George Brecht

Er begreift seine Werke als Forschungen um die Beschaffenheit menschlicher Erfahrungen. Stets bestimmen Experiment, Zufall und Paradox die für Eingriffe des Betrachters offenen Formen seiner Kunst, in der Georg Brecht Lebensgefühle wie Leere, Unbestimmtheit und Widersinnigkeit thematisiert.

1925 wird George MacDiarmid, alias George Brecht, in New York geboren. Während des Chemie-Studiums am Philadelphia College of Pharmacy and Science nimmt er 1946 — 50 Unterricht in figürlichem Zeichnen, Ölmalerei und Bildhauerei. Sein Studium schließt er 1950 in Mexiko ab, nimmt jedoch dort erneut das Studium der Malerei und Konstruktion auf. Zurück in den USA, setzt Brecht seine künstlerische Arbeit neben der Tätigkeit für chemische Konzerne fort. Er arbeitet an Lack- und Emailarbeiten, aber auch der Entwicklung von künstlerischen »Zufalls-Methoden-Modellen« (Chance Imagery,1957/66).

1958 nimmt Brecht in New York an den Experimental Composition-Klassen John Cages teil. Die New School for Social Research gilt als Ursprungsort des Happening (Simultanaufführung mit Stücken von Cage, Cunningham, Rauschenberg, 1952). Die Verbindungen zwischen Kunst und Wissenschaft, speziell Prozessen der Veränderung, Phänomenen des Zufalls und Theorien der Wahrnehmung zählen zu Brechts besonderen Interessensgebieten, die er mit seinen Objekten und multimedialen Events auslotet. Brecht begreift seine Werke als Forschungen um die Beschaffenheit menschlicher Erfahrungen. Stets bestimmen Experiment, Zufall und Paradox die für Eingriffe des Betrachters offenen Formen seiner Kunst, in der er Lebensgefühle wie Leere, Unbestimmtheit und Widersinnigkeit thematisiert.

In den ersten Arbeiten beschäftigen Brecht die visuellen Eigenschaften der Musik (Room Poem, 1958) und der Vergleich von Tonvariablen und Lichtanalogien, die auch das Event-Modell prägen, das er 1959 in seiner ersten Einzelausstellung präsentiert. Hier zeichnet sich bereits der Gattungsmix ab, der für spätere Arbeiten und Aktionen bestimmend bleiben wird. Stückanleitungen, Partituren, Objekte, Plakate, Tickets und Broschüren sind gleichermaßen Teil der Inszenierungen. 1959 folgen auch einige Gruppenausstellungen (Group 3, Below Zero), an denen u.a. auch Alberto Burri, Allan Kaprow und Robert Rauschenberg teilnehmen.

1960 führt Brecht gemeinsam mit Cage und Rauschenberg, Kaprow und Maxfield sein Candle Piece for Radios und Card Piece for a Voice auf. Es folgen Aufführungen, an denen sich Brecht auch mit Plakatentwürfen, Objekten oder Gestaltungskonzepten beteiligt. 1961 wird er in Europa (Stockholm, Amsterdam) ausgestellt, in New York zeigt er die Three Chair Events, mit denen er sich auch in den Folgejahren auseinandersetzt, und die große Schrankarbeit Repository, die das MoMA ankauft. Neben George Maciunas oder Nam June Paik werden 1962 Arbeiten von Brecht bei Events in Wuppertal (»Kleines Sommerfest: Après John Cage«) und Düsseldorf (»Neo-Dada in der Musik«) aufgeführt. Gemeinsam mit Robert Watts beginnt Brecht zugleich die Arbeit am »YAM«-Festival-Projekt, das im Mai mit einem einmonatigen Event-Programm seinen Höhepunkt findet. Um sich intensiver seinen künstlerischen Projekten widmen zu können, reduziert Brecht 1963 seine Tätigkeiten für Industrieunternehmen und wird Berater der Mobil Oil Company. Die zahlreichen Fluxus-Events in Wiesbaden, Amsterdam, Kopenhagen, Paris, Den Haag, Stockholm, Nizza und das von Maciunas und Beuys organisierte »Festum Fluxorum-Fluxus« in Düsseldorf, auf denen Brecht vertreten ist, verdeutlichen seinen Anteil an der europäischen Fluxus-Bewegung.

Mit der Konzeption der eventorientierten Action Paintings wendet sich George Brecht stärker der Sprache und ihrer kategorisch-definitorischen Bestimmung von Objekten und Situationen zu (Start/Stop oder Here an d Now, 1963). In den 60er und 70er Jahren entstehen auch die Event-Objekte – zufällig angeordnete Alltagsgegenstände, die sich, so der Künstler, im Moment, in dem der Betrachter sie erfasst und dessen Erfahrungen in das Werk einfließen, zum Event verdichten sollen. In dieser Zeit beginnt Brecht auch, sein Werk als »Buch« zu betrachten, dessen »Seiten« als Objektkästen angelegt sind (The Book of the Tumbler on Fire,1964). 1966 nehmen Georges Brecht und Robert Filliou in Villefranche-sur-Mer die Arbeit an dem Projekt La Cédille Qui Sourit, einem Modell für nicht-instrumentalisierte kreative Arbeit auf. Zugleich beginnen die Künstler, Ideen zur kreativen Erneuerung der Sprache zu entwickeln und experimentieren in Sprachspielen und paradoxen Sprachkonstellationen, die Brecht ab 1978 um Untersuchungen zum Verhältnis kalligrafisch-piktografischer Schriftzeichen ergänzt.

Brecht zieht 1968 nach London und lehrt – u.a. in Veranstaltungen zu »Chance and Randomness« oder »Intermedia« – am Leeds College of Art. Nach zahlreichen Ausstellungen und Projekten zieht er 1969 nach Düsseldorf, dann 1971 nach Köln. Neben Einzelausstellungen nimmt er 1972, 77 und 87 an der Documenta 5, 6, 8 teil und beginnt 1975 an einem neuen Kapitel des Book of the Tumbler on Fire, das die »Event«-Struktur von Kristallen untersucht und den späteren Bau von »selfmade« Kristall-Objektkästen vorbereitet. Eine Retrospektive widmet sich 1978 in der Berner Kunsthalle seinem Werk. Zahlreiche Buch-, Ausstellungsprojekte, Hörspielproduktionen und Events folgen seit den 80er Jahren.

George Brecht lebt und arbeitet in Köln.

Literaturauswahl

George Brecht, Events, Eine Heterospektive: Ausst.-Kat. Museum Ludwig, hg. v. Alfred M. Fischer, Köln 2005

George Brecht: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bern, Bern 1978

Fluxus, 1962 — 1982: Ausst.-Kat. Kunstverein Wiesbaden u.a., Wiesbaden 1982

Fluxus, Today and Yesterday, Art and Design: Ausst.-Kat. London 1993

Jappe, E.: Performance Ritual Prozess. Handbuch der Aktionskunst in Europa, München 1993

Friedman, K.: The Fluxus Reader, London 1998

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