vorbild des Mythos von Apollo und Daphne, der die Verwandlung des Menschen in ein pflanzliches Geschöpf thematisiert. Schließlich ist noch seine Werkgruppe der Fingernägel zu nennen, deren Abgüsse zu monumentalen Glasobjekten wiederum dem Alltäglichen ein ästhetisches Pathos abgewinnen (Fingernagel und Marmor, 1988). Giuseppe Penones Arbeit lässt sich im Umkreis der Arte Povera veroten. Bei seiner konzeptionellen Suche nach den übereinstimmenden, normgebenden Phänomenen von Natur und Kultur entwickelt er ein bemerkenswertes und äußerst eigenwilliges Gespür für die Variabilität des menschlichen Wahrnehmungsvermögens und seineDarstellungsmöglichkeiten.

Giuseppe Penones seit 1972 vielfach auf der Documenta und der Biennale Venedig präsente Arbeiten werden bis heute in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen international gezeigt. Penone lebt und arbeitet in Turin.

Literaturauswahl

Giuseppe Penone: Ausst.-Kat. Centre Pompidou Paris, hg. v. Catherine Grenier, Paris 2004

Giuseppe Penone. Die Adern des Steins: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, u.a., hg. v. Christoph Schreier. Ostfildern-Ruit 1997

Giuseppe Penone: Ausst.-Kat. Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Paris 1984

Giuseppe Penone:Ausst.-Kat. Städtisches Museum Abteiberg Mönchengladbach, hg. v. Sabine Kimpel-Fehlemann, Köln 1982

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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