Franz West

»Es sollte eigentlich eine Darstellung von Neurosen sein. Ich behaupte, dass es so aussehen würde, wenn man Neurosen sehen könnte (…) Der Mensch ist ein Prothesengott.« (F. West, 2000). Stets kennzeichnet ein Imperativ Wests Arbeiten: der Besucher soll sie berühren, bespielen, oder wie im Falle der Pass-Stücke an seinen Körper anpassen.

»Ich kam 1946 zur Welt und nahm den üblichen Werdegang zum Gymnasium. Dann wechselte ich öfters die Schulen, später die Internate und beendete 1965 auf Anraten eines Freundes meine Schulbesuche und wendete mich der »Beat-Generation« zu, bereiste den Nahen Osten und hatte mich zwischen 1968 und 70 wegen Drogengenusses wiederholt Entwöhnungskuren und Gefängnisaufenthalten zu unterziehen. Dann befreundete ich mich mit meinem Bruder O. Kobalek. 1971 bis 76 versuchte ich regelmäßig Farbkombinationen zu Musik (fast ausschließlich Interpretationen von G. Souzay Und K. Berberian) und begann mich für die Wiener Gegenwartskunst zu interessieren. Ab 1974 bekam ich von R. Priessnitz Literaturhinweise, hatte ab 1976 ständige Kontakte zur Galerie nächst St. Stephan, studierte von 1977 bis 1982 bei Prof. Gironcoli. 1980 Retirade, gelegentliche Zusammenarbeit mit anderen Künstlern wie F. Koglmann, Szeni, de Cohen, Kobo und R. Polansky kompatibel einer Verlagerung meines Öffentlichkeitskontaktes zu J. Hummel« – so ein lapidar anmutender Kurzlebenslauf Franz Wests aus dem Jahr 1987, der sich noch durch den Geburtsort Wien und sein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste ergänzen lässt. 1992/93 lehrt West schließlich an der Frankfurter Städelschule, anschließend nimmt er eine Professur an der Kunstakademie Karlsruhe an.

Seine künstlerische Arbeit beginnt West mit den Mitte der 1970er Jahren entstehenden Passtücken – transportablen, aus Papiermaché, dann aus Polyester oder aus Aluminium hergestellten Objekten: »Es sollte eigentlich eine Darstellung von Neurosen sein. Ich behaupte, dass es so ausehen würde, wenn man Neurosen sehen könnte (…) Der Mensch ist ein Prothesengott.« (F. West, 2000). Die »körpererweiternden Sinnesprothesen« sind auf Berührung und Körperanpassung, auf freie Interaktion mit dem Rezipienten und die Überwindung der Distanz angelegt. Wests Objekte mutieren zu Gebrauchsgegenständen, fordern ein freies »Bewegungsspiel« heraus. Sie stellen dem angesprochenen Publikum aber zugleich auch veränderte Wahrnehmungsmöglichkeiten in Aussicht, neue »psychische Erfahrungen«.

Stets kennzeichnet ein solcher Imperativ Wests Arbeiten: der Besucher soll sie berühren, bespielen, oder wie im Falle der Pass-Stücke an seinen Körper anpassen. West Ermunterung, die konventionellere Haltung der Kunstbetrachtung aufzugeben und mit den Objekten umzugehen, wurzelt gleichermaßen in der modernen, auf haptische Wahrnehmung und Interaktion gerichteten Skulpturenauffassung wie im Umfeld der Aktionskunst, speziell des Wiener Aktionismus. Körpereinsatz und Performance, die Zusammenführung von künstlerischer Aktion mit dem Agieren des Publikums, von Objekt und Körper sind wesentliche Momente.

Ende der 1980er Jahre entstehen Wests erste Sitzmöbelplastiken – Sitzgruppen, Möblierungen von Filmvorführräumen, Ruheinseln, die er selbst als Fortführung seiner körperbezogenen Skulpturen versteht und erstmalig 1989 in Krefeld ausstellt. Die verschiedenartigen Sitzmöbel (Eo Ipso, 1987; Sitze, 1991), die er nun aus Fertigteilen entwickelt, und die zum Teil auch nur nach seiner Anleitung aufgestellt werden, erhalten jedoch auch früheren Arbeiten vergleichbare Eigenschaften: Sie sind ebenso wie die älteren Skulpturen und die neueren Möbelobjekte und -gruppen (Auf Sicht (Bellevue), 2000) auf aktive Nutzung, auf Standpunkt- und Perspektivwechsel des Publikums ausgerichtet. In dieser Hinsicht nehmen sie auch auf objekt- wie raumbezogene Konzepte Bezug, die sich ausgehend von der Minimal und Concept Art seit den 1960er Jahren entwickelten. Stärker als zuvor überschreiten sie die Grenze zwischen Kunst und Gebrauchsgegenstand und forcieren neue Haltungen, aber auch veränderte Formen der Kommunikation in medial ausgerichteten Raumkontexten (Mao Memorial, 1994/1996; Abriss, 1995). Dabei entwickelt West auch im musealen Ausstellungszusammenhang stets veränderte Bezüge seiner Einzelobjekte und Objektkonstallationen untereinander, bezieht auch Arbeiten anderer Künstler (Franz West / Hans Arp, Hamburger Kunstverein, 1997) oder Gemeinschaftarbeiten, beispielsweise mit Mike Kelley (2002) in die Ausstellungskontexte ein.

Mit bisweilen lautmalerisch-skurrilen oder literaturentlehnten Titelgebungen und objekthaften Bezugnahmen – wie der an Freuds legendäres Analyse-Sofa angelehnten Installation von Freiluftkino-Liegen für die Documenta IX im Jahr 1992, aber auch Skulpturen wie Bronze (Am Brunnen vor dem Tore) von 2003 oder dem Projekt Einst Ein am Templiner See (2005) – gibt West seinen Arbeiten erweiterte raum-zeitliche Dimensionen. In jüngerer Zeit arbeitet der Künstler verstärkt im öffentlichen Raum. Projekte wie das Außenraumprojekt Mostly West vor dem Lincoln Center in New York und am Doris C. Freedman Plaza am Central Park (2004) übertragen den Gedanken der Nutz- und Bespielbarkeit durch den Besucher in einen jenseits der musealen Präsentation gelegenen öffentlichen Raum, der wiederum eine veränderte Rezeption wie Aktion forciert.
Neben den genannten Objekten und Environments umfasst Wests Werk auch Reliefs, Arbeiten mit Papier und Collagen, Übermalungen, einzelne oder in Gruppen zusammengestellte Skulpturen oder Videotapes, in denen er bewusst mediale Grenzen überschreitet.

Seit Franz Wests ersten Ausstellungen in den 1980er Jahren (Neue Galerie am Landesmuseum Johanneum in Graz, 1986) werden seine Arbeiten kontinuierlich im Rahmen von Einzelpräsentationen, Gruppen- und Themenausstellungen (»De Sculptura«, Wien, 1986; »Skulptur – Projekte in Münster«, 1997) gezeigt. Seine Installationen sind 1992, dann erneut 1997 auf der Documenta X in Kassel präsent, auf der West mit der Bilderwand Demand of Sense eine Chronologie seines eigenen Schaffens präsentiert. 1993 gestaltet West den österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Jüngere Ausstellungen werden ihm 2001 in Hamburg (»Appartement«, Deichtorhallen), 2003 in London (»Franzwestite«, Whitechapel Art Gallery) oder 2005 in Vancouver (Vancouver Art Gallery) gewidmet.

Franz West lebt und arbeitet in Wien.

Literaturauswahl

Franz West: Ausst.-Kat. Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, hg. v. V. Loers, D. Zwirner, Köln 2006

Schlebrügge, J., Turian, I. (Hg.): Franz West. Gesammelte Gespräche und Interviews, Köln 2005

Franz West – We’ll not carry coals: Ausst.-Kat. Kunsthaus Bregenz, hg. v. E. Schneider, Köln 2003

Franz West – Appartement: Ausst.-Kat. Deichtorhallen, hg. v. Z. Felix, Hamburg 2001

Gnadenlos – Franz West – Merciless: Ausst.-Kat. MAK Wien, hg. v. P. Noever, Ostfildern-Ruit 2001

PROFORMA: Ausst.-Kat. Museum moderner Kunst, Stiftung Ludwig Wien u.a. Köln 1997

Franz West – Gelegentliches zu einer anderen Rezeption: Ausst.-Kat. Städtisches Museum Abteiberg, hg. v. V. Loers u. F. West, Mönchengladbach 1995

Kobalek, O., Wechsler, M., West, Franz, Max.: Otium, Edition Unikate, Zürich 1995

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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