Fischli & Weiss

1979 nehmen Peter Fischli und David Weiss ihre Zusammenarbeit auf. Sie wenden sich in Film, Fotografie, Künstlerbüchern, Plastiken, Objekten aus verschiedenen Materialien und Multimedia-Installationen der konzeptuellen Arbeit zu. Ausgangspunkte und Materialien ihrer Arbeiten sind oft Alltagsgegenstände, die sie in erstaunlichen Konstellationen zu situativ-ironischen Arrangements zusammenfügen und fotografisch oder filmisch festhalten.

Peter Fischli wird 1952, David Weiss 1946 in Zürich geboren. Fischli studiert 1975 — 76 an der Academia dei Belle Arti in Urbino und von 1976 — 77 an der Kunstakademie in Bologna. David Weiss ist 1963 — 64 an der Kunstgewerbeschule Zürich und studiert anschließend bis 1965 Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule Basel.
1979 nehmen beide Künstler ihre Zusammenarbeit auf. Fischli/Weiss wenden sich in Film, Fotografie, Künstlerbüchern, Plastiken, Objekten aus verschiedenen Materialien und Multimedia-Installationen der konzeptuellen Arbeit zu. Ausgangspunkte und Materialien ihrer Arbeiten sind oft Alltagsgegenstände, die sie in erstaunlichen Konstellationen zu situativ-ironischen Arrangements zusammenfügen und fotografisch oder filmisch festhalten.

Für die frühe gemeinsame Wurstserie, eine Serie von zehn Fotografien, formieren die Künstler im Kühlschrank vorgefundene Würste und Wurstscheiben. Die konfektionierten Wurstwaren in industriell standardisierten geometrischen Formen werden zum Ausgangsmaterial und -format für Raum- und Situationssimulationen: Ein Teppichlager aus Würsten, ein Verkehrsunfall, eine Modenschau aus Würsten oder ein Häuserbrand (Der Brand von Uster, 1979) offenbaren die Absurdität der ausstellungsartig eingerichteten Wurtsserie in der Materialkombination sowie räumlichen Anordnung. Das erstaunliche Ergebnis – ungeachtet ob Cocktailgürkchen oder Gabel, Messer, Flasche, Teller (An einem stillen Nachmittag, 1984) als Akteure von Installation und Fotosequenz fungieren –, verdankt sich der verfremdeten Beziehung, in die die einzelnen Bestandteile zueinander gesetzt sind. Die fotografische Wiedergabe solcher »Landschaften« oder »Ereignisse«, in denen Würste aufgrund ihrer vorgefundenen oder durch die Künstler modellierten Form bestimmte Alltagsgegenstände wie Feuerwehrlöschzug, Teppichstapel oder Fabrikschlote simulieren können, erzeugt dabei – wenn auch Pappkonstruktionen oder Holzfußböden erkennbar bleiben – eine dokumentarische Perspektive.

Mit dem Film Der Lauf der Dinge (1986/87, 16 mm/Video, 30 min), einer auf der Documenta 8 gezeigten Arbeit, wird das Künstlerduo verstärkt international wahrgenommen. In komplexem Aufbau führen Fischli/Weiss eine akribisch eingerichtete Kette mechanischer Impulse und prozessualer Aktionen vor Augen: Die Kamera folgt einem feuerwerkskörper-angetriebenen Schienenfahrzeug, das eine Kettenreaktion in Gang setzt: Dessen Anstoß setzt eine Tonne in Bewegung, die wiederum einen Brand legt, die eine Kugel, dann eine Tonne ins Rollen bringt etc. etc. Die scheinbar banale Folge mechanischer Ereignisse lenkt, wie auch andere Arbeiten der beiden Künstler, den Blick auf grundlegende Fragen um Realität und Wahrnehmungsvermögen. Hier werden Kausalität, Funktionsweisen und Möglichkeiten der technischen Welt fokussiert, deren Gesetzmäßigkeiten und zeitliche Dimension, deren Machbarkeit und Erfolg von den Künstlern konterkariert und zu ästhetischen wie moralischen Richtlinien umgeformt. »Es geht in diesem Film natürlich auch um das Problem von Schuld und Unschuld. Ein Gegenstand ist schuld, dass es nicht weiter geht, und auch schuld, wenn es weitergeht. Es gibt ein eindeutiges RICHTIG bei unseren Versuchen; das ist, wenn es funktioniert, wenn dieses Gestell zusammenbricht. Dann gibt es noch ein SCHÖN gleichsam über diesem RICHTIG; das ist, wenn es knapp wird oder wenn dieses Gestell zusammenbricht, wie wir es wollen, nämlich langsam und kompliziert, dann ist es schön zusammengebrochen. Also liegt die Ästhetik auf dem Funktionieren drauf wie die Butter auf dem Butterbrot, ziemlich dünn und gleichmäßig.« (Fischli/Weiss, zit. nach: Medien Kunst Netz (2004).

Auch in ihren anderen, z.T. über mehrere Jahre entstehenden Film- und Foto-Projekten, die während zahlreicher Reisen, aber auch im Umfeld ihres Wohnorts Zürich entstehen, wenden sich Fischli/Weiss alltäglichen, mitunter absurden Situationen oder Objektkonstellationen zu. Mit Aufnahmen des Schweizer Mittellands, gegen den subtropischen Regenwald gestellt (Sichtbare Welt, 1987 — 2000), mit fotografischen Doppelbelichtungen von Blumen an verschiedenen Orten der Welt (Untitled (Flowers), 1997/98) bis zu Fotografien alltäglicher Situationen an Flughäfen (Airport, 1989ff.) oder Sammlungen global zusammengetragener Wandmalerei (Fotografias, 2005) lassen sie gleichermaßen kontrastreich-absurde wie hybride Bildkonstellationen entstehen – Vexierbilder, die stets die Grenzen von Realem und Irrealem, Sein und Schein ausloten.

Neben Foto- / Filmprojekten, den zahlreichen Objekten und Skulpturen (Mad Max, 1983; Kanalarbeiter, 1986; Der Tisch, 1992), Skulpturengruppen (Plötzlich diese Übersicht, 1981) und Publikationen (Sichtbare Welt, 2000; Findet mich das Glück?, 2003) zählen in jüngerer Zeit auch verstärkt Multimedia-Installationen und Projektionen zu den Arbeiten von Fischli/Weiss. Beispielhaft sei auf den Beitrag Kleine Fragen – große Fragen, eine sequenzielle Projektion von 405 Diapositiven mit handgeschriebenen Fragen für die Biennale 2003 verwiesen: »Warum geschieht nie Nichts?«, »Kommt ein Bus?«, »War ich noch nie ganz wach?«, »Kommen Meinungen von selbst?« oder »Gibt es die Welt auch ohne mich?« Ist meine Dummheit ein warmer Mantel?»

Die Arbeiten von Fischli/Weiss werden vielfach im Rahmen von Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt (u.a. 1985: Kunsthalle Basel, 1992: Musée National d’Art Moderne, Centre Georges Pompidou, Paris, 1997: Documenta X, Kassel, 2005: »Jenseits von Arkadien – Natur und Landschaft in der zeitgenössischen Fotografie«, Pinakothek der Moderne, München, 2006: »artgames – Analogien zwischen Kunst und Spiel«, Ludwig Forum für internationale Kunst, Aachen). Werke des Künstlerduos sind in zahlreichen Museen international vertreten (u.a. Museum of Modern Art, New York, Tate Modern, London, Kunsthaus Zürich, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/M., Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf).

David Weiss stirbt am 27. April 2012 in Zürich. Peter Fischli lebt und arbeitet in Zürich.

Literaturauswahl

Curiger, Bice (Hg.): Peter Fischli, David Weiss, London 2006

Fleck, R.; Söntgen, B.; Danto, A.: Peter Fischli and David Weiss, New York / London 2005

Peter Fischli, David Weiss. Fragen, Projektion: Ausst.-Kat. Museum Ludwig, Köln 2002

Das Geheimnis der Arbeit, Texte zum Werk Peter Fischli & David Weiss, hg. v. Kunstverein München, München / Düsseldorf 1990

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat