Fang Lijun

Er arbeitet mit heterogenem Vorlagematerial: Fotografien, Schnappschüssen, Bildern aus Film und Werbung und mit Motiven, die ebenso der chinesischen Volkskunst und der Plakatpropaganda der Kulturrevolution wie auch individuellen Fotosammlungen entlehnt scheinen. Verzerrt und entindividualisiert in der Masse verortet formieren sich die Figuren in Fang Lijuns Bildern zu ornamentalen Strukturen.

Fang Lijun wird 1963 in Handan, in der chinesischen Provinz Hebei geboren. 1980 wird er an der Hebei University of Technology in den Ceramic Art Studies ausgebildet. Nach dem Abschluss arbeitet er 1984 als Plakatmaler in einer Werbeagentur, wird 1985 an der Zentralakademie der Schönen Künste in Peking in den Studiengang Druckgrafik aufgenommen, den er 1989 abschließt. Bleistiftzeichnungen, die stets asiatische und westliche Perspektiven verschränken, entstehen. Noch als Student und Mitglied der »Post-89er-Bewegung« beteiligt sich Fang auf Initiative des Kurators und Kunstkritikers Li Xianting an der Ausstellung »China Avantgarde« in der Nationalgalerie in Beijing, in der er erste Ölbilder zeigt. Studienreisen führen ihn anschließend in die Niederlande, Norwegen und USA.

Die serielle Arbeit kennzeichnet die Zeit nach Fang Lijuns Abschluss seines Studiums ebenso wie der Dialog zwischen Malerei und Grafik und die wechselseitige Motivaufnahme in beiden Gattungen. Seit den ausgehenden 80er Jahren bestimmt die realistische menschliche Figur im Raum sein Werk. Auch jene glatzköpfigen, fleischfarbigen Männerfiguren, die er angelehnt an Fotografien zunächst in industriell gefertigter Farbe gestaltet, entstehen erstmalig in dieser Zeit. Inzwischen gelten sie als eine Art Markenzeichen des Künstlers. »Während die frühen Zeichnungen und Ölbilder noch Menschen in der Abgeschiedenheit dörflicher Gemeinschaften zeigen und die Figuren wie eingeschlossen von traditioneller Architektur und großen Mauern wirken, öffnet sich um 1990 der Bildraum« – wie dies Gruppe Eins, Nr 2von 1990 bereits andeutet. »Die Figuren, nun eindeutig als Stadtbewohner zu identifizieren, erscheinen vor Küstenlandschaften und schließlich vor der Kulisse eines offenen Panoramas aus Himmel, Wolken« (Heinrich, in: Ausst.-Kat. Mahjong, 2006), ab etwa 1993 auch vor dominierenden Wasser-Hintergründen. Hier werden die Figuren zu treibenden oder schwimmenden Gestalten, die oft von oben gezeigt, ganz von spiegelglatter oder leicht bewegter Wasseröberfläche umfangen werden.

Fang Lijun arbeitet mit heterogenem Vorlagematerial: Fotografien, Schnappschüssen, Bildern aus Film und Werbung und mit Motiven, die ebenso der chinesischen Volkskunst und der Plakatpropaganda der Kulturrevolution wie auch individuellen Fotosammlungen entlehnt scheinen. Ausschnitthafte Zitate, aber auch durch Größenverhältnisse oder Reihung veränderte Figuren dienen als Ausgangsmaterial der großformatigen Bilder. Verzerrt und entindividualisiert in der Masse verortet, wie z.B. in dem Holzschnitt SARS von 2003, der sieben Bildsegmente zu einer »geklont wirkenden Masse verdichtet« (zit. ebd.), formieren sich die Figuren zu ornamentalen Strukturen. Der Verzicht auf Farbe in den zum Teil schwarz-weiß angelegten Arbeiten spricht in seinem sachlichen Ton ebenso noch von der engen Verbindung zur fotografischen Vorlage wie die Wahl fotografischer Perspektiven oder des Bildausschnitts.

Mit dem Ortswechsel von Beijing nach Dali im Süden Chinas ändern sich Fang Lijuns zuvor vornehmlich auf Malerei und Porträt gerichteten künstlerischen Intentionen. Seine monumentalen Figurendarstellungen – später auch in der grellen Farbgebung einer werbe- und freizeitorientierten Gesellschaft –, die immer wieder das Individuum im Ornament der Masse aufgreifen, weichen nun nicht minder stilisierten Naturmotiven, die der Künstler an der traditionellen chinesischen Ikonografie orientiert. Auch großformatige Darstellungen einzelner Figuren, wie z.B. das ikonografisch bezugsreiche Bild eines von riesiger Hand gehaltenen Säuglings unter dem Titel 2001.1.15 (2001), entstehen nun.

Zunächst in privat organisiertem Rahmen stellt Fang Lijun seit Beginn der 1990er Jahre gemeinsam mit Liu Wei aus. 1992 zeigt das Kunstmuseum Beijing erstmals Werke der beiden Künstler, 1995 folgen Ausstellungen Fangs in Galerien in Frankreich und den Niederlanden, seit 1996 im Rahmen von Museumsausstellungen in Japan, den USA und Europa – so u.a. 1992 im Beijing Art Museum, 1995 im Museum Ludwig, Köln, 1996 im Japan Foundation Forum in Tokio, 1998 im Stedelijk Museum, Amsterdam, 2001 im Singapore Art Museum. Auf der Biennale von Venedig ist Fang Lijun 1993 und 1999 vertreten.
1993 titelt das New York Times Magazine mit einem Bild Fang Lijuns und versteht ihn als Exponenten einer neuen Generation chinesischer Künstler. Der »Zynische Realismus« in der chinesischen Gegenwartskunst, dem Fangs Werke vielfach zugeordnet werden, von dem sich der Künstler jedoch selbst distanziert, zählt zu den kritisch diskutierten Phänomenen der Gegenwartskunst.

Fang Lijun lebt und arbeitet in Beijing und Dali/China.

Literaturauswahl

China Now, Kunst in Zeiten des Umbruchs: Ausst.-Kat. Sammlung Essl, Wien 2006

Smith, K.: Nine Lives. The Birth of Avant-Garde Art in New China. Zürich, 2006

Fibicher, B.; Frehner, M. (Hg.): Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg. Ostfildern-Ruit, 2005

Fang Lijun: Fang Lijun. Hunan Fine Arts Publishing House, Hunan, 2001

China! Zeitgenössische Malerei: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, hg. v. D. Ronte, W. Smerling, E. Weiss, Köln 1996

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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