Gereon Krebber

»Auf diese Ambivalenz zielen meine Arbeiten: Präsent und dennoch abwesend, Objekt und doch Figur, alltägliches Material und dennoch ungewohnt, gerade aber leicht geneigt, banal wie entrückt – das Auge kippt zwischen Gegensätzen. Irritierend, mehrdeutig wie sinnlich unmittelbar, witzig, melancholisch wie aggressiv, komisch wie schwermütig: Es entsteht ein prekärer Moment, ein Bedeutungsraum, der zu erfühlen und zu füllen ist.« (zit. n.: G. Krebber, 2001, www.gereonkrebber.net/texte (2011)).

Gereon Krebber wird 1973 in Oberhausen geboren und wächst in Bottrop auf. 1993 — 94 nimmt er zunächst am Studium Generale des Leibniz-Kollegs in Tübingen teil, um 1994 sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie – zunächst bei Luise Kimme, dann in den Klassen von Tony Cragg und Hubert Kiecol – aufzunehmen. Im Jahr 2000 wechselt er an das Royal College of Art in London und schließt dort sein Studium der Fine Art and Sculpture ab.
Verschiedene Preise, so u.a. städtische Kunstpreise (1999, 2002), der Jerwood Sculpture Preis (2003), der Kunstpreis Junger Westen (2007), der Förderpreis des Landes NRW honorieren die Arbeit Krebbers. 2010 erhält er das Lehmbruck-Stipendium.

In Krebbers frühen Arbeiten der ausgehenden 1990er Jahre wird bereits das Interesse am Ausgangsmaterial der Skulpturen, an alltäglichen Gegenständen, Banalem, Körperlichem wie Pflanzlichem, Organischem wie Technoidem und ihren möglichen Synthesen, aber auch an einfachen, teils geometrischen Formen ebenso erkennbar wie seine Auseinandersetzung mit Material und Farbe. Verfremdende Oberflächen- und Farbeffekte stehen bei kleineren pigmentgefassten Objekten wie Pilze oder Hose (beide 1997), die zwischen der Farbpalette Ruprecht Geigers und SciFi-artigem Aluminiumglanz angesiedelt scheinen, im Vordergrund.

Mit Skulpturen wie Gas oder Helm (beide 1998) wendet er sich größeren, technoid-organisch anmutenden Zwitterformen und skulpturalen Übergängen zu. Im formbaren Material des Tons realisiert und freistehend im Außenraum platziert, zeugen sie von der Auseinandersetzung mit grundlegenden skulpturalen Fragen von Form und Volumen, Masse und Raum. Dass gerade diese Skulpturen, aber auch benannte technische Bauelemente Krebbers Ausgangspunkte für die skulpturale Lösung von Rahmen- und Binnenstrukturen, Oberflächen und Körpern abgeben, dokumentiert beispielsweise die ebenfalls tönerne Bodenplastik Turbine von 2000, die gegensätzliche Formen konfrontiert und dabei auch Blicke in das Innere der Hohlform preisgibt.
Neben diesen großformatigen Skulpturen werden in Arbeiten wie Haken (1999, Polyester), aber auch Landschaft mit Birne und leicht schiefer Röhre (1999, Wachs) Aspekte der Objekt-, bzw. Skulptur-Raum-Beziehung wesentlich, indem sich mal durch überdimensionierte, farbig gefasste Gebrauchsgegenstände Raumdimensionen verschieben, mal Landschafts-Stillleben in Miniaturformat und Naturmaterial befremdende Aus- und Aufsichten im Innenraum ermöglichen.

In den 2000er Jahren richtet sich Krebbers Interesse mit vornehmlich großen Skulpturen, aber beispielsweise auch einem filigranen Mobile aus kleinen, farbigen Autospachtelteilen (Köder, 2001) stärker auf die Oberfläche und Materialität und das Verhältnis von Objekt zum umgebenden Raum. Außergewöhnliche, eher »skulpturferne« Materialien aus alltäglichen Anwendungsbereichen um Bau, Haushalt oder auch Zerealien überspannen oder überdecken nun anschmiegsam geschnittene oder geformte Trägermaterialien wie Holzplatten, Styropor, Gips, Pappmaché oder auch Luftballons. Nur scheinbar lässt sich über das zunächst dicht erscheinende Oberflächenmaterial die Konsistenz einer darunter liegenden Masse ablesen. Die übergroßen und doch handschmeichlerisch anmutenden Formgebilde, die beispielsweise vollständig mit dem Alltagsmaterial halbtransparenter, laminierter Frischhaltefolie umspannt sind, mit ihrer glatten oder schrundigen Außenhaut und ihrer insgesamt ambivalenten, oft immateriellen Erscheinung (Bassdrum, 2001; Screen und Intake, 2002) lassen uns tatsächlich im Unklaren über ihre Materialität. »Auf diese Ambivalenz zielen meine Arbeiten: Präsent und dennoch abwesend, Objekt und doch Figur, alltägliches Material und dennoch ungewohnt, gerade aber leicht geneigt, banal wie entrückt – das Auge kippt zwischen Gegensätzen. Irritierend, mehrdeutig wie sinnlich unmittelbar, witzig, melancholisch wie aggressiv, komisch wie schwermütig: Es entsteht ein prekärer Moment, ein Bedeutungsraum, der zu erfühlen und zu füllen ist.« (zit. n.: G. Krebber, 2001, www.gereonkrebber.net/texte (2011).

Auch die sich scheinbar weich aus Nischen oder Raumöffnungen ergießenden Haferflocken-Massen der blops (2002) scheinen wiederum ganz aus dem an der Oberfläche ablesbaren Material zu bestehen, das hier zudem an ungewohntem Ort eingesetzt wird. Die biomorphen Plastiken, die aus uneinsehbaren Lüftungsschächten herauszufließen scheinen, sich scheinbar lebendig und selbständig ausdehnen oder auch mit (Elefanten-) rüsselartigen Elementen die Sachlichkeit funktionaler Innenarchitektur konterkarieren, verändern die Raumstrukturen und verschieben das Verhältnis von Innen und Außen (vgl. S. Craddock, G. Krebber, in: Ausst.-Kat. Kunsthalle Wilhelmshaven 2007). Sie erweisen sich überdies als ironische Kommentare zu den räumlichen Gegebenheiten in nüchternen Büros oder Treppenhäusern, aber auch zu deren Nutzungszusammenhängen (vgl. M. Wellmann, in: Kunstforum 206 (2011), 74).

Andere Akzente setzen die raumbezogenen, auch intensivfarbigen Formgebilde oder Bodenplastiken, die sich unmittelbar auf signifikante Raumsegmente oder Stützelemente beziehen und neue Blickachsen und Objekt-Raum-Relationen herstellen: beispielsweise der große ungleichmäßige, gegen eine Wand gelehnte Ring aus Aluminium, der ebenso 2003 entstand wie die folienüberspannte Arbeit Sheet, die als eine Art reflektierende Barriere oder als vorhangartiger Raumteiler fungiert, die vertikalen Stock-Strukturen mit Folienüberzug (Stöcke), die veränderte Rauman- und einsichten evozieren oder auch die Wachs-Styropor-Skulptur Kiefer, die ihren Umgebungsraum nahezu vollständig einnimmt und körperliche wie räumliche Größenverhältnisse verfremdet.

Auch die oft durchgefärbten vollplastischen Arbeiten aus Fiberglas, Gelatine, Wachs oder Gummi, die ab 2003 entstehen, markieren architektonische Schlüsselorte (Fladen, 2003), füllen räumliche Leerstellen oder eng begrenzte Räume (Jelly Beam, 2005) oder kommentieren diese. Mit ihren teils hochglänzenden Oberflächen tragen sie zugleich zu grundlegenden Veränderungen der Lichtsituation bei. Ihren engen Architektur- wie Raumbezug stellen sie auch durch ihre Positionierung im Innenraum unter Beweis. So geben sich hier das Hängen (Gummiberge, 2007), Liegen, Ragen, Umfassen (Vymbo, 2008), Ausbreiten oder Ausfüllen, das Stehen bzw. Angelehnt-Sein (Whenwherewhywhat, 2007) als wesentliche Eigenschaften der räumlichen Verortung zu erkennen, wenngleich die organisch, kristallin, gewebeartig anmutenden Formen und Materialien ambivalent und uneindeutig bleiben, wie dies u.a. die biomorphe Stele Die Bohne (2009) im Innenraum des Biozentrums der Universität Köln, die Hängeskulptur Telda (2010) oder auch Krebbers Projekt Azurkomplex – eine gletscherblaue Wand, eine Art halbmassiver »Vorhang« in fremdartig anmutendem Material, die jüngst für die Straßengalerie des Duisburger Lehmbruck Museums realisiert wurde – zeigen.

Seit Beginn der 2000er Jahre werden Krebbers Arbeiten in thematischen Ausstellungen um Raumphänomene, Materialität, Licht und Form gezeigt. Einzelausstellungen widmen sich seinen Werken u.a. 2005 im Josef-Albers-Museum Quadrat in Bottrop; 2006 im Kunstverein Mönchengladbach und der Royal Academy, London; 2007 in der Fuhrwerkswaage Kunstraum Köln; 2008 in der Kunsthalle Bremerhaven, der Pawnshop Gallery in Los Angeles und im Kunstmuseum Stuttgart und 2010 im Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg.

Krebber lebt und arbeitet in Köln und London.

Literaturauswahl

Gereon Krebber. Sorrysorrysosorry: Ausst.-Kat. Museum Goch u.a.O., hg. v. St. Mann, Bielefeld 2009

Frischzelle 08. Gereon Krebber. Ausst.-Kat. Kunstmuseum Stuttgart, hg. v. M. Ackermann, Stuttgart 2008

Gereon Krebber. All that is solid melts into air: Ausst.-Kat. Kunsthalle Wilhelmshaven, hg. v. V. Weigel, Bielefeld 2007

 

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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