Georges Mathieu

Die Dynamik des Entstehens ist in Mathieus Kompositionen durch verwirbelte Farbrelieflinien, Farbtropfspuren, spiralförmige Kratz- und Farbfolgen und den, wie explodierenden Farb- und Formbündeln anschaulich anwesend. Mathieu verstärkt diesen Geschwindigkeits- und Bewegungsaspekt in seinen Figurationen durch die Wahl extremer Formate und den meist wie sphärisch tonal variierten, Raum suggerierenden Auftrag des monochromen Bildgrundes.

Georges Mathieu wird am 27. Januar 1921 in Boulogne-sur-Mer geboren. Er studiert zunächst Jura, Philosophie und Philologie. Mit 21 Jahren, im Jahr 1942, wendet er sich der Malerei zu. Als Autodidakt findet er 1944 Zugang zur abstrakten Malerei auf der Basis des Pariser Informel, von Wols und Hartung und der von den Surrealisten postulierten »ecriture automatique«. Auch scheint er beeinflusst durch den Existenzialismus und zeitgenössischer Literaten wie Alain Robbe-Grillet.

Mathieu bezieht sich, gestärkt durch seine philosophischen und philologischen Vorkenntnisse mit seiner abstrakten, gestischen Figuration auf japanische Kalligraphie. 1947 übersiedelt er nach Paris, hat dort zusammen mit Camille Bryen seine erste Ausstellung (»Non-Figuration psychique«) und ist sowohl im »Salon des Réalités Nouvelles« als auch im »Salon des Surindépendants« mit Arbeiten vertreten. Die wieder gewonnene Internationalität der Nachkriegszeit nutzend, organisiert Mathieu 1947 in der Galerie Montparnasse eine Ausstellung, die auch aktuelle künstlerische Positionen abstrakter Malerei der ersten und zweiten Künstlergeneration jenseits Europas – de Kooning, Hartung, Gorky, Pollock, Wols, Rothko und Tobey – nebeneinander zeigt. Vor allem der, der Geste innewohnende, Zeitaspekt des Action-Paintings von Jackson Pollock beeinflusst Mathieu.

1950 findet Mathieus erste Einzelausstellung in der Galerie Drouin in Paris statt. In New York ist er 1952 erstmals in den USA vertreten. Am 23. Mai 1956 tritt er in Paris im Théâtre Sarah Bernard mit einer zeitgebundenen Malaktion vor Publikum auf. Mit der zeitlichen Begrenzung des Malaktes auf 20 Minuten entwickelt Mathieu in der »Nuit de la Poésie« eine konkrete Strategie, um kompositorische und ästhetische Selbstreflexion auf den ersten malerischen Gestus zu vermeiden. Das Farb- und Formgefüge statuiert er im Hier und Jetzt. Die zeit-, raum- und gestengebundene, schnell entstandene Form erstellt eine Art physisch-psychisch existenzielle Kalligraphie. »Ich glaube, dass Schnelligkeit des Schöpfungsaktes eine der wichtigsten Voraussetzungen meiner Malerei ist. Auf jeden Fall bin ich der erste Maler, der den Begriff der Schnelligkeit in der Malerei des Abendlandes einführte. Ich bin überzeugt, allein die Schnelligkeit des Handelns macht es möglich, das, was aus den Tiefen des Wesens aufsteigt, zu erfassen und auszudrücken, ohne dass sein spontaner Ausbruch durch rationelle Überlegungen und Intervention zurückgehalten und geändert wird.« (Mathieu, zit. n. Das Kunstwerk, April 1959).

Die Dynamik des Entstehens ist in Mathieus Kompositionen durch verwirbelte Farbrelieflinien, Farbtropfspuren, spiralförmige Kratz- und Farbfolgen und den, wie explodierenden Farb- und Formbündeln anschaulich anwesend. Mathieu verstärkt diesen Geschwindigkeits- und Bewegungsaspekt in seinen Figurationen durch die Wahl extremer Formate und den meist wie sphärisch tonal variierten, Raum suggerierenden Auftrag des monochromen Bildgrundes. Auf seine erste Malaktion in Paris folgt 1957 bei der Eröffnung seiner Ausstellung in Tokio die zweite, als Happening aufzufassende Aktion vor Publikum. Exakt eine Stunde vor der Eröffnung bemalt Mathieu eine 15 Meter lange Leinwandfläche. Zentrales Thema ist hier die künstlerische, gestische Aktion innerhalb zeitlicher und flächiger Grenzen, dieser konzeptuelle Aktionismus ist dem Tachismus zu zuordnen. Tachismus heißt für Mathieu lyrische Abstraktion (Wols) verknüpft mit Aktionsmalerei (Jackson Pollock) und verbunden mit dem Japonismus zweiter Generation (der sich auf die Vorläufer van Gogh und Gauguin zurück bezieht).
Wie 1963 mit dem Aufsatz »Au delà du tachisme« bezieht Mathieu immer wieder kunsttheoretisch Stellung, zuletzt mit der 1998 erschienenen Schrift »Désormais seul en face de Dieu«. Auch der Gattung der Wandmalerei wendet er sich zu: 1956 entstehen seine ersten vier Fresken zum Leben des Propheten Elias für das Studienzentrum der Karmeliten in Paris. Anfang der 1980er Jahre entstehen auch monumentale Skulpturen und Vorlagen für Gobelins.

1950 und 1952 sind Mathieus Bilder in Ausstellungen in Paris und New York zu sehen. 1959 ist er auf der Documenta II in Kassel vertreten. Eine große Retrospektive zum malerischen Werk von Georges Mathieu findet 2002 im Pariser Jeu de Paume statt.

Georges Mathieu lebt in Paris.

Literaturauswahl

Wien – Paris: van Gogh, Cézanne und Österreichs Moderne, Ausst.-Kat. Wien, hg. v. A. Husslein-Arco, Wien 2007

Wedewer, R.: Die Malerei des Informel: Weltverlust und ICH-Behauptung, München 2007

Rescalat, Y. (Hg.): Mathieu. 50 ans de Création, Paris 2003

Mathieu a Versailles: Ausst.-Kat. Versailles 2006

Georges Mathieu: Ausst.-Kat. Jeu de Paume, Paris 2002

Grainville, P.; Xuriguera, G.: Georges Mathieu, Paris 1993

Mathey, F.: Georges Mathieu, Paris 1989

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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