Gerhard von Graevenitz

Grundsätzlich experimentiert von Graevenitz systematisch mit verschiedenen Medien (Grafik, Relief, Objekt-Kunst, Installation) und Verfahren, um unter den Prinzipien Zufall und Ordnung Ergebnisse zu provozieren. Physikalische Phänomene wie Bewegung, Licht, Raum und Zeit sowie deren Strukturen werden untersucht und so das Sehen an sich thematisiert.

Gerhard von Graevenitz wird 1934 in Schilde/ Mark Brandenburg geboren. 1945 flieht die Familie in den Westen. Dort beginnt von Graevenitz 1955/56 zunächst mit einem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main. Hier belegt er außerdem Statistik und hört Vorlesungen von Theodor W. Adorno und Carlo Schmid. Zur Kunst kommt er zufällig, wie von Graevenitz selbst meint: Nach einem Unfall mit anschließendem mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt wechselt er den Berufswunsch und studiert von 1956 bis 1961 an der Münchener Kunstakademie, wo er Meisterschüler von Ernst Geitlinger wird. Von Graevenitz knüpft Kontakte zu Künstlern der älteren Generation wie Johannes Itten, Alexander Calder und Josef Albers sowie zu Künstlern seiner Generation, die sich mit Fragen der Kinetik auseinandersetzen und an einem neuen Kunstbegriff interessiert sind (Otto Piene, Heinz Mack, Yves Klein, Daniel Spoerri, Jean Tinguely). Von letzteren erscheinen dann auch Beiträge in seiner 1959 neugegründeten Zeitschrift »nota«. 1960 eröffnet er in München eine gleichnamige Galerie.

Im Studium und später gewinnt von Graevenitz zahlreiche Wettbewerbe und bekommt mehrere Stipendien. Eines davon führt ihn 1961 nach Paris. Die bis dahin entstandenen Arbeiten sind monochrom weiße, statische Reliefs, deren Elemente hierarchisch geordnet sind (»Progressionen«, »Verläufe«). Ihre Struktur scheint sich je nach Betrachterbewegung zu verändern (Zwei einander durchdringende Progressionen, 7 Teile einer Serie, 1960). In Paris wird die Begegnung mit der »Groupe de Recherche d’Art Visuel« (1960 — 68) entscheidend für seine weitere Arbeit. Unter ihrem Einfluss entwickelt von Graevenitz kinetische Kastenobjekte mit motorbetriebenen Elementen, bei denen die Unvorhersehbarkeit des Bewegungsablaufs und -tempos eine zentrale Rolle spielen (Weiße Rechtecke auf Schwarz (2. kinetisches Objekt), 1961; 324 weiße Punkte, 1962). Das Interesse für die Grenzbereiche zwischen Kinetik, Kybernetik und Grafik prägt seine Arbeiten. 1962 hat er die Gelegenheit, mit einem Grafikcomputer zu arbeiten. Seitdem entstehen Siebdruck-Serien geometrisch geordneter Rasterstrukturen, die in einer Reihe von Mappenwerken erscheinen. Grundsätzlich experimentiert von Graevenitz systematisch mit verschiedenen Medien (Grafik, Relief, Objekt-Kunst, Installation) und Verfahren, um unter den Prinzipien Zufall und Ordnung Ergebnisse zu provozieren. Physikalische Phänomene wie Bewegung, Licht, Raum und Zeit sowie deren Strukturen werden untersucht und so das Sehen an sich thematisiert. Die Einführung des Zufalls als ästhetische Kategorie sowie die Durchdringung von Produktions- und Rezeptionsprozessen haben die Entmystifizierung des kreativen Prozesses zum Ziel.

Von Graevenitz gehört der jüngeren Generation von konstruktiv-konkreten Künstlern an, die die kinetische Kunst entwickelt. 1962 ist er in Paris Gründungsmitglied der internationalen Gruppe »Nouvelle Tendance« (N.T.) (1962), die ab 1963 mit dem Zusatz »recherches continuelles« (N.T.C.R.) ihr Interesse an Prozessen betont, und deren Kunst ab 1965, nach einer Ausstellung in den USA, als Op Art bezeichnet wird. Mit seinen seit 1964 entstehenden Arbeiten, die er als »Spielobjekte« bezeichnet, grenzt er sich mit der Betonung der aktiven Publikumsbeteiligung und dessen individueller ästhetischer Erfahrung deutlich von älteren Künstlern wie Max Bill ab, der seine Kunst ganz im Sinne der Moderne als Modell einer universellen Wahrheit und ihrer Variationen verstanden hat. Von Graevenitz versteht kinetische Kunst immer sowohl als Wahrnehmungsforschung als auch als »geistiges Spiel«. Bei den »Spielobjekten« muss der Rezipient – anders als bei den elektrisch gesteuerten kinetischen Objekten – die zur Bewegung der »Spielobjekte« benötigte Energie selbst aufbringen. So kann man beim Zweiseitigen Spielobjekt mit farbigen Scheiben (1964) kleine Scheiben auf einer größeren Trägerscheibe bewegen, die mittels einer dezentrischen Achse verbunden sind. Die Beziehungskonstellationen und die Bewegungen sind unvorhersehbar. Es gibt eine zeitliche Diskrepanz zwischen der Herstellung des Objektes durch den Künstler und dem Erstellen des (temporären) Bildes durch den Rezipienten. Daneben entstehen bis 1972 zahlreiche kinetische Lichtobjekte (Farbiges Lichtobjekt, 1964) sowie die große Installation Licht-Kinetische Wand (1966, 300 × 700 cm), die auf der Sonderausstellung der 35. Biennale in Venedig (1970) gezeigt wird.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist von Graevenitz von Anfang an als Kunstvermittler, Dozent und Organisator aktiv. Nach Gastdozenturen an den Kunsthochschulen in Hamburg, Braunschweig und Kassel nimmt er 1970 eine Dozentur in München an, bezeichnenderweise aber an der Hochschule für Film und Fernsehen. Im selben Jahr zieht er wegen des liberalen künstlerischen Klimas nach Amsterdam. Seine Aktivitäten werden umfangreicher und erregen internationale Aufmerksamkeit. Er ist Mitbegründer des »Internationalen Künstlergremium« (IKG) (1976), das sich bei vielen Themen mit der gesellschaftlichen Verantwortung des Künstlers auseindersetzt. In Zeitschriften erscheinen seine theoretischen Texte, zusammen mit anderen Kommissaren kuratiert er den niederländischen Pavillon auf der 38. Biennale von Venedig (1978), deren Generalthema »Von der Natur zur Kunst, von der Kunst zur Natur« auf seinen Vorschlag zurückgeht. Für den British Art Council kuratiert er die vielbeachtete Ausstellung »pier+ ocean: reflections on constructions in the art of the 70s« mit Arbeiten von 55 Künstlern (London, Otterlo 1979). Ab 1979 nimmt er als Vorstandsmitglied Einfluß auf die Arbeit der Stiftung de Appel in Amsterdam.

Seit 1960 hat er Einzel- und Gruppenausstellungen in Galerien und Museen im In- und Ausland, auf der Documenta IV (1968) ist er mit drei Objekten vertreten. Seine erste Auftragsarbeit für den öffentlichen Raum entsteht für die Eingangshalle im Gemeentemuseum in Den Haag (Kinetische Wand – 16 Blöcke, weiß auf Weiß,1967, 400 × 400 cm).

Im Alter von 49 Jahren stirbt Gerhard von Graevenitz bei einem Flugzeugunglück in der Schweiz.

Literaturauswahl

Berswordt-Wallrabe, K.v.: Gerhard von Graevenitz. Ostfildern 1984

Gerhard von Graevenitz: Ausst.-Kat. Otterlo 1984

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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