George Braque

Mehrfachansichten kombiniert in Flächenschichtungen erzeugen eine kurvig, kantig-winklig gebrochene, multifokale Bildrealität. Picasso und George Braque entwickeln den analytischen Kubismus, der der Forderung von Paul Cézanne folgt und die Natur sowie reale Dinge so behandelt als seien sie aus Zylindern, Kugeln, Kegeln und Quadern beschaffen, die es im Bild vereinheitlicht durch ein erdfarbenes, schwarz und weiß durchsetztes Kolorit neu zu arrangieren gilt.

Georges Braque wird am 13. Mai 1882 in Argenteuil-sur-Seine geboren. Sein Vater führt ein Malergeschäft. Geschäft und Familie übersiedeln 1890 nach Le Havre. Hier erhält Braque erste Anregungen zum malerischen Ausdruck. Eine Lehre als Dekorationsmaler von 1897 bis 1899 ergänzt er durch den Besuch der Abendklasse der Kunstschule in Le Havre. Im Jahr 1900 zieht Braque in die Kunstmetropole Paris. Nach seinem Militärdienst in den Jahren 1901/02 studiert er Malerei an der privaten Académie Humbert und setzt sich intensiv mit dem Pointillismus von Paul Signac auseinander. Zugleich ist er befreundet mit Raoul Dufy, Othon Friesz, Marie Laurencin und Francis Picabia und gehört so in den Kreis der Kunstavantgarde von Paris. Braque gerät 1905 unter den Einfluss der Fauves, besonders das stark buntfarbige Kolorit und der pastose, an van Gogh orientierte Farbauftrag der »Wilden« wie Henry Matisse, Maurice de Vlaminck und André Derain prägen seine Malerei.

Bereits 1906 besucht Braque den Ort L’Estaque bei Marseille auf den Spuren von Paul Cézanne. Das folgende Jahr – 1907 – ist für Braques künstlerische Entwicklung von großer Bedeutung. Er sieht die große Cézanne-Retrospektive im Pariser Herbstsalon und setzt sich fortan analytisch mit Cézannes Bildarchitektur auseinander. Im gleichen Jahr sieht er in Picassos Atelier dessen Gemälde Demoiselles d»Avignon. Es beginnt hier der freundschaftliche und künstlerische Dialog der beiden, der bis ins Jahr 1914 auch die gemeinsame Atelierarbeit und Reisen umfasst. Letztlich erhält Braque 1907 einen Vertrag mit der Galerie Kahnweiler, wo er ein Jahr später bereits in einer Einzelausstellung präsentiert wird.

Die Jahre 1908 bis 1914 stehen ganz unter dem Zeichen der Zusammenarbeit mit Picasso. Er und Braque entwickeln zunächst den analytischen Kubismus, der der Forderung von Paul Cézanne folgt und die Natur sowie reale Dinge so behandelt als seien sie aus Zylindern, Kugeln, Kegeln und Quadern beschaffen, die es im Bild vereinheitlicht durch ein erdfarbenes, schwarz und weiß durchsetztes Kolorit neu zu arrangieren gilt. Mehrfachansichten kombiniert in Flächenschichtungen erzeugen eine kurvig, kantig-winklig gebrochene, multifokale Bildrealität. Diese wird von Braque ab 1912 mit collagierten Tapetenresten, Titelblättern von Zeitungen oder fragmentierten Werbeschriftzüge bereichert. Konzentriert auf das Motiv des Still-Lebens setzt sich Braque ganz im klassisch-historischen Sinne dieser Bildgattung mit den Aspekten der Zeit (so u.a. die »Journal«- und »[T]emps«-Fragmente) und den fünf Sinnen des Menschen auseinander: Saiteninstrumente = Gehör; Fruchtschalen, Flaschen, Gläser = Geschmack, das multifokale Zeigen der Dinge = Sehen, Collagiertes oder Trompe-l«œil-Effekte = Tastsinn. Anders als bei Picasso, der die s-förmige Kontur von Geigen, Gitarren und Mandolinen meist mit dem Reiz eines weiblichen Torsos verbindet, verweisen Braques Instrumente tatsächlich auf eine bildinterne Klangwelt. So erhält jede seiner Kompositionen einen ganz spezifischen Form- und Farbrhythmus. Musik generell und die kubistische Darstellungsweise Braques sind in enger Affinität zu Mathematik und Geometrie zu sehen.

Mit dem Ausbruch des I. Weltkrieges wird Braque 1914 Soldat, erleidet eine schwere Kopfverletzung und nimmt erst 1920 seine künstlerische Arbeit wieder auf.
Für die Werkphase nach 1920 bleibt der Synthetische Kubismus zwar noch relevant, doch rezipiert Braque die Kunst von Henry Matisse erneut und ist immer über die zeitgleichen Experimente von Picasso orientiert. Braque wendet sich nun auch der Bildhauerei und der Druckgraphik zu.
Braques späteres Werk dominieren die acht großen, in den Jahren 1949 bis 1956 entstandenen Intérieurs seines Ateliers. Bei diesen Kompositionen wird auch der Einfluss zeitgenössischer Fotographie und des Films sehr klar. Hier entstehen als Konfessionen lesbare Bilder, die all seine künstlerischen Positionen erläutern: die handwerkliche Grundlage seiner Jugend wie seiner Kunstrezeption, die mentale Hinterfragung von Sehen, Darstellen und den synästhetischen Qualitäten des Ausdrucks und letztlich das Erstellen eines zeitgenössisch mahnenden memento mori.

In den letzten 15 Jahren seines Schaffens erlangt Braque weltweite Resonanz: der Louvre ehrt ihn 1961 mit der Retrospektive »L’Atelier de Braque«, in jüngerer Zeit widmen ihm u.a. Solomon R. Guggenheim Museum, N.Y. (1988), das Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid (2002) oder das BA-CA Kunstforum, Wien (2008) große Ausstellungen.

Georges Braque stirbt am 31. August 1963 in Paris.

Literaturauswahl

Georges Braque – Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive: Ausst.-Kat. BA-CA Kunstforum, hg. v. I. Brugger, H. Eipeldauer, C. Messensee, Wien 2008

Rose, B.B.; Gunning, T. (Hg.): Picasso, Braque and early film in Cubism, New York 2007

Duthuit, G.; Labrusse, R.: Le Fauves. Braque, Derain, van Gongen, Dufy, Friesz …, Paris 2006

Danchev, A.: Georges Braque – a life, London 2005

Braque: Ausst.-Kat. Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid 2002

Georges Braques graphisches Werk aus der Sammlung C.S.: Ausst.-Kat. Westfäl. Landesmuseum, Münster 1991

Georges Braque: Ausst.-Kat. Solomon R. Guggenheim Museum, N.Y.; Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München 1988

Worms de Romilly, N.; Laude J.: Braque – Le cubisme fin 1907 — 1914: Werkverzeichnis, Paris 1982

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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