Giorgio de Chirico

»Welchen Zweck wird die künftige Malerei haben? Keinen anderen als Dichtung, Musik und Philosophie: geistig-sinnliche Empfindungen auszulösen, die früher niemand kannte; die Kunst zugunsten einer ästhetischen Synthese vom Allgemeinen und Anerkannten, von allem Gegenständlichen zu befreien; das Bild des Menschen auszumerzen, ob es um Leitgestalt oder Träger von Symbolen, Gefühlen und Gedanken war; die Malerei ein für allemal von Anthropomorphismus zu erlösen, die das Bild erstickt hat; jedes Ding auch den Menschen als Sache zu betrachten […] Das ist es, was ich in meinen Bildern darzulegen versuche.« (zit. n.: de Chirico 1973, 29).

Giorgio de Chirico wird am 10. Juli 1888 in Vólos in Thessalien geboren. Zusammen mit seinem Bruder Andrea, der sich später als Literat Alberto Savivio nennt, wächst de Chirico als Kind italienischer Eltern in Griechenland auf. Eisenbahnmotive und Versatzstücke der griechischen Antike finden später Eingang in seine Kompositionen. Am Polytechnikum in Athen absolviert er zunächst dem Beruf des Vaters folgend, ein Ingenieursstudium und beginnt dort anschließend mit dem Studium der Malerei. Über Florenz geht er auf den Rat der Mutter 1906 an die Königliche Akademie der Künste in München und ist dort bis 1909 Schüler von Franz von Stuck.

Künstlerisch beeinflussen de Chirico die Werke von Arnold Böcklin, besonders dessen romantisch-magisch aufgeladene Versionen der Toteninsel. Die druckgraphischen Serien mit phantastischen Szenen von Max Klinger und Alfred Kubin prägen seinen frühen Hang zum Enigma. Er studiert die Philosophen Friedrich Nietzsche, Otto Weininger und Arthur Schopenhauer. Nietzsches Beschreibungen der Plätze Turins werden gleichsam zu Motivvorlagen für die Gemälde. Im Jahr 1910 entstehen in Florenz de Chiricos frühe, metaphysische Stadtplätze, die zwar bei der realen städtebaulichen Struktur ansetzen, die jedoch durch Perspektivewechsel, Farbigkeit und inkommensurable Schattengestalten ins Überreale gesteigert werden. Fenster und Arkaden sind leere, lichtlose Hohlräume, die Lichtsituation entspricht einem theatralisch beleuchteten Bühnenraum, der immer eng gehalten ist. De Chiricos Farbauftrag ist trocken, spröde und gleichmäßig, damit vermeidet er die Bezeichnung von Stofflichkeiten. Alle Bildelemente sind von der gleichen Konsistenz und Substanz – ein klassischer Verfremdungseffekt. So erstellt de Chirico ein motivisches Ensemble als Verweis auf einen traumartigen Existenzraum mit frei kombinierten Versatzstücken der Realität.

1911 hält sich de Chirico in Paris auf. In diesem Jahr benutzt er selbst erstmals den Begriff metaphysisch, indem er sagt »die Gelassenheit und die unbeseelte Schönheit der Materie erscheinen mir metaphysisch« (zit. n.: de Chirico 1973, 40). Ebenfalls 1911 entsteht ein Selbstbildnis mit der bekennenden Inschrift »Quid amabo nisi quod aenigma est« (Was soll ich lieben, wenn nicht das, was ein Geheimnis ist). Bis 1915 lebt de Chirico in Paris, kennt Picasso, Derain, Brancusi und wird von Guillaume Appolinaire beim Herbstsalon 1913 besonders hervorgehoben. Dieser erwirbt auch das Werk Der große Turm des gleichen Jahres (heute im K20, Düsseldorf). Noch steht die Gründung der Pittura Metafisica aus, doch übt de Chiricos Bildwelt bereits großen Einfluss auf die sich formierende Pariser Surrealisten aus.

Zurück in Florenz, später in Ferrara gründet de Chirico 1916/17 zusammen mit seinem Bruder Alberto Savivio und Carlo Carrà die Schule der »Pittura Metafisica«, der sich in seinem Frühwerk auch Giorgio Morandi anschließt. Zu dieser Zeit in Frankreich und Italien erfolgreich, ist de Chirico 1918 auch Mitbegründer der »Valori Plastici« in Rom. Nun erlangen bis ins Jahr 1925 eine Reihe von Motiven zentrale Bedeutung in seinem Werk – nach wie vor städtische Plätze, Türme, die manichini, Schneider- oder Gliederpuppen, Teile antiker Skulpturen und Stillleben. In seinen Meditationen eines Malers beschreibt er sein damaliges künstlerisches Credo folgendermaßen: »Welchen Zweck wird die künftige Malerei haben? Keinen anderen als Dichtung, Musik und Philosophie: geistig-sinnliche Empfindungen auszulösen, die früher niemand kannte; die Kunst zugunsten einer ästhetischen Synthese vom Allgemeinen und Anerkannten, von allem Gegenständlichen zu befreien; das Bild des Menschen auszumerzen, ob es um Leitgestalt oder Träger von Symbolen, Gefühlen und Gedanken war; die Malerei ein für allemal von Anthropomorphismus zu erlösen, die das Bild erstickt hat; jedes Ding auch den Menschen als Sache zu betrachten […] Das ist es, was ich in meinen Bildern darzulegen versuche.« (zit. n.: de Chirico 1973, 29).

Ab 1924 erneut in Paris, erscheint 1929 de Chiricos Traumnovelle Hebdomeros, der Metaphysiker. In diesen Jahren feiern die Pariser Surrealisten ihn als ihren Protagonisten. Mit seiner zweiten Heirat 1930 mit Isabella Pakszwer Far erfährt seine Kunst eine radikale Zäsur. Er wendet sich ab von der Pittura Metafisica und widmet sich der klassizistischen-akademischen Rezeption der Kunst Raphaels und Signorellis. Zugleich vertieft er sein archäologisches und historisches Wissen. Ab 1939 wird die barocke Malerei eines Peter Paul Rubens für ihn vorbildlich. De Chirico, der immer wieder durch psychische Krisen beeinflusst ist, leidet von da an an erkennbar seiner Erfolglosigkeit. Immer wieder kopiert er Arbeiten seiner Pittura Metafisica-Phase und datiert sie zurück.

Ab 1947 lässt er sich endgültig in Rom im Palazetto die Borgognoni an der Piazza di Spagna Nr. 31 nieder, der seit 1999 mit der originalen Einrichtung das de Chirico-Museum ist. Mit seinem Frühwerk ist de Chirico auf der Documenta I-III (1955, 1959, 1964) vertreten. Seine erste, große Retrospektive erhält er erst 1970.

Am 19. November 1978 stirbt Giorgio de Chirico in Rom.

Literaturauswahl

Wojtera, N.: Friedrich Nietzsche und der Surrealismus: Lyrische Verfahren und ästhetisches Verhalten. Eine Entsprechung im Bild, München 2008

Roos, G. (Hg.): Giorgio de Chirico: A Metaphysical Journe. Paintings 1909 — 1973, Köln 2008

Peppel, C.: Der Manichino. Von der Gliederpuppe zum technischen Kultobjekt. Körperimaginationen im Werk Giorgio de Chiricos, Weimar 2008

Schmied, W.: Der Künstler dem die Welt ein Rätsel blieb. Neunmal Giorgio de Chirico, Weitra 2008

Die andere Moderne – De Chirico, Savinio: Ausst.-Kat. Düsseldorf, hg. v. P. Baldacci, München/ Ostfildern 2001

Chirico, G. de: Wir Metaphysiker. Gesammelte Schriften, hg. W. Schmied, Berlin 1973 (o. zit.: de Chirico 1973)

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat