Gerard Deschamps

Er ist, neben der historischen Quilt- und Patchworktechnik, der erste Künstler, der soft sculptures aus Stoffen erarbeitet. Die Struktur, Farbe und Form des Textilfundus, der ja immer zugleich auf die ehemaligen Träger der Kleidungsstücke verweist bis zu deren intimster Leibwäsche, bestimmen Deschamps’ künstlerisch interpretierende Arbeit.

Gérard Deschamps wird 1937 in Lyon geboren und verbringt dort seine Kindheit. 1944 kommt es zur Übersiedelung nach Paris. Deschamps wendet sich als künstlerischer Autodidakt zunächst der Malerei zu, experimentiert aber bereits seit 1956 mit Stoffcollagen besonders mit Chiffon. Altkleidersammlungen sind sein Fundus. Warum er das Material Stoff wählt, erklärt er folgendermaßen: besonders die reichen Dekore orientalischer Stoffdrucke faszinieren ihn, er ist begeistert vom Gewand der Nike von Samothrake im Louvre und er gibt zu, aus seiner aktuellen, finanziellen Knappheit sich dem Altkleiderfundus zu nutze gemacht zu haben. Seine Collagen und Assemblagen sind im wörtlichen Sinne aus Kunst-Stoffen.

Im November 1957 muss Deschamps für 27 Monate am Algerienkrieg teilnehmen. 1960 befreit, kehrt er nach Paris zurück, vermittelt durch seine Künstlerfreunde Raymond Hains und Jacques Villeglé schließt er sich 1961 der Gruppe der Nouveaux Réalistes an. Diese Pariser Neuen Realisten hatten sich im Jahr zuvor in der Wohnung von Yves Klein um Pierre Restenay gegründet und setzen Gebrauchtes, triviale Alltagsgegenstände, Konsumgüter oder Zivilisationsabfall vornehmlich durch Akkumulieren in einen konsumkritischen Zusammenhang, der seinen Ausgangspunkt in Marcel Duchamps Ready mades hat. Die Verwendung von Stoffen, wie sie Deschamps inszeniert, hatte bis dahin kein Gruppenmitglied Aufmerksamkeit geschenkt. So ist Gerard Deschamps, neben der historischen Quilt- und Patchworktechnik, der erste Künstler, der soft sculptures aus Stoffen erarbeitet, die dann ab 1963 besonders das Werk von Claes Oldenburg mit dem Material Kappok bestimmen werden. Die Assemblagen und Akkumulationen der Gruppenmitglieder César und Arman stehen stilistisch den Arbeiten von Deschamps am nächsten.

Deschamps, der sich als »enfant prodige du nouveau réalisme« benennt, bevorzugt bald weibliche Dessous in seinen Assemblagen und erzielt so, ähnlich wie Arman mit seinen ausrangierten, akkumulierten High-Heels, eine Art erotischen Fetischcharakter seiner Dessous-Skulpturen. Der Künstler selbst nennt seine Arbeiten collages et plissages. Die Struktur, Farbe und Form des Textilfundus, der ja immer zugleich auf die ehemaligen Träger der Kleidungsstücke verweist bis zu deren intimster Leibwäsche, bestimmen Deschamps’ künstlerisch interpretierende Arbeit. Raffungen, Applikationen von Spitzen und Bändern oder Durchsichtiges inszeniert er in ihrer konfektionierten Raffinesse. Heute eröffnet das Foto eines schwarzen Hüftgürtels, gefüttert mit pinkfarbenem Satin Deschamps’ offensichtliche Homepage an Rose Sélavy alias Marcel Duchamp, eine Arbeit unter dem Titel Le Rose de la vie.

Raymond Hains äußert sich rückblickend über die Gruppe der neuen Realisten folgendermaßen: »Der Nouveau Réalisme ist eine Art Bruderschaft. Ein Zusammenschluss kleiner Cäsaren, die sich die Welt teilen, so wie man einen Kuchen unter sich aufteilt. Yves Klein nimmt das Blau, César die zum Block gepressten Autos, Arman die Mülleimer…« und Deschamps eben die Altkleider und Dessous.
Neben Patchwork, Arbeiten u.a. mit der amerikanischen Nationalflagge, interessiert sich Deschamps Mitte der 1960er Jahre besonders für industriell gefertigte in Japan hergestellte Kleiderware, die als erste billige Massenimporte aus einem ostasiatischen Land nach Europa und in die damalige Weltmetropole der Haute Couture gelangt. Provokant und plakativ nutzt er deren schrille Farbigkeit, die geringe Wertigkeit der Kunstfasern und die schlampigen Nahtstrukturen dieser Kleidungsstücke. Deschamps setzt sich mit solchen Inszenierungen der Trash-Massenware konkret in den Gegensatz zur stilbestimmenden Pariser Haute Couture. Der bewusste Affront gilt der Pariser Modeszene, die sich in diesen Jahren der wirtschaftlichen Stabilisierung, mit einer internationalen Hautevolée als Kundschaft selbstherrlich feiert. Also auch bei Deschamps wie bei seinen Künstlerkollegen des Neuen Realismus zeigt sich eine bewusste Haltung der Kultur- und Konsumkritik. Bei ihm allerdings oft augenzwinkernd und mit einem erotischen Humor, der dem von Felicién Rops ähnelt.

1970 kehrt Deschamps abrupt Paris den Rücken, wendet sich von den Nouveaux Réalistes ab und zieht sich ins Berry nach La Châtre ins Haus seiner Großeltern zurück. Er experimentiert in dieser Zeit mit Uniformen, wendet sich dem Werkstoff Metall zu und assembliert von Duschvorhängen über Ballons schließlich auch Skateboards und mutiert so zeitgemäß zum Pop-Art-Künstler. Seine jüngsten Arbeiten, die pneumatics, die er 2005 erstmals ausstellt, sind durch Luftdruck bewegt. 2003 ehrt eine Retrospektive Deschamps Gesamtwerk seit 1956.

Gérard Deschamps lebt und arbeitet in La Châtre und unterhält ein Atelier in Paris.

Literaturauswahl

Boyer de Latour, P.: Gérard Deschamps, Pneumostructures, in: Art magazine, 9/ 2008

Gérard Deschamps: Ausst.-Kat. Château d’Arts, La Châtre 2005

Gérard Deschamps. Rétrospective 1956 — 2003: Ausst.-Kat. Musée de l’Hospice Saint-Roche, Issoudun, hg. v. S. Cazé u. P. Moreau, Issoudun 2003

Gérard Deschamps: Ausst.-Kat. Galleria Peccolo, hg. v. S. Ricaldone, Livorno, 2002

Francblin, C.: Les nouveaux réalistes, Paris 1997

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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