Frank Stella

Das »Hauptinteresse«, so Stella, liege hier darin, »das, was man allgemein dekorative Malerei nennt, wirklich lebensfähig in einem eindeutig abstrakten Idiom zu machen. Dekorativ, das heißt in einem guten Sinne – in dem Sinn, wie es sich auf Matisse anwenden lässt« (Stella, in: Rubin 1970).

Frank Stella wird am 12. Mai 1936 in Malden/ Massachusetts geboren. Er besucht 1950 — 1954 die Phillips Academy in Andover, an der er bei Patrick Morgan Malerei studiert und u.a. Carl André kennen lernt. 1954 setzt Stella sein Studium an der Princeton University in New Jersey im Fach Geschichte fort, besucht jedoch zugleich die offene Malklasse von William C. Seitz. 1958 schließt er sein Studium ab und übersiedelt nach New York. In den 1960er und 70er Jahren führen ihn Reisen nach Südamerika und Indien, die auch für die in der Folge entstehenden seriellen Arbeiten bedeutungsvoll werden. 1982 ist er mehrere Monate in Rom, wird im Jahr darauf an der Harvard University zum »Charles Eliot Norton Professor of Poetry« ernannt und hält dort sechs Vorlesungen unter dem Titel »Working Space«.

Der Umzug nach New York führt Stella 1958 in eine Stadt, deren junge Kunstszene von dem Wunsch nach einer Loslösung von der europäischen Tradition und von ungeheurer Aufbruchstimmung erfasst ist. Die neuen künstlerischen Entwicklungen sind ebenso mit der Malerei des Abstrakten Expressionismus und der New York School wie mit den Künstlern Arshile Gorky, Willem de Kooning, Robert Motherwell und Jackson Pollock, Barnett Newman, Ad Reinhardt und Mark Rothko verbunden, die den New Yorker Stadtteil Greenwich Village zum künstlerischen Zentrum der Zeit machen.
Nach früheren Arbeiten, die noch deutlich seine Orientierung an Jasper Johns Fahnenbildern erkennen lassen, entwickelt Frank Stella ab 1958 in New York die erste seiner zahlreichen Werkserien, die Black Paintings. Er tut er dies im Umfeld jener Bewegung der New York School, für die, beginnend mit Rauschenberg, das schwarze Bild programmatischen Charakter annimmt. Wie auch Reinhardt, Rothko oder Newman beschäftigt sich auch Stella intensiv mit der Nicht-Farbe Schwarz und entwickelt bis 1960 eine monochrome, vierundzwanzig Bilder umfassende Serie, in der er auf Grundformen des Bildaufbaus zurückgreift und – »nach Pollock« wie zugleich gegen die Op Art gerichtet – eine Neudefinition des Bildes wagt. Die ungegenständlichen schwarzen Bilder, die nun entstehen, markieren in ihrer unhierarchischen, gleichmäßigen Struktur, ihrem geometrisierten »all-over« und ihrer Flächenwirkung einen grundlegenden Umbruch in der Malerei. Zwei Typen der Black Paintings entstehen bis 1960: die schwarzen Bilder, deren Streifen parallel zum Bildrand verlaufen (rectilinear-pattern) und Variationen dieses Prinzips, die diagonale parallele Streifen (diamond-pattern) zeigen. Stella beschreibt sein künstlerisches Anliegen 1959: »Das Ausbalancieren der verschiedenen Teile mit- und gegeneinander. Die offensichtliche Antwort war Symmetrie – mache das gleiche über die ganze Fläche (All-over). Doch die Frage blieb, wie man es konsequent machen kann. Eine symmetrische Figur oder Konfiguration, auf eine freie Fläche gestellt, ist noch nicht im illusionistischen Raum ausbalanciert. Die Lösung, zu der ich gelangte – und es gibt sicherlich mehrere, obwohl ich nur eine weitere kenne: Farbdichte –, zwingt den illusionistischen Raum durch ein regelmäßiges Muster mit einer gleich bleibenden Wirkung aus dem Bild. Die verbleibende Aufgabe war lediglich, eine Methode des Farbauftrags zu finden, die der Lösung des Entwurfsmusters folgte und sie komplettierte. Dies wurde durch die Benutzung der Farben und Werkzeuge des Anstreichers erreicht.« (Stella, in: Rosenblum 1971).

Einen weiteren Schritt vollzieht Stella mit den Aluminium Series, in denen er ab 1960 die aluminiumfarbenen, dichteren vertikalen Streifen am Schnittpunkt einer gedachten Diagonalen abknickt und in der Folge auch die Außenform des Bildes jener linearen Binnenstruktur angleicht – die »shaped canvases« entstehen. Das Verfahren verfolgt Stella auch mit den nachfolgenden Copper Paintings, die er 1960/61 in Kupferfarbe ausführt, um jedwede räumliche Wirkung aus dem Bild zu verbannen. Nun entstehen L-, T- und U-förmige Bildobjekte an der Grenze zum Relief, die ebenfalls durch die Einheit von Binnenform und Form des Bildträgers von traditionellen Bildformaten wegführen und die durch Form- und Farbgebung die Objekthaftigkeit des Bildes unterstreichen (Ouray, 1960/61).
Die Anfang der 1960er Jahre entstehenden Concentric Squares, die Stella ebenso wie die aus der V-Form entwickelten Serien (Empress of India, 1965) auf den Ergebnissen früherer labyrinthartig oder auch diagonal angelegter Farbbahnen (Moore Series) entwickelt und bis in die 1970er Jahre weiter verfolgt, zeugen erneut von weit reichenden Veränderungen. Nun operiert Stella mit unveränderten Grundfarben sowie Schwarz-Weiß-Mischungen, die konzentrisch formiert werden. Wie auch in den Running-V-Serien zeichnen sie sich durch größere Dynamik aus. Und doch hofft Stella, dass in dem strengen Formalismus dieser Bilder nur erkannt wird: »Was du siehst, ist, was du siehst« (1964) – das konkrete Credo Stellas.

Die Serie bestimmt weiterhin Stellas Arbeit und kennzeichnet seine künstlerischen Experimente zwischen Malerei und Objektkunst. Die Irregular Polygons von 1966 – wie beispielsweise Conway I – rücken mit unregelmäßigen Binnen- und Bildformaten, mit vollständigen Dreiecks- und Quadratformen von der Regelmäßigkeit früherer paralleler Strukturen ab, wobei die Flächigkeit des Bildes weiterhin Anliegen des Künstlers bleibt. Ende der 1960er entstehen mit der Serie Gemini (1967) auch erste Lithographien, in Zusammenarbeit mit Merce Cunningham arbeitet Stella zudem an Bühnendekorationen.
Die halbkreisförmigen Protractor-Bilder der ausgehenden 1960er Jahre zeigen neue farblich gefächerte und rhythmisierte Anordnungen, die an Farbkreise erinnern.Das »Hauptinteresse«, so Stella, liege hier darin, »das, was man allgemein dekorative Malerei nennt, wirklich lebensfähig in einem eindeutig abstrakten Idiom zu machen. Dekorativ, das heißt in einem guten Sinne – in dem Sinn, wie es sich auf Matisse anwenden lässt« (Stella, in: Rubin 1970). Auch zu den Arbeiten der russischen Konstruktivisten des beginnenden 20. Jahrhunderts stellt Stella in seinen folgenden Serien Verbindungen her. Die Polish Village Series der beginnenden 1970er Jahre zeigt nun reliefartige Flächen auf verschiedenen, zum Teil auch verwinkelten Bildträgern aus leinwand-, stoff- oder filzbespannten Hartfaserplatten. Mit der Titelgebung (z.B. Rakow I, 1971) bezieht er sich mit diesen stärker raumbezogenen Arbeiten auf polnische Orte, deren Holzsynagogen von den Nationalsozialisten zerstört wurden – eine Bezugnahme, die an Stellas frühere Bildbetitelungen der 50er Jahre erinnert, in denen er Parolen der NS-Zeit aufnahm.

Mit den ersten, 1976 entwickelten Exotic Bird Series rückt Stella entscheidend von vorherigen, flächenbezogenen Gestaltungsvorgaben ab. Auf der Basis von Kurvenlinearen, also vorgefertigten Messinstrumenten mit standardisierten Formschablonen, findet er zunächst in der Fläche des Millimeterpapiers zu neuen Kompositionen. Nach diesen werden Modelle, schließlich große Aluminiumobjekte gefertigt. In Ihrer Asymmetrie und der neuen Funktion als Träger gestischer Bemalung bereitet sich hier auch die anschließende Indian Bird Series vor, die auf einer Indienreise entsteht und deren Modelle aus Konservendosenblech gefertigt werden. Bis zu den späten vollplastischen Aluminiums-Reliefs, den stereometrischen Körpern der Cones and Pillars entwickelt Stella diese Serien durch Formvariationen, veränderte Strukturen und dynamisierende Bemalung systematisch zu eigenständigen raumbezogenen Objekten weiter. Die großformatige Serie der Cones and Pillars schließlich, die aus 48 Werken besteht und deren Titel den italienischen Märchen Italo Calvinos entlehnt sind (z.B. Lo sciocco senza paura,1987), umfasst nun auch vollplastisch ausgeführte und bemalte Kegel und Zylinder, die zu verschachtelten Kompositionen zusammengefügt sind. Zitathaft wirkt in dieser Serie nicht nur die streifenförmige Bemalung, die an die frühen Bilder Stellas erinnert, sondern auch die Aufnahme Graffiti-ähnlicher Elemente. Bewusste Rückgriffe auf frühere Gestaltungsprinzipien, u.a der Brazilian Series werden auch in der Wave Series fassbar, die Stella seit 1986 entwickelt.

Ab 1990 befasst sich Stella auch mit der architektonischen Projekten, so u.a. für das Neue Museum in Groningen. 1991 arbeitet er an den Planungen für eine Kunsthalle in Dresden, 1992/93 gestaltet er das Princess of Wales Theatre in Toronto. 2001 wird Stellas monumentale Skulptur Prinz Friedrich von Homburg, Ein Schauspiel, 3X an der Nordost-Seite der National Gallery of Art in Washington D.C. aufgestellt.

Mit seiner Übersiedlung nach New York beteiligt sich Stella an Ausstellungen im In- und Ausland, die die neue Kunst aus den USA bekannt machen, so beispielsweise »Three Young Americans« von 1958. Einzelausstellungen finden ab 1961 (Galerie Lawrence, Paris) u.a. 1968 im Pasadena Art Museum und Seattle Art Museum, 1988 im The National Museum of Art in Osaka oder der Staatsgalerie Stuttgart statt. Die erste große Retrospektive seines Werks erfolgt 1970 im Museum of Modern Art in New York und wandert in die Hayward Gallery in London und das Stedelijk Museum Amsterdam. 1968 und 1977 ist Stella auf der Documenta in Kassel vertreten, 1968, 1978 und 1980 werden seine Werke auf der Biennale in Venedig, 1982 im Rahmen der Ausstellung »Zeitgeist« im Martin Gropius Bau, Berlin gezeigt. In jüngerer Zeit finden große Ausstellungen u.a. im Metropolitan Museum, New York und im Haus der Kunst, München statt.

Frank Stella lebt und arbeitet in New York.

Literaturauswahl

Black Paintings, Robert Rauschenberg, Ad Reinhardt, Mark Rothko, Frank Stella: Ausst.-Kat. Haus der Kunst, München, hg. v. Stephanie Rosenthal, München 2006

Verspohl, F.-J.; Müller, Ulrich u.a.: Die Schriften Frank Stellas, Jena 2001

Frank Stella: Ausst.-Kat. Haus der Kunst, München, hg. v. Hubertus Gaßner, München 1996

Pictor Laureatus. In Honour of Frank Stella. Frank Stella zu Ehren, hg. von A.M. Ehrmann-Schindelbeck, M. Platen, F.-J. Verspohl, Gera, Arnstadt 1996

Frank Stella 1970 — 1987: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, hg. v. W. Rubin, New York 1988

Frank Stella – Black paintings 1958 — 1960, Cones and pillars 1984 — 1987: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart, hg. v. Gudrun Inboden. Stuttgart 1988

Rubin, Lawrence: Frank Stella. Paintings 1958 to 1965. A catalogue raisonné. New York 1986

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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