Friedrich Gräsel

Seine Röhrenskulpturen erscheinen wie das gigantische Mobiliar oder Spielzeug eines mutwillig formenden Riesen, der aber stets geometrische Raumprobleme mitreflektiert und seine Denk- und Werkschritte über das ganze Ruhrgebiet verteilt hat. Gräsel erarbeitet mit seinen Skulpturen bereits »Industriekultur« lange bevor dieses Wort dem Ruhrgebiet als erlöschendem Industriestandort eine neue Qualität eingebracht hat.

Friedrich Gräsel wird 1927 in Bochum geboren. Nach Schulzeit und Abitur studiert er ab 1952 freie Kunst, Kunstpädagogik und Germanistik an den Akademien und Hochschulen in München und Hamburg. Nach dem Staatsexamen für gymnasiale Kunstpädagogik im Jahr 1956 in Hamburg, schließt sich die Referendariatszeit und 1958 — 70 die Arbeit als Kunsterzieher an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen an. Ab 1968 wendet sich Gräsel, die Malerei hinter sich lassend, ausschließlich der Bildhauerei zu. Als Werkmaterial nutzt er industriell vorgefertigte Stahlelemente, meist Stahlröhren oder Asbestzementröhren großen Durchmessers. Auch Stahlplatten verbaut er zu Bodenskulpturen oder kleineren Tischobjekten. Die starre Industrieform verbindet er zu Objekten, die sich und dem Betrachter bzw. Benutzer völlig eigenständig den Raum erschließen.

In den Jahren 1970 — 78 ist Gräsel Professor für bildnerisches Gestalten in Münster und Essen. An der Universität in Kairo lehrt er 1979 — 84 als Gastprofessor. 1982 — 88 hat er eine Professur für plastisches Gestalten an der Gesamthochschule in Essen. Seit 1988 lebt er freischaffend in seiner Geburtsstadt Bochum, stiftet dort 2001 der Ruhr-Universität einen Werkkomplex von 47 Skulpturen und Zeichnungen als »Friedrich-Gräsel-Stiftung für Wissenschaft und Kunst«. Die Schenkung, über die auch Gräsels unbetitelte Skulptur von 1991 in die Kunstsammlung der Ruhr-Universität gelangt, entspringt dem interdisziplinären Projekt Herz, zwischen den medizingeschichtlichen Instituten der RUB wie der Universität Heidelberg und Friedrich Gräsel. Er nutzt die industriell gefertigten Stahlelemente als Kern- undHerzprodukt der rheinischen Stahlindustrie und setzt damit einem langsam erliegenden industriellen Produktionsprozess ins Zentrum seiner künstlerischen Gestaltung. So regeneriert er durch dieses Industrieprodukt in seinen Raumkonstruktionen und Formkombinationen eine neue Bedeutungsebene des Materials. Die Skulptur im öffentlichen Raum oder in Zusammenhang mit neu gebauter Architektur wird verweisendes Denkmal der Industriekultur dieser Region.

Die Skulpturen von Gräsel sind durch Zeichnungen und Ideenskizzen vorbereitet. Die räumlichen Ausmaße der Skulpturen reflektieren immer den umgebenden Realraum ihrer Aufstellung. Die geometrischen Grundkonstruktionen, die die Stabilität erfordert, werden anschaulich gebrochen durch die in verschiedenen Winkeln ansetzenden Elemente. Jede der Großplastiken von Gräsel trägt gleichwertig Konstruktion und Dekonstruktion in und an sich. Die Röhrenskulpturen als Raumbild erinnern durchaus an die gemalten Röhrenkonstruktionen von Fernand Legér, der ebenfalls von zeitaktueller Technik und Industrieproduktion inspiriert war. Die Materialmasse selbst, der durch die Masse der Röhren umschlossene Raum und die Zwischenräume seiner Rohrkonstruktionen sind zentrale Themen in Gräselsbildhauerischem Denken. Besonders seine großen Tore, das Hannover Tor von 1978/81 auf dem Moltkeplatz in Essen und sein Europator von 1997 in Gelsenkirchen veranschaulichen Werktypisches. Für beide konstruiert Gräsel mittig eine Türstocksituation aus zwei vertikalen Röhren, die eine Horizontale tragen. Alle drei Röhren stoßen im exakt gefassten 45-Gradwinkel aufeinander und haben natürlich den gleichen Durchmesser. Beiden Seiten des Türstockes sind Annexe aus Röhren gleichen Durchmessers, doch in unterschiedlichen Ansatzwinkeln angefügt. Es entsteht eine Vielansichtigkeit mit hoher Spannungsdichte innerhalb der Rundumsicht, die sich der Betrachter selbst durch umschreitende Bewegung erarbeiten muss. Ähnlich Paul Klees Aufstand des Viadukts gelingt es Gräsel die starren, monumentalen Röhren in eine Art vitale Beweglichkeit zu überführen, die die Haptik und die bewegliche Nutzung durch den Betrachter animieren. Gräsel selbst sagt über seine Torskulpturen: »Dieses Spiel zwischen Gehen und Schauen macht den Betrachter zu einem Betrachter-Akteur und eröffnet ihm schrittweise das Zusammenspiel der Formen und die Bedeutung des Ganzen.« (Vortrag am 31.05.2008 auf dem Moltkeplatz, Essen).

Der sechzehnteilige Röhren-Chor aus Abluftröhren – eine Funktionsskulptur in Münster – zeigt erneut Gräsels Talent, vorgefertigte Industrieprodukte zu vitalisieren. In vierfacher Höhenstaffelung von der ersten bis zur vierten Reihe sind die Abluftröhren mit gekrümmter, offenere Kopfform dicht gereiht auf einer Stahlplatte aufgestellt. Die Anonymität des Industrieproduktes wird hier quasi per Höhenwachstum individualisiert und erinnert zwingend an gestellte, fotografische Gruppenaufnahmen.Einen verglichbar belebenden Effekt erreicht Gräsel, wenn er seine Röhrenmontagen grell monochrom anstreicht. Gräsels Röhrenskulpturen erscheinen wie das gigantische Mobiliar oder Spielzeug eines mutwillig formenden Riesen, der aber stets geometrische Raumprobleme mitreflektiert und seine Denk- und Werkschritte über das ganze Ruhrgebiet verteilt hat. Gräsel erarbeitet mit seinen Skulpturen bereits »Industriekultur« lange bevor dieses Wort dem Ruhrgebiet als erlöschendemIndustriestandort eine neue Qualität eingebracht hat. Dieser Aspekt verbindet die Skulpturen von Gräsel in gewisser Hinsicht auch mit den fotografischen Dokumentationen des Künstlerpaars Bernd und Hilla Becher.

Friedrich Gräsel lebt und arbeitet in Bochum.

Literaturauswahl

Ziebarth, A. (Hg.): Friedrich Gräsel, Köln 2007

Friedrich Gräsel, Bochum, Skulpturen –Zeichnungen – Modelle: Ausst.-Kat. Halle, hg. v. H.-G. Sehrt, Halle a.S. 1999

Friedrich Gräsel: Plastiken und Zeichnungen: Ausst.-Kat. Aachen, Münster, hg. v. U. Schneider, Ostfildern-Ruit 1998

Müller, I.; Goertler, K.; Gräsel, F.: Herz. Rätsel in Wissenschaft und Kunst, Bad Oyenhausen 1997

Friedrich Gräsel: Plastiken, Ausst.-Kat. Germanisches Nationalmuseum, hg. v. G. Bott, Nürnberg 1985

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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