Giorgio Morandi

Sein Interesse gilt dem Wesen der Hermetik des Objektdaseins, das er im rein Malerischen zu ergründen hofft. Morandi befragt in immer wieder variierten Konstellationen gleicher Gegenstände die ästhetische Dimension des reduziert Einfachen. Die Materialität der Dinge spielt keine Rolle mehr, die Farbe ist nicht mehr in naturalistischem Sinne sachbezeichnend, sondern rhythmisiert vielmehr die Bildkomposition.

Giorgio Morandi wird am 20. Juli 1890 in Bologna geboren. Sein Vater ist Kaufmann, bei dem Morandi bis 1907 eine Lehre absolviert und ihm ein Studium an der Accademia di belle Arti in Bologna ermöglicht, das er 1913 abschließt. Mit seinen Künstlerfreunden Osvaldo Licini, Severo Pozzati und anderen stellt Morandi 1914 erstmals im Hotel Baglioni in Bologna seine Arbeiten aus. Er rezipiert neben historischer, italienischer Malerei – wie der Giottos und der Piero della Francescas – vor allem Werke von Pierre Chardin, Camille Corot, Paul Cézanne, setzt sich neben Henri Rousseau auch mit Picassos Kubismus auseinander.

In Bologna hat Morandi direkten Kontakt zu den Futuristen und de Chirico. Neben den in trockener Malweise gehaltenen Landschaften, die älteste Paessaggio von 1910, entstehen bis 1916 erste Stillleben und im Jahr 1918 Natura Morta – ein Bild in glatter, scharf konturierter Malerei, die sich stark an die Magie des leeren, fast unheimlichen Raumes in de Chiricos Pittura metafisica anlehnt. Ab 1914 arbeitet Morandi als Zeichenlehrer an der Volkshochschule in Bologna, eine Arbeit, die er bis 1930 mit einigen Unterbrechungen ausübt. Die Wohnung in der Via Fondazza in Bologna, die Morandi mit seinen Schwestern bewohnt, ist zugleich sein Atelier. Einen weiteren Wohn- und Arbeitsort unterhält er mit einem Landhaus in Grizzana im Bologneser Apennin. Die beiden Lebensorte behält Morandi lebenslang und reist nur einmal, 1956, nach Winterthur in die Schweiz, dann nach Zürich, wohin ihn eine Retrospektive eigener Arbeiten und eine Cézanne-Ausstellung führen. Seine zurückgezogene Lebensweise und die extreme Konzentration auf einige wenige Sujets, die er immer wieder in seinen Stillleben mit Flaschen, Krügen, Kannen, Bechern, Schalen und Dosen variiert, bringen Morandi den Ruf eines »mönchischen« Malers ein. Durch den zunehmenden Erfolg und die technische Brillanz seiner Radierungen erhält er ab 1930 den Lehrstuhl für Radierung an der Accademia di belli Arti in Bologna.

Morandis frühe Stillleben orientieren sich motivisch noch stark an der erzählerischen Bildstruktur von Cézanne: Ein Glaskelch ist halb gefüllt, eine Karaffe enthält eine farblose Flüssigkeit, eine Schale ist umgekippt und ein Croissant in zwei Stücke gebrochen. Alles liegt und steht auf einer Tischplatte in der mittleren Bildzone, die mit einem weißen Tuch bedeckt ist, nach rechts schließt die Reihe der Gegenstände mit einem dunkelblauen Glasflakon – narrative Momente, die beispielsweise seine Natura Morta von 1920 auszeichnen. Hier ist der handelnde Mensch, die Zeit und die trotz des egalitären, nahezu raumlosen Grundes klare Beleuchtungssituation, die auch die Stofflichkeit der verschiedenen Gegenstände zeigt, indirekt anwesend. Hier erzählen die Stillleben Morandis von Begebenheiten, die über die Objektpräsenz im Bild hinaus reichen.

Im Laufe seiner künstlerischen Arbeit ändert sich dies grundlegend. Zieht man eine Natura Morta-Gruppe des Jahres 1955 heran, so sind die Gegenstände nun bildmittig zu dichten Blöcken gruppiert. Die Malweise, deren tonal, blasser Farbauftrag ein leichtes Farbstegrelief zeigt, behandelt Grund, Standfläche und Objekte gleichermaßen. Kontur erstellt Morandi durch Farbwechsel, so dass die räumlich gestaffelten Objekte mit einander ebenso zu kommunizieren scheinen wie mit dem Grund und der Standfläche. Morandi schafft vergesellschaftete Objektgruppierungen mit einer wie notwendig erscheinenden Eigengesetzlichkeit, in der keiner der Gegenstände ersetzt oder auch weg genommen werden kann. Dieses anschauliche Konzept der fast notwendigen Komposition ist es, das Morandis kleinformatige, oft längsrechteckige Natura-Morta-Kompositionen, die er manchmal fast bis zur Grisaille koloristisch tonal aufbaut, so hermetisch und zwingend im Ausdruck macht.

Morandis Interesse gilt dem Wesen der Hermetik des Objektdaseins, da er im rein Malerischen zu ergründen hofft. Und er befragt in immer wieder variierten Konstellationen gleicher Gegenstände die ästhetische Dimension des reduziert Einfachen. Die Materialität der Dinge spielt keine Rolle mehr, die Farbe ist nicht mehr in naturalistischem Sinne sachbezeichnend, sondern rhythmisiert vielmehr die Bildkomposition. Wie sehr Morandi diese einfachen, meist der Küche entstammenden Alltagsgegenstände faszinieren, zeigen fotografische Atelieraufnahmen, die seine Modelle in Regalen, auf Tischen und Kommoden aufreihten Modelle zeigen. Gelingt es Picasso, in seinen Stillleben Gitarren und bauchige Krüge oder Vasen mit körperlicher Präsenz und erotischer Sinnlichkeit zu vitalisieren, so stilisiert Morandi dahingegen das Geheimnis des Objektwesens zu einer stummen, aber unangreifbaren Gegenwart, in der der Schatten des Dings die gleiche greifbare Realität besitzt wie das Ding selbst.

Eine Stiftzeichnung des Jahres 1960 (Kunstsammlung der Ruhr-Universität) studiert diese situative Hermetik genau. In seinen späten Landschaften geht Morandi wie im Cortile di Via Fondazza von 1956 weit in die vom Motiv und Gegenstand befreite Farboberfläche. Vegetabiles von oben gesehen bestimmt nun den Vordergrund. Eine überlichtete, hochrechteckige Fläche, die als gegenüberliegende Hauswand gesehen wird, verschließt den Malgrund. Nur waagrechte Dachränder stehen und sprechen für ein Dahinter. Diese sich in Morandis Werk fortlaufend steigernde Verknappung der Form- und Farbkomposition zeigt den ganz disziplinierten und konzentrierten eigenen Weg, auf dem sich Morandi bis an die Grenze des Wiedererkennbaren heran arbeitet und zur reinen Malerei gelangt. Mit dem Gegenstand überwindet er tatsächlich das Gegenständliche.

Morandis Werk ist auf der Documenta I. bis III. (1955, 1959, 1964) vertreten. 1962 erhält er den Rubens-Preis der Stadt Siegen. Zahlreiche Einzelausstellungen und Retrospektiven würdigen seine Arbeit bis heute (Kunsthalle Bern, 1965; Haus der Kunst, München 1981; Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1989; Pinakothek, München 2000; Tate Modern, London 2001).

Giorgio Morandi stirbt 1964 in Grizzana.

Literaturauswahl

Güse, E.G. (Hg.): Giorgio Morandi. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen, München, Berlin, London, New York 2008

Giorgio Morandi. Landschaft: Ausst.-Kat. Josef-Albers-Museum, hg. v. U. Grower, Düsseldorf 2005

Giorgio Morandi. Natura Morta 1914 — 1964: Ausst.-Kat. Von-der Heydt-Museum, hg. v. S. Fehlmann, Wuppertal 2004

Müller, R.: Das Frühwerk von Giorgio Morandi, München 1993

Giorgio Morandi. Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen: Ausst.-Kat. Haus der Kunst, hg. v. F.A. Morat, München 1981

Lamberto, V.: Catalogo generale Giorgio Morandi, Bd.1: 1913 — 1947, Bd.2: 1948 — 1964, Mailand 1977

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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