Fritz Winter

Auch in seinem reifen, eigenständigen Werken nach 1950 besinnt sich Winter thematisch immer wieder des vegetabilen, naturräumlichen Werdens und Vergehens, eben jenen »Triebkräften«, die ihm wohl schon zuvor freier und autonomer und gegen die apokalyptische, politische Kriegsherrlichkeit der Nazis gerichtet, erscheinen mussten.

Fritz Winter wird am 22. September 1905 in Altenbrögge bei Unna in Westfalen als ältester Sohn von acht Kindern von Bergleuten geboren. Er beginnt 1919 eine Elektrikerlehre auf der Zeche Westfahlen in Ahlen und besucht dort auch das weiterführende Realgymnasium. 1924 beginnt er zu Malen und zu Zeichnen. Künstlerische Anregung erhält er durch das Werk von Paula Modersohn-Becker und 1926 lernt er in Holland Arbeiten von Vincent van Gogh kennen. 1927 bewirbt sich Winter am Bauhaus in Dessau und wird für das Wintersemester 1927/28 zugelassen. Zunächst wird er dort von Josef Albers und Wassily Kandinsky unterrichtet, bevor er in die Bühnenbild- und Malklassen von Oskar Schlemmer und Paul Klee gelangt und durch ein Stipendium der Stadt Dessau unterstützt wird. 1929 kann Winter mit 12 anderen jungen Bauhausmalern erstmals seine Arbeiten ausstellen. Seit diesem Jahr steht er mit E.L. Kirchner in Davos in Verbindung und trifft Naum Gabo, mit dem er drei Monate in dessen Berliner Atelier arbeitet. 1931 übernimmt Winter selbst eine Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Akademie in Halle a.S. Reiht man die künstlerischen Einflüsse dieser Anfangsjahre nebeneinander, denen Winter in den Jahren 1924 bis 31 ausgesetzt ist, so erscheinen das expressive Menschen- und Naturbild (Modersohn-Becker, van Gogh, E.L. Kirchner) gleichermaßen bedeutend wie die disziplinierte Abstraktion (Josef Albers) und ihre expressive Variante (Kandinsky, Schlemmer, Klee). Es bedarf einschneidender politischer Ereignisse, die ihn schicksalhaft treffen, um Winter zu einem eigenen Formenvokabular zu geleiten.

1937 ereilt Winter das Berufs- und Malverbot der Nationalsozialisten. 1939 wird er an die Ostfront eingezogen und dort in Folge mehrfach schwer verletzt. Letztlich gerät er in russische Gefangenschaft und wird erst 1949 entlassen. Während eines Heimaturlaubs im Jahr 1944 entstehen ca. 55 Arbeiten auf Papier in Mischtechnik umfassende »Triebkräfte der Natur«, die Winters eigentliche Schaffensintention zeigen. Geistig und intentional schon immer Klee verwandt, bringt Winter erst die Begegnung mit Hartung und Soulage 1950 in Paris auf den merklich eigenen kompositorischen Weg. 1949 kann er nach Dießen am Ammersee zurückkehren, wo er seit 1935 lebt. Ebenfalls 1949 ist er Mitbegründer der Münchner Künstlergruppe ZEN49, deren Name für ein gestalterisches Programm steht. Das Ziel der Gruppe besteht darin, das »Geistige« in der Welt abbildend zu erfassen. Winter steht jedoch in seiner Position der Abstraktion Künstlern wie Wilhelm Nay und Willi Baumeister grundsätzlich näher.

Auch in seinem reifen, eigenständigen Werken nach 1950 besinnt sich Winter thematisch immer wieder des vegetabilen, naturräumlichen Werdens und Vergehens, eben jenen »Triebkräften«, die ihm wohl schon zuvor freier und autonomer und gegen die apokalyptische, politische Kriegsherrlichkeit der Nazis gerichtet, erscheinen mussten. Im Jahr 1955 – Winter nimmt an der Documenta I teil – erreicht ihn ein Ruf für eine Professur an die Akademie in Kassel, die er bis zu seiner Emeritierung 1970 ausfüllt. Sein Altersitz bleibt Dießen, dort erreichen ihn zahlreiche nationale und internationale Preise und Ehrungen. Bereits 1974/75 schenkt Winter ein umfangreiches Werkkonvolut dem Münchner Galerieverein, aus dem die heutige Fritz-Winter-Stiftung erwächst. Erst 2005/06 widmet die Pinakothek der Moderne in München Fritz Winters Triebkräfte der Erde eine umfangreiche Ausstellung, die ihn zu Vorläufern, Zeitgenossen und Nachfolgern in Verbindung setzt.

Fritz Winter stirbt am 1. Oktober 1976 in Herrsching am Ammersee.

Literaturauswahl

Neue Formen, Arbeiten auf Papier 1925 — 1975: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Stuttgart 2006, Stuttgart 2006

Klingsöhr-Leroy, C.: Triebkräfte der Erde: Bilder des Schöpferischen, Köln 2005

Ausst.-Kat. Bayerische Staatsgemäldesammlung, München 2005: Triebkräfte der Erde; Winter, Klee, Marc, Beuys, Kirkeby, München 2005

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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