Francois Morellet

Er erfindet sich stets neu. Morellets Arbeit ist stark von einem scheinbaren Widerspruch geleitet, der einerseits auf der strikten rationalen Anwendung systematischer Überlegungen beruht, und andererseits von surrealistisch anmutenden Wortspielereien und dadaistischem Humor und vor allem vom Zufall geprägt ist.

François Morellet wird 1926 in Cholet/ Anjou geboren und wächst in einem an Kunst und Literatur interessierten Elternhaus auf. Er studiert in den 1940er Jahren in Paris Russisch und begeistert sich für Jazz und Malerei, mit 20 Jahren beginnt er weitgehend autodidaktisch zu malen. Von 1948 bis 75 leitet er außerdem die familieneigene Spielzeugfabrik in Chinon, was ihm nicht zuletzt finanzielle Freiheit für sein künstlerisches Schaffen in Cholet und Paris gewährt. Morellet gilt als ein Vertreter der konkreten geometrischen Kunst, die er sowohl in Zeichnung, Objekt, Malerei wie Installation und kinetischer Kunst realisiert. Zentrale Elemente seines konzeptuell wie minimalistisch wirkenden Werks sind geometrische Formen und die Systeme ihrer Anordnung nach dem Prinzip von Regel und Zufall.

Anfang der 1950er Jahre, angeregt durch eine Südamerikareise, lernt François Morellet die konkreten Werke des Schweizer Malers Max Bills kennen lernt, die sein Frühwerk stark prägen. Als Vertreter der konkreten Kunst lehnt Bill die Subjektivität in der Kunst ab. Hatte Morellet bis dahin freie abstrakte Bilder mit Überlagerungen geometrischer Formen angefertigt, verschwindet nun alles Bildhafte, die Arbeiten werden systematischer und er beginnt sich der Darstellung arithmetischer Regeln zuzuwenden, indem er geometrische Formen kombiniert. Er beschränkt sich zunächst weitgehend auf ein quadratisches Format, das eine inhaltlich neutrale Haltung unterstützt, und nutzt fast ausschließlich schwarz oder weiß, da dies die beiden konträrsten und kontrastreichsten Farben sind, die entweder alle anderen ein- oder sie ausschließen. Dabei stellt er kleine gleichartige Einheiten gegenüber und wiederholt sie nach vorgegebenen und zugleich zufälligen Regeln. Es sind meist Dreiecke oder andere geometrische Formen, Linien, Linienbrüche, Liniennetze oder -gitter.

Daraus entstehen seine ersten Rasterbilder (Trames), überlagerte horizontale und vertikale Parallelen, deren Struktur die gesamte Bildfläche homogen bedeckt und über die Bildgrenzen hinausreicht. Dieses Prinzip variiert er systematisch und schafft damit eine Vielfalt von Ergebnissen. 1960 nimmt er in Zürich an der Ausstellung »Konkrete Kunst – 50 Jahre Entwicklung« teil, und seine erste Einzelausstellung findet u. a durch Initiative Victor Vasarelys in Brüssel statt.

Er ist 1961 sowohl Gründungsmitglied der Nouvelle tendence in Zagreb als auch des Centre de Recherche d’Art Visuel (GRAV), eine Art Gegenreaktion auf die vorherrschende École de Paris. Bis zu ihrer Auflösung 1968 hinterfragen die Künstler der GRAV gemeinsam den modernen souveränen Autorenbegriff, wobei sie sich auf Duchamp stützen und mit experimenteller, kinetischer und interaktiver Kunst Sehgewohnheiten erforschen wollen. Sie propagieren im neodadaistischen Sinne die Anti-Kunst, zuletzt indem sie durch öffentliche Aktionen den Schaffensprozess konterkarieren. Gemeinschaftlich sind sie 1965 in der New Yorker Ausstellung »The Responsive Eye« und bei »Licht und Bewegung« in Bern vertreten.

1962 überträgt Morellet das Prinzip der Trames ins Dreidimensionale (Sphère-trames / Raster-Kugeln) und beginnt mit den plastischen Arbeiten, den Raum zu strukturieren. Ein Jahr später entsteht seine erste Arbeit mit einer Neonlichtröhre, die es ihm erlaubt, nun auch Zeit und Rhythmus ins Werk einzubauen. Im gleichen Jahr forciert er das periphere Sehen der Betrachter, in dem er anlässlich der dritten Biennale von Paris mit seiner ersten Tapetenarbeit LabyrinthD die gesamten Decken und Wände mit Strukturen überzieht. Zu Beginn der 1970er schiebt er die Betrachterfrage etwas in den Hintergrund, zugunsten einer Auseinandersetzung mit öffentlichen Orten. Es entstehen seine Serien (Dés)integrations architurales, in situ, und die Wandarbeiten Tableaux déstabilisés. Morellet erfindet sich stets neu – so kombiniert er überraschenderweise in den 1980ern Naturmaterialien und geometrische Formen – und setzt sich später auch wieder mit der Leinwand (etwa in denSteel-Lifes) auseinander.
François Morellets Arbeit ist stark von einem scheinbaren Widerspruch geleitet, der einerseits auf der strikten rationalen Anwendung systematischer Überlegungen beruht, und andererseits von surrealistisch anmutenden Wortspielereien und dadaistischem Humor und vor allem vom Zufall geprägt ist.

Neben zahlreichen internationalen Einzelausstellungen in den berühmtesten Museen der Welt hat Morellet an wichtigen Gruppenausstellungen mitgewirkt. Der Teilnahme an der Documenta III im Jahr 1964 (»Licht und Bewegung«) folgen weitere in den Jahren 1968 und 1977. Im Jahr 1987 ist er auf der Ausstellung »Skulptur Projekte Münster« vertreten. Morellet entwirft Aufsehen erregende und oft ephemere Arbeiten, wie eine übergroße bewegliche Neonarbeit (12 × 36 m) für den französischen Pavillon bei der Weltausstellung in Osaka 1970, im gleichen Jahr bringt er während der Biennale di Venezia (auf der er auch 1970 und 1986 vertreten ist) mit dem Penching Ball die Besucher dazu, durch ihre Bewegung eine Lichtinstallation zu betreiben. In den 1970er und 80er Jahren finden beachtete Retrospektiven seines Werkes statt (u. a. in Philadelphia, New York, Sydney, London, Paris, Zürich, Bern). Er ist in wichtigen öffentlichen und privaten Sammlungen präsent und erhält zahlreiche Kunstpreise.

Literaturauswahl

Francois Morellet. Die Quadratur des Quadrats: Ausst.-Kat. Museum Ritter Waldenbuch, Heidelberg 2009

Situation Kunst – für Max Imdahl. Die Erweiterung 2006, Düsseldorf 2008

François Morellet, Claude Monet: Ausst.-Kat. Musée d’Orsay, Paris 2006

Morellet: Ausst.-Kat. Museum Würth Künzelsau 2002

François Morellet: Konstruktionen mit der Zahl Pi, München 2001

Morellet: Ausst.-Kat. Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris 2000

François Morellet dans l’atélier du Musée Zadkine: Aust.-Kat. Musée Zadkine, Paris 1999

Morellet: Ausst.-Kat. Musée National d’Art Moderne, Paris1986

Die Sprache der Geometrie: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern, hg. v. H.Ch. v. Tavel, Bern 1984

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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