Ferdinand Spindel

Vor allem der Schaumstoff wird zum bevorzugten Ausdrucksmittel seiner oft unbetitelten Reliefs, Materialbilder und Objekte, die eine neue Ästhetik des formbaren, weichen Materials erschließen. Bildhaft auf Spanplatten fixiert oder auch verschnürt und freistehend platziert, gibt Spindel dem Material neue Form und Sprache.

Ferdinand Spindel wird 1913 in Essen geboren, absolviert nach der Schulzeit eine Ausbildung zum Gebrauchsgraphiker an der Folkwangschule in Essen. 1957 wird er Mitglied des Deutschen Künstlerbundes, steht überdies in engem Kontakt zur 1957 von Heinz Mack und Otto Piene gegründeten Gruppe ZERO. Zwischen 1963 und 1973 prägt Spindel als Vorsitzender das Erscheinungsbild der bereits 1931 etablierten Gelsenkirchener Künstlersiedlung Halfmannshof. In Anlehnung an das Bauhaus formieren sich in dieser bereits zu Beginn spartenübergreifende Künstlerateliers und Werkstätten, die in den 1960er und 70er Jahren, u.a. in gemeinsamen Ausstellungen mit der Gruppe Zero, zunehmend aktuelle Tendenzen der Kunst vertreten. Spindels Werk wird seit den 1970er Jahren ebenso in Einzelausstellungen gewürdigt (Museum am Ostwall in Dortmund, Kunstmuseum Gelsenkirchen; Westfälisches Landesmuseum, Münster), wie auch im Kontext thematisch ausgerichteter Ausstellungen gezeigt (»Intermedia«, Heidelberg; »Szene Rhein-Ruhr 1972«, Essen; »Kunstpreisträger der Stadt Gelsenkirchen 1964 — 1985«; »Industrial Land Art«, Bochum u.a. 2009).

Spindel wendet sich nach ungegenständlichen Arbeiten der 1950er Jahre ab 1963 alltäglichen Materialien zu. Vor allem der Schaumstoff wird zum bevorzugten Ausdrucksmittel seiner oft unbetitelten Reliefs, Materialbilder und Objekte, die eine neue Ästhetik des formbaren, weichen Materials erschließen. Bildhaft auf Spanplatten fixiert oder auch verschnürt und freistehend platziert, gibt Spindel dem Material neue Form und Sprache, wobei er seine Arbeiten teils monochrom übermalt, teils die Originalfarbe des jeweiligen Schaumstoffs beibehält.
So entstehen Materiallandschaften oder serielle Reliefstrukturen, deren räumliches Wirkpotenzial sich ebenso der Formbarkeit des oft in Rahmen oder Gitterstrukturen eingepassten Materials wie zugleich der Lichtverhältnisse im Raum verdankt (Reihung II, 1963). Rosafarbene Schaumstoff-Stelen oder organisch anmutende rotfarbene Schaumstoffobjekte, so beispielsweise die Arbeit Rotes Gehirn aus dem Jahr 1970, nutzen die speziellen Qualitäten des Industriewerkstoffs Schaumstoff, dessen gängige Konnotation als Verpackungsmaterial Spindel in knautschenden, blasigen und faltigen Formungen skulpturhaft erweitert. Die assemblageartigen Kombinationen von Schaustoff mit grafischen Techniken oder Fotografie dokumentieren ebenso den Wunsch des Künstlers, das neue Material auch als Bildträger zu etablieren und seine poröse Oberflächenstruktur für veränderte Bildwirkungen zu nutzen (Ohne Titel, 1965, Siebdruck auf Schaumstoff), wie zugleich den Werkstoff medienübergreifend zu verarbeiten.

Spindels Objekte und begehbare Environments aus Schaustoff erweitern das Werkspektrum in den Raumkontext. Vor allem seine begehbare rosafarbene Schaumstoffhöhle Hole in Home – 1966 im Haus Günter Tollmanns in Gelsenkirchen gezeigt – mit ihrer gleichermaßen urhöhlenhaften wie zugleich organisch anmutenden Raumkonzeption quasi als »Mutterhöhle« zeigt ebenso sein Interesse an neuen Materialkonnotationen – einer nahezu lebensräumlichen Materialverwendung. Dagegen können die Abformungen seiner Schaumstoffgebilde wiederum als Medien und retrospektive Belege spezieller Materialstrukturen und Formungen gelten, die weit dauerhafter sind als die nur bedingt haltbaren, sich mit der Zeit auflösenden unbehandelten Schaumstoffobjekte. In den 1970er Jahren knüpft Spindel noch einmal an die früheren plastisch wirkenden Bleistiftzeichnungen an, deren Strukturen nun jedoch die Nähe zu den Faltungen und –knautschungen dokumentieren, die so kennzeichnend für seine Schaumstoff-Arbeiten sind.

Ferdinand Spindel stirbt 1980 in Neuenkirchen bei Soltau.

Literaturauswahl

Ferdinand Spindel – Eine Retrospektive: Ausst.-Kat. Städtisches Museum Gelsenkirchen, Gelsenkirchen 1993

Ferdinand Spindel: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Museum Folkwang, Essen 1986

Ferdinand Spindel, Schaumstoffobjekte, Schaumstoffboxen, Schaumstofflabyrinth: Ausst.-Kat. Gegenverkehr e.V., Aachen 1971

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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