George Rickey

Er nutzt das Schwingen, Kreisen, Pendeln und Vibrieren, um seine Skulpturen aus Stahlplatten und -stäben in alle Richtungen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten durch den Raum bewegen zu lassen. Rickey verfolgt mit seinen feinmechanisch ausgeloteten und kalkuliert zusammen gesetzten Arbeiten stets das gleiche Ziel: Bewegung ausdrucksvoll zu machen und den Ablauf der Bewegungszeit darzustellen.

George Rickey, 1907 in South Bend, Indiana, geboren und in Schottland aufgewachsen, studiert ab 1926 in Oxford und in Paris und unterrichtet zunächst Geschichte und später Kunstgeschichte. Von jeher interessiert an Technik und Zeichnung, verbringt er seinen Militärdienst 1942 — 45 in der Konstruktionsabteilung des US Air Corps und findet hier zur künstlerischen Praxis. Seine kinetischen Arbeiten und die theoretischen Auseinandersetzung über die Gesetzmäßigkeiten von Bewegung lassen sich als Ergebnis des Werdegangs vom Theoretiker, Vermittler und Ingenieur zum Künstler begreifen.
»Wie der Maler mit Farben und Flächen umgeht, so arbeitet der kinetische Künstler mit Bewegungen, die an gewisse Zeitspannen gebunden sind. Überaschenderweise sind die zu Gebot stehenden Bewegungsarten recht einfach und klein an Zahl. (…) Aber das bescheidene Spektrum reicht aus, um daraus Meisterwerke entstehen zu lassen.« (Rickey 1962, zit. n. W. Schmied (Hg.), 1973, 13). Rickey nutzt das Schwingen, Kreisen, Pendeln und Vibrieren, um seine Skulpturen aus Stahlplatten und -stäben in alle Richtungen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten durch den Raum bewegen zu lassen.

Angeregt von Alexander Calder, beginnt George Rickey 1945 mit Mobiles zu arbeiten, legt jedoch einen stärkeren Schwerpunkt auf die Konstruktion. Nicht die Komposition an sich interessiert ihn, sondern zunehmend das Denken in analytischen Systemen, womit er näher an die Vorstellungen seines Lehrers und Freundes Naum Gabo herankommt, der von Skulptur als konstruktivem und dynamischem Gebilde im Raum. Es sind die technisch-mechanischen Probleme, die Rickey faszinieren und deren Erforschung den erfindenden Künstler ausmachen.

Von 1960 an werden Rickeys Konstruktionen zunehmend einfacher, auf das Wesentliche reduziert. Um die »reine Bewegung« zu visualisieren, beschränkt er sich auf diejenigen materiellen Elemente, die maximal notwendig sind, um die Bewegung nachzuvollziehen. Das führt zum einen in den 1960ern dazu, dass er die Form zu einer spitz zulaufenden Linie (Zeiger) reduziert, die wie eine endliche, aber unbestimmbare Zeichnung im Raum funktioniert. Außerdem beginnt er, größere Skulpturen herzustellen, die die Zeitspanne der einsetzenden Bewegung verlängert, indem die Geschwindigkeit geringer wird. »So bringen Veränderungen in den Dimensionen von Teilen absolute, nicht relative Raum-Zeit-Veränderungen hervor«. (Rickey 1971, zit. n. ebd., 18).

In der Zeit von 1961, als Rickey sich in East Chatham, New York, niederlässt, bis 1971, dem Jahr seiner ersten Retrospektive, verbringt er ein aktives Jahrzehnt: Er bekommt das Guggenheim-Stipendium für eine kinetische Plastik. Auf die Teilnahme an »Bewogen Beweging« folgen Kontakte zu den Künstlergruppen Zero, Groupe de Recherche d’Art Visuel, Gruppo N, Gruppo T, Soto, Pasmore und 1962 zur Nouvelle Tendence. Rickeys erste große Außenplastik entsteht in London (Summer III, 1963), er veröffentlicht die Bücher »Morphology of movement« und »Constructivism. Origins and Evolution«, nimmt 1964 und 68 an der Documenta und 1968 an der Biennale Venedig teil. Im selben Jahr ist er Stipendiat des DAAD, unterrichtet in New York und Berlin und nimmt 1970 an der von Künstlern selbst kuratierten Ausstellung »Constructivist Tendences« teil.
Aus seinen Überlegungen heraus, die seitliche Bewegung der Linie bzw. der schwingenden Zeiger bezeichne bereits Flächen und Räume (vgl. Rickey, in: ebd., 18), experimentiert Rickey ab 1966 mit sandgestrahlten Edelstahlflächen, die sich zu bewegenden Würfeln, Tetraedern oder Säulen ergänzen oder diese als hohle Form umschreiben; Vier Vierecke im Geviert (1969) in der neuen Nationalgalerie in Berlin, ist ein Beispiel für eine solche Flächenarbeit. »Um eher aus dem Weg der Kegelform als dem der Linie ans Ziel zu gelangen« (Rickey, zit. n.: ebd., 19), variiert er in der Folge akribisch die Position der Drehachsen. Das Ergebnis sind equilibristisch ausgewogene, mobile Gefüge, deren Schwerpunkt oft so verlagert ist, dass die Objekte labil scheinen und suggerieren, die Gravitation sei außer Kraft gesetzt. Exemplarisch dafür steht sein Beitrag auf der vierten Documenta. Er konstruiert hier einen Raum, dessen Wandbegrenzungen beweglich, d.h. Höhen und Tiefen des Raumes variabel sind. Der Raum an sich wirkt instabil, womit ein irritierendes Raumempfinden provoziert wird.

Rickey verfolgt mit seinen feinmechanisch ausgeloteten und kalkuliert zusammen gesetzten Arbeiten stets das gleiche Ziel: Bewegung ausdrucksvoll zu machen und den Ablauf der Bewegungszeit darzustellen. Dafür arbeitet er auch im Außenraum, wo die natürliche Bewegung der Luftströmung die Pendelbewegung der Teile hervorbringt und variiert. Rickey ahmt nicht die Natur nach, sondern studiert ihre Gesetze der Bewegung – Gravitation und Zentrifugation. Diese setzt er in Beziehung zu Größe, Reibung, Trägheitsmomenten, Gleichgewicht, gestauter Energie und Pendelbewegung seiner Objekte. Indem Rickey den Zufall als Abwandlung mit einkalkuliert, grenzt er sich von anderen zeitgenössischen Strömungen wie Op-, Minimal- oder Concept Art ab.

In seinem Spätwerk beschäftigt Rickey sich wieder vermehrt mit der der konischen Bewegung bzw. der »Kontrolle der Bewegung durch einen gekrümmten Weg« (Rickey, in: Menkert u. Prinz 1994, 327), wobei die Figuren statt durch eine Ebene durch einen Kegel rotieren und für den Betrachter oft miteinander zu kollidieren scheinen.

Zahlreich ausgezeichnet, zuletzt 1987 in die Akademie der Künste in Berlin gewählt, stirbt George Rickey 2002 in Saint Paul, Minnesota.

Literaturauswahl

George Rickey in Berlin 1967 — 92: Slgs.-Kat. Berlinische Galerie, hg. v. J. Menkert u. U. Prinz, Berlin 1992

Tomii, R.: Between two Continents: George Rickey. Kinetic Art and Constructivism. 1949 — 1968, Michigan 1988

George Rickey: Ausst.-Kat. Kestner Gesellschaft, hg. v. W. Schmied, Hannover 1973

Riedl, P.A.: George Rickey. Kinetische Objekte, Werkmonografien zur bildenden Kunst 141, Stuttgart 1970

George Rickey: Ausst.-Kat. Galerie Staempfli, New York 1969

George Rickey. Kinetische Skulpturen: Ausst.-Kat. Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 1962

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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