Ferdinand Kriwet

Seit den 1980er Jahren und bis zur Eröffnung einer umfangreichen Retrospektive in der Kunsthalle Düsseldorf im Jahr 2011 entsteht eine größere Lücke in der Wahrnehmung von Kriwets wegweisendem ?uvre, das sowohl konzeptuelle wie transmediale Eigenschaften besitzt und ihn – trotz der selbst gesetzten Grenze des »Analogen«, aus heutiger Sicht zu einem der Pioniere der Medienkunst avancieren lässt.

Ferdinand Kriwet wird 1942 in Düsseldorf geboren und wächst im Ruhrgebiet auf. 1961 erscheint sein erstes Buch »ROTOR« – ein »Roman ohne Handlung«, ein »Text in Buchform, ohne Mittelwege, eine reine sprachliche Verkettung kausaler Optionen« (G. Jansen, Die Welt ist Zeichen, in: Ders., Düsseldorf 2011, 10).
Schon in den frühen Veröffentlichungen und Alben zeigt sich Kriwets Interesse auch an anderen künstlerischen Ausdrucksformen, die ihn – nach Düsseldorf übersiedelt und bereits in der frisch eröffneten Düsseldorfer Kunsthalle ausstellend –, auf das Feld der visuellen und auditiven Wahrnehmung und Kommunikation lenken. »Mein Material als Schriftsteller ist in erster Linie Sprache. Ich versuche, beide Dimensionen von Sprache, auf der einen Seite Lautsprache, auf der anderen Seite Schriftsprache, zur Komposition eigentümlicher Texte zu verwenden. Mittels der Konstituenten der Lautsprache komponiere ich also ganz spezifische Lauttexte, Hörtexte, wie ich sie später genannt habe, die auch in den Bereich der Musik weisen und die Radiotechnik verwenden.« (F. Kriwet zit. n. K. Schöning, in ebd., 32).

Die Schriftbilder und Sprechtexte (Offen, 1961), die Seh-Texte (DuMont Verlag, 1962) und Super-Seh-Texte, die Hörbeiträge (z.B. Hörtexte, Sender Freies Berlin, 1963) und Theatertexte, mit denen Kriwet, wenn auch in spielerischer Form, den klassischen Medien lose verbunden bleibt, werden schnell von neuen Strukturen und Synthesen von Text, Sprache und Bild begleitet.

Völlig übergangslos überschreitet Kriwet die medialen Grenzen hin zu bildsprachlichen und zeichensprachlichen Ausdrucksformen wie sie auch von anderen Vertretern der Visuellen Poesie zeitgleich gesucht werden. Die Arbeiten zeugen von Kriwets, auch in theoretischen Schriften formulierten Infragestellung traditionellen Medien- und Gattungsverständnisses. Sie kommen überdies einem medienübergreifenden Ansatz gleich, für den die 1960er Jahre das Motto »Mixed Media« ausgegeben haben und der heute im Zusammenhang intermedialer Zusammenhänge behandelt wird.

Über öffentliche Plakatwände, in Installationen und Ausstellungen, die Kriwet gemeinsam mit anderen kommunikations-, medien- und kunstkritischen Künstlern wie Wolf Vostell u.a. organisiert, nähern sich seine Arbeiten gegen Ende der 1960er Jahre ebenso skulptural-objekthaftem wie auch räumlichem und architektonischem Formenvokabular an, durch das sich neue Bild-Raum-Kontexte erschließen lassen. 1967 ist er u.a. neben Günther Uecker, Heinz Mack oder Gerhard Richter in Düsseldorf an der Gestaltung der legendären Szene-Bar und des Aktionsraums »Creamcheese« beteiligt. Im gleichen Jahr nimmt er seine Arbeit am glückauf manifest (1968) – zur Umstrukturierung des Ruhrgebietes – auf, das die strukturellen und räumlichen Intentionen seiner Arbeit noch einmal für einen speziellen Bezugsraum dokumentiert.
Auch durch die Medien der ausgehenden 1960er Jahre, durch Radio und Fernsehen inspiriert, weiten sich Kriwets Vokabular und Medienspektrum, das neben Text-Kuben, den plastischen Neon-Texten (1976) schließlich raumbezogenen Leitsystemen und digitalen Text-Bild-Panels der 1980er auch auditiv oder audiovisuell erfahrbare Arbeiten für den Hörfunk, Textfilme und Mixed Media-Ereignisse (Mixed Media 1, Uraufführung 18.01.1968) an urbanen Kunstorten und in Kinos umfasst. Kriwets Hörstücke wenden sich Themen um die massenmediale Darstellung und Verbreitung, beispielsweise 1969 des frühen TV-Ereignisses der Mondlandung oder auch der amerikanischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 1973 zu. Frühe Hörfunkarbeiten (wie »Voice of America«, »Apollo America«, »Campaign«, »Ball«, »Radioball« und »Radio«) werden 2007 erstmals auf Tonträger veröffentlicht.

Sprach- und Klangfragmente oder O-Töne aus dem Hörfunk, so beispielsweise von Sportreportagen (Modell Fortuna, 1977), machen die Reizüberflutung durch die Medien auch über Zitate und Ton-Collagen von Massenereignissen in den bewusst. Dabei zählt die Kalkulation des Wirkpotenzials der auditiven und audiovisuellen Stücke und Aktionen Kriwets ebenso zu den zentralen Aspekten seines Œuvres wie die zeittypische Idee der Einbeziehung und Aktivierung der Hörer und Zuschauer, die ihn mit der Aktionskunst verbindet.

Die Serie der poem paintings – Text fragmentierende und visuell strukturierende Leinwandbilder (z.B. poem painting Nr. 9, 1964) – rütteln ebenso an den Grundfesten des Text-Satzes wie der Zeichen- und Bildreferenz. Gleichsam als Werbebotschaften angelegt, zeigen die buttons kreisförmige bildliche Loops ineinander greifender Zeichen und Worte (Button, Emailleschild der edition Außenkunst, 1969), die sich die filmische Technik der Überblendung zunutze zu machen scheinen, um ebenso lineare Textstrukturen wie den Zeichencharakter der Buchstaben und Worte zu konterkarieren. Kriwet »ist gleichermaßen ein praktischer Semiotiker wie medialer Praktiker (…)«, »bei ihm scheint die Konkrete Kunst zur Pop Art und letztlich zur semiotischen Medienkunst (…) fortentwickelt« (Jansen, ebd.); bei ihm wird mit diesen medialen Überschreitungen auch das Wirken eines Künstlers zugänglich, für den sich schon bald das Label »Allrounder« gefunden hat.

Neben den Buchpublikationen, Rundfunk-Stücken und vielen Arbeiten im öffentlichen Raum (so u.a. Licht-Text-Wand (1976/77) im Kölner Fernmeldeamt West, Lesewald in Mönchengladbach (1980), NRW Landeswappen (1988) im Düsseldorfer Landtag, oder seinen buttons in der Ruhr-Universität, Bochum) fußt die Vermittlung von Kriwets Werk bis etwa Anfang der 1980er Jahre auch auf seiner Ausstellungspräsenz im In- und europäischen Ausland (z.B. 1962 im Stedelijk Museum, Amsterdam; 1968 in der Kunsthalle Baden-Baden oder 1972 im Essener Folkwang Museum). 1969 ist er auf der Biennale in Venedig, 1977 auf der Documenta VI präsent, beteiligt sich in der Folge auch an vielen Gruppenausstellungen, u.a. in Amsterdam, Basel, Brüssel, Edinburgh, Madrid, Liverpool, Paris, Palermo, New York oder Tokio beteiligt.

Seit den 1980er Jahren und bis zur Eröffnung einer umfangreichen Retrospektive in der Kunsthalle Düsseldorf im Jahr 2011, die unter dem Titel Yester »n« Today» gezeigt wird, entsteht jedoch eine größere Lücke in der Wahrnehmung von Kriwets wegweisendem Œuvre, das sowohl konzeptuelle wie transmediale Eigenschaften besitzt und ihn – trotz der selbst gesetzten Grenze des »Analogen«, aus heutiger Sicht zu einem der Pioniere der Medienkunst avancieren lässt.

Auch die Ehrungen und Preise, die Kriwet zahlreich erhält – beispielsweise 1967 den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen und den Tokyo Metropolitan Governor’s Award, 1972 den Förderpreis der Stadt Düsseldorf für Literatur oder 1975 Karl Sczuka-Preis des Südwestfunks –, datieren in frühere Arbeitsperioden des inzwischen wiederentdeckten medienkritischen Künstlers.

Ferdinand Kriwet lebt in der Eifel.

Literaturauswahl

Jansen, Gregor (Hg.): Kriwet – Yester »n« Today, Düsseldorf 2011

Kriwet, Ferdinand: Modell Fortuna, Hörtext VIII, Stereo-Schallplatte, Düsseldorf 1977

Kriwet – Arbeiten 1960 — 1975: Ausst.-Kat. Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 1975

Kriwet, Ferdinand: Kriwet-Stars, 3-bänd. Lexikon, Köln 1971

Kriwet F: Apollo Amerika, Frankfurt 1969

Dieter Krieg, Ferdinand Kriwet, Almir Mavignier, Wolf Vostell: Ausst.-Kat., Kunst- u. Museumsverein, Wuppertal 1968

Kriwet F.: ROTOR, Köln 1961

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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