Georg Baselitz

Die grotesken Figurationen Baselitz’ erhalten den Stellenwert einer wiedererkennbaren Signatur, als er 1969 damit beginnt, die Bildmotive auf den Kopf zu stellen. Immer wieder wendet er sich Themenkreisen zu, die seine persönliche Geschichte und den Umgang mit nationalen Denkmustern und Kulturvorstellungen – wie Heimat, Kindheit und Volkskunst – zum Thema haben.

Georg Baselitz wird 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz / Sachsen geboren. Er beginnt sein Kunststudium 1956 an der Kunsthochschule Berlin / Weißensee, übersiedelt jedoch bereits 1957 nach West-Berlin. Dort studiert er bei Hann Trier an der Hochschule der Künste. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und NS-Geschichte, die Orientierungslosigkeit einer »vaterlosen Generation« und der Protest gegen einen allzu schnell befestigten politischen Status Quo bestimmen seine weitere künstlerische Laufbahn.

Im Jahr 1961 ändert der Künstler seinen Namen und nennt sich nach seinem Geburtsort Baselitz. 1961/62 erscheinen die beiden programmatischen Schriften »Pandämonium I/II«, die er gemeinsam mit dem befreundeten Künstler Eugen Schönebeck verfasst. Auf der Suche nach leidenschaftlichem künstlerischen Ausdruck wendet Baselitz sich der Tradition figuraler Malerei zu, die durch das Vorherrschen abstrakter und abstrakt-expressionistischer Tendenzen im Zeitkontext der 60er Jahre als Inbegriff des Anti-Modernen gilt und überdies durch die NS-Vergangenheit politisch belastet scheint. Für Baselitz wird der Körper zum bevorzugten Darstellungsmittel. Als verzerrte und verstümmelte, leblose Substanz inszeniert er den fleischlichen Körper, macht ihn mit lustvoller Obszönität und martialischer Monumentalität zur Metapher einer von Bevormundung und Trostlosigkeit gezeichneten gesellschaftspolitischen Situation (Die Große Nacht im Eimer, 1962/63). Baselitz persifliert mit seiner Bild-Folge der Helden in massiven männlichen Einzelporträts nationaldeutsche Denk- und Darstellungstraditionen (Die großenFreunde; Der Rebell, 1965; Der Hirte, 1965). In seinen Frakturbildern, die ab 1966 entstehen, zerstückelt und zerreißt er Bildmotive, löst sie in Streifen auf. Die grotesken Figurationen Baselitz’ erhalten den Stellenwert einer wiedererkennbaren Signatur, als er 1969 damit beginnt, die Bildmotive auf den Kopf zu stellen (Der Wald auf dem Kopf, 1969).

In den Folgejahren widmet Baselitz sich mehr und mehr der malerischen Bildkomposition. Insbesondere in Serien, die Baum- und Adlermotive zum Gegenstand haben, experimentiert er auch mit der Technik der Fingermalerei. Baselitz wird nun einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, eine erste Retrospektive seiner Zeichnungen findet 1970 in Basel, 1972 eine Werkausstellung in Hamburg 1972 statt. Auch auf der Documenta 5 im selben Jahr ist er vertreten. Seit 1977 — 83 lehrt Baselitz an der Kunstakademie Karlsruhe, im Anschluss bis 1988 an der Hochschule der Künste in Berlin.

Baselitz gestaltet ab 1979 auch monumentale Holzskulpturen. Seine bekannte, grob behauene figürliche Arbeit Modell für eine Skulptur ruft als deutscher Beitrag zur Biennale von Venedig 1980 insbesondere wegen des zum Hitlergruß gereckten Armes zahlreiche Proteste hervor. Neben Gemälden und Skulpturen beschäftigt sich Baselitz auch mit Bühnendekorationen. 1993 gestaltet er das Bühnenbild für die Oper »Punch und Judy« von Harrison Birtwistle an der Amsterdamer Oper. Höhepunkt zahlreicher Würdigungen ist 1995 eine umfassende Retrospektive im Guggenheim Museum New York.

Auch in den Folgejahren wendet sich Baselitz immer wieder Themenkreisen zu, die seine persönliche Geschichte und den Umgang mit nationalen Denkmustern und Kulturvorstellungen – wie Heimat, Kindheit und Volkskunst – zum Thema haben (Wir daheim, 1996; Wir besuchen den Rhein, 1996). In diesen Zusammenhang gehört auch der prestigeträchtige Auftrag für die Ausgestaltung des Reichstages in Berlin, in dem Baselitz sich mit einem der Hauptvertreter der deutschen Romantik, Caspar David Friedrich, auseinandersetzt (Friedrichs Frau am Abgrund, 1998; Friedrichs Melancholie, 1998).

Fragen der Geschichtlichkeit künstlerischer Darstellungsformen und ihrer politischen Verankerung bestimmen auch die jüngeren Werke Baselitz’. So interessiert ihn u.a. der sozialistische Realismus der 30er Jahre (Lenin auf der Tribüne, 1999), aber auch Werke Marcel Duchamps (Im Walde von Blainville, 2000). Seine Arbeiten verändern sich, zarte Farbnuancen auf frei belassener Leinwand und scheinbar pointillistische Farbtupfen, die mit Korken oder anderen Hilfsmittel aufgetragen werden, wechseln einander ab (Knaben I-IV, 1998; Rasterpunkte ausser Konkurrenz, 2002).

Georg Baselitz lebt und arbeitet in Derneburg bei Hildesheim und Imperia an der italienischen Riviera.

Literaturauswahl

Georg Baselitz. Bilder, die den Kopf verdrehen: Ausst-Kat. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bonn, Leipzig 2004

Georg Baselitz, Das große Pathos, Gemälde, Zeichnungen, Graphik: Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, hg v. Günther Gercken u. Christoph Heinrich, Hamburg, 1999

Georg Baselitz: Ausst.-Kat., Solomon R. Guggenheim Museum New York u.a., hg. v. Diane Waldman, New York 1995

Georg Baselitz – Retrospektive 1964 — 1991: Ausst.-Kat. Hypo-Kunsthalle München u.a., hg. v. Siegfried Gohr. München 1992

Franzke, Andreas: Georg Baselitz, München 1988

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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