Germaine Richier

»Alle meine Skulpturen, selbst meine imaginiertesten, gehen von etwas Wahrem aus, von einer organischen Wahrheit. Die Imagination braucht einen Ausgangspunkt.« (Ausst.-Kat. Berlin 1997).

Germaine Richier wird 1902 in Grans bei Arles geboren. Sie nimmt 1922 bei dem ehemaligen Rodin-Mitarbeiter Louis Jacques Guigues an der École des Beaux-Arts in Montpellier das Studium der Bildhauerei auf. Sie absolviert ihr Studium 1925 — 29 an der Académie de la Grande Chaumière bei Émile-Antoine Bourdelle in Paris. Es entstehen in Anlehnung an das meisterliche Vorbild klassisch anmutende Akte und Büsten (Loretto I, 1934), von denen nur wenige erhalten sind. 1939 — 41 lebt Richier in Zürich und in Südfrankreich und beschäftigt sich vorrangig im Genre der Tierdarstellung.

Mit ihrer Arbeit Le Crapaud (1940) widmet sich Richier erstmals – wenn auch nur in der verhaltenen Formensprache eines tierähnlich hockenden weiblichen Aktes –dem vom Surrealismus bevorzugten Motiv der Tier-Mensch-Metamorphose und ihren sexualisierten Deutungsebenen. 1944 gestaltet sie ihr erstes Mischwesen, eine angrifflustige weibliche Heuschreckengestalt (La Sauterelle). Ähnliche körperliche Transformationsprozesse entstehen unter Verwendung vegetabiler Gegenstände am menschlichen Akt (L’Homme forêt, 1945/46). Mit ihrer Arbeit La Mante (1946) betont Richier nochmals ein transgressives surrealistisches Geschlechtermodell, dessen Übergänge vom Tier zum Menschen den Körper mit befremdenden Deutungen versehen.

Ähnlich den Sammlungsprinzipien der Wunderkammern häufen sich in den folgenden Jahren in Richiers Atelier groteske Naturobjekte, Kieselsteine, Tier-Skelette, Insekten und Astgabeln, die sie als materielle Vorlage ihrer gestalteten Phantasiewesen benutzt. Die Künstlerin kommentiert diesen am authentischen Objekt geschulten Inspirationsvorgang folgendermaßen: »Alle meine Skulpturen, selbst meine imaginiertesten, gehen von etwas Wahrem aus, von einer organischen Wahrheit. Die Imagination braucht einen Ausgangspunkt.« (Ausst.-Kat. Berlin 1997).

Doch erschöpfen sich Richiers Arbeiten nicht in motivisch neuen Formbezügen des Grotesken, sondern entwickeln überdies einen eigenen Zugang zur dramatischen Inszenierung expressiver Interventionen von Figur und Raum. Die Gestaltung des sogenannten fruchtbaren Augenblicks und die Festlegung erzählerischer Räume stehen ebenfalls im Zentrum ihrer Arbeiten, die menschliche Ausdrucksformen im Grenzbereich künstlerischer Abstraktion zu fassen suchen (L’Araignée I, 1946). Auch die rissigen und schrundigen Oberflächen ihrer Bronze-Skupturen tragen zum Eindruck eines Körperverständnisses bei, das sich an Prozessen des Überganges, Wandels und Vergehens äußert.

1951 gestaltet Germaine Richier die umstrittene Kreuzigungsdarstellung Christ d’Assy für die Kirche in Assy. Ebenso entstehen zahlreiche Plastiken in Blei, deren Hintergrundtafeln sie befreundeten Vertretern informeller Malerei, so Vieira da Silva und Hans Hartung zur Gestaltung überlässt. Bald gehören auch bewegliche Skulpturengruppen, so ein Schachspiel (L’Equichier petit, 1955) zu ihren Werken. Mit einer großen Einzelausstellung im Musée d’Art Moderne in Paris im Jahr 1956 wird Richier verspätet einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Germaine Richier stirbt 1959 in Montpellier.

Literaturauswahl

Spieß Claudia: Germaine Richier (1902 — 1959), die lebendig gewordene Skulptur. Formanalyse, Werkprozess und Deutungsversuch. Hildesheim 1998

Germaine Richier: Ausst.-Kat. Akademie der Künste Berlin, Köln 1997

Germaine Richier, Rétrospective: Ausst.-Kat. Fondation Maeght, hg. v. Jean-Louis Prat, Saint-Paul 1996

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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