Gerhard Richter

Richters forschende und experimentelle Auseinandersetzung gilt gleichermaßen dem Blick auf die Wirklichkeit wie deren fotografischer Erfassung, der gespiegelten und malerisch inszenierten Realität.

Gerhard Richter wird 1932 in Dresden geboren, wächst in Reichenau (heute Bogatynia) und Waltersdorf in der Oberlausitz auf. 1948 beendet er die Handelsschule in Zittau mit der Mittleren Reife und arbeitet als Bühnenmalergehilfe, in einem Betrieb für Spruchband-Produktion, schließlich als Plakatmaler. 1951 nimmt er das Studium der Wandmalerei an der Dresdner Kunstakademie auf, an der erste, auch freie Gemälde, Porträts, Landschaften, Stilleben (Stilleben mit Schädel, Lauch und Krug, 1955) und Zeichnungen, vor allem aber Wandgemälde in vorgegebener sozialistisch-realistischer Manier (Lebensfreude, 1956, Deutsches Hygienmuseum) entstehen. Nach vorherigen Reisen in Deutschland, u.a. zur Documenta II oder nach Paris flieht Richter 1961 über Berlin nach Westdeutschland. Nur wenige der zurückgelassenen Bilder bleiben erhalten. In Düsseldorf setzt Richter sein Studium an der Kunstakademie zunächst bei Ferdinand Macketanz, dann bei K.O. Götz fort. Dort lernt er die Mitstudenten Sigmar Polke, Blinky Palermo und Konrad Lueg kennen, kann sich mit aktuellen Ausstellungen vertraut machen, die die Kunst des Informel, Tachismus, aber auch Fluxus, die Nouveau Réalistes oder ZERO zeigen. Nach dem Studium und im Anschluss an die Arbeit als Kunsterzieher und Gastdozent der Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg erhält Richter 1971 eine Professur für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf, die er bis 1993 innehat.

Die frühen, an der Akademie entstandenen Arbeiten im Umfeld tachistischer Tendenzen zerstört Richter nach eigenen Angaben im Innenhof der Düsseldorfer Kunstakademie. Zunächst das ab 1961 entstehende Fotoalbum, dann der ab 1969 entstehende Atlas – Richters chronologisches Quellenarchiv und persönlicher Bildfundus von Entwürfen, Farbstudien, Landschaften, Portraits, Stillleben, historischen Stoffen und Collagen, der bis heute zu einer riesigen Foto- und Materialsammlung angewachsen ist (Ausst.-Kat. München, 1997) – dokumentieren ein neues System, das Richters Malerei zugrundeliegt. Ab 1962 führt Richter ein chronologisches Verzeichnis der jetzt auf der Basis von Fotovorlagen entstehenden Werke, dessen vermeintlich erste Nummer die Arbeit Tisch aus dem gleichen Jahr bezeichnet. Oft sind es Gegenstände des alltäglichen Lebens, Möbelstücke oder Dekorationsgegenstände, aber auch Porträts, Gruppenbilder, Stilleben, Landschaften, Meeresbilder (Faltbarer Trockner, 1962; Rokokotisch, 1964), die sich in seinen grauen Fotobildern auf das Medium der Fotografie zurückbeziehen. Zunächst gelten noch dem Bildträger, den Richter wie in dem fotobasierten Bild Party (1962) durch gezielte Schnitte verletzt und wieder näht, die Versuche einer veränderten Bildfindung. Dann konzentriert sich Richter auf das Bild selbst, für das er Fotomaterial aus Massenmedien und Famlienalbum als Vorlage nutzt, um die Fotografie, so der Künstler, »nicht als Mittel für eine Malerei [zu] benutzen, sondern die Malerei als Mittel für das Foto [zu] verwenden« (Richter 1972) und sie in der Malerei neu zu entwickeln. Das gesammelte Fotomaterial malt Richter zunächst partiell ab. Dann entstehen bildumfassende unscharf wirkende Vermalungen auch in mehreren Fassungen, die den Blick gleichermaßen auf das Motiv wie die Entstehung und das Vermögen der Malerei lenken. Zwar weisen die Bilder eine erkennbare Verbindung zur Fotovorlage auf, doch wird diese ebenso konterkariert und in einem auch größenbedingt, in Farbe und Ausschnitt völlig veränderten – weder fotorealistischen noch illusionistischen – Bild aufgenommen. Ein weiterer Schritt vollzieht sich mit den seit 1965 entstehenden, grauen Vorhang-Bildern (z.B.Vorhang IV, 1965), die nun ganz ohne Fotovorlage entstehen. Mit ihrem malerisch gefassten Faltenwurf und dem vertikalen Wechsel heller und dunkler Faltenpartien rücken sie der Op-Art näher und rücken Fragen der Wahrnehmung in den Vordergrund.

Richters Bilder werden Anfang der 60er Jahre oft im Rahmen kooperativer künstlerischer Aktionen und Ausstellungen mit Polke, Lueg und Kuttner in Geschäften oder leeren Ladenlokalen (Demonstrative Ausstellung, Düsseldorf 1963) gezeigt, die ebenso performancehafte Züge tragen wie vom Wunsch nach künstlerischer Neuausrichtung in der Zeit von Fluxus und Happening zeugen. Die erste Hälfte der 1960er Jahre ist von der Auseinandersetzung mit der Kunst der Zeit, der kunstpolitischen Situation in Westdeutschland (Leben mit Pop, Möbelhaus Berges, Düsseldorf 1963) gezeichnet, die ebenso unter dem selbstgewählten Begriff »Kapitalistischer Realismus« ein Motto wie mit der Selbstbenennung als »deutsche Pop Künstler« einen Namen findet.

1966 entstehen Richters ersten Farbtafeln – eine Werkgruppe, die mit 26 Bildern die größte Werkanzahl stellt und einen anderen Aspekt der Malerei aufgreift. Die zunächst zu sechs Farbblöcken oder auch neun und mehr Farbquadraten angeordneten Gruppen zeigen gleichmäßig monochrome Farbfelder, die – ebenso wie die Abmalungen und Vermalungen – von Richters grundlegender, systematischer Auseinandersetzung mit Malerei und Farbe gezeichnet sind. Sie beziehen sich ebenfalls auf spezielles Vorlagenmaterial zurück, zuerst handelsübliche Lackmusterkarten, die Richter in vergrößertem Format und jenseits künstlerischer Farb- bzw. Kompositionstheorie abmalt. In den 70er Jahren wird die Anzahl der willkürlich angeordneten Farbfelder in arithmetrischer Progression von vier bis sechzehn bis zu 4096 Farben (z.B. 256 Farben, 1974) erweitert, vor allem aber das System von der Vorlage der Musterkarten gelöst. Es basiert nun auf einem mathematischen Modell, nachdem die drei Primärfarben, ab 1973/74 zusätzlich auch Grau und Grün in festgelegten Mischungsverhältnissen verwendet werden, wodurch sich ein enormes Spektrum an Variationsmöglichkeiten ergibt. Richter verändert nun auch den Malprozess seiner »künstlich naturalistischen« Bilder, indem er bewusst einen Assistenten an der Arbeit beteiligt.

Die 1971 gemeinsam mit Blinky Palermo entwickelten Zwei Skulpturen für einen Raum von Palermo – Gipsabgüsse der Köpfe Palermos und Richters – bleiben singuläre skulpturale Erscheinungen. Richter wechselt zwischen den verschiedenen Bildtypen. Weiterhin entstehen fotobasierte, auf Pornofotos, Stadtansichten, Gebirgslandschaften, Wolkenformationen aufgebaute Gemälde, die bisweilen auch mit bildstörenden Furchen versehen sind. In den 70er Jahren entstehen auch auf vergrößerte Fotografien gestützte Pinselstrich- bzw. Farbschlieren-Bilder (Vermalung grau oder Rot-Blau-Gelb, beide 1972), die in den farbigen Varianten das Prinzip der Farbtafeln fortführen, nun aber mit der Textur des Bildes die Malerei selbst zum Gegenstand machen. Mit dem fünfteiligen Zyklus 18. Oktober 1977 aus dem Jahr 1988, der sich der Baader-Meinhof-Gruppe und damit ebenso wie Richters Onkel Rudi (1965) oder die auf der Documenta 5 ausgestellten Portraits (1971/72) der Gattung der Historienmalerei zuwendet, entstehen die letzten Arbeiten der grauen Fotovermalungen.
Seit Ende der 1970er Jahre oszilliert Richters Werk zwischen farbigen Vermalungen und Abstraktion, zwischen Porträts und Landschaften, den Spiegel-Objekten und jener Reihe der Abstrakten Bilder, mit denen er den malerischen Vorgang, die optische Wirkung von Flächen, Schlieren, Schichtungen auch mittels malerischer Collagetechniken in den Vordergrund rückt (Abstraktes Bild, 1976; Abstraktes Bild, 1999). Richters forschende und experimentelle Auseinandersetzung gilt gleichermaßen dem Blick auf die Wirklichkeit wie deren fotografischer Erfassung, der gespiegelten und malerisch inszenierten Realität.

Richters Arbeiten werden seit den 60er Jahren vielfach ausgestellt. Nach den frühen eigeninitiierten Ausstellungen, zeigt ertsmalig die Galerie Schmela Werke im Rahmen einer Einzelausstellung. Mit der Werkgruppe 48 Portraits nimmt Richter 1972 an der Biennale von Venedig teil. 1984 ist er auf der Ausstellung »Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst« in Düsseldorf, 1997 mit seinem Atlas auf der Documenta vertreten. 1993/1994 wird ihm eine Retrospektive mit Stationen in Paris, Bonn, Stockholm und Madrid, 2002 anlässlich seines 70. Geburtstags eine Retrospektive im Museum of Modern Art, New York gewidmet. 2004 werden die Gerhard-Richter-Räume im Dresdner Albertinum eröffnet, in dem 41 Werke dauerhaft ausgestellt sind. 2005 wird Richter u.a. in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW und im Münchner Lenbachhaus eine umfangreiche Einzelschau gewidmet.

Gerhard Richter lebt und arbeitet seit 1983 in Köln.

Literaturauswahl

Friedel, H.; Storr, R.: Gerhard Richter. Rot-Gelb-Blau, München 2007

Gerhard Richter, Malerei: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, hg. v. R. Storr, Ostfildern-Ruit 2002

Gerhard Richter – Landschaften: Ausst.-Kat. Sprengel Museum Hannover, hg. v. D. Elger, Ostfildern-Ruit 1998

Hemken, K.-U.: Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Frankfurt/M. 1998

Gerhard Richter, Atlas der Fotos, Collagen und Skizzen: Ausst.-Kat. Städtischen Galerie im Lenbachhaus, hg. v. H. Friedel, U. Wilmes, Köln 1997

Harten, J. (Hg.): Gerhard Richter. Bilder 1962 — 1985. Mit dem Werkverzeichnis von Dietmar Elger 1962 — 1985, Köln 1986

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